Die Schriftstellerin und Malerin Barbara Honigmann© Ingo Wagner/dpaZEIT ONLINE: Frau Honigmann, Sie schreiben seit 25 Jahren Romane über die großen Brüche und Verluste in Ihrem Leben: die Ausflüchte Ihres Vaters, die Exzentrik und Sehnsucht Ihrer Mutter, Ihr Theaterleben in der DDR. Emanzipieren Sie sich dabei von dominanten, alten Kräften?

Barbara Honigmann: An einen therapeutischen Wert des Schreibens glaube ich nicht. Es ist ja keine Suche nach Wahrheit, kein "Erinnern – Wiederholen – Durcharbeiten", sondern im Gegenteil: eine Inszenierung, Umdichtung, Zerdichtung von Erlebtem und Erfahrenem.

ZEIT ONLINE: Fast alle Ihre Romane erzählen von Ostberlin in den Siebzigern und Achtzigern. Mit wie viel biografischem Abstand ist ein Thema denn "reif", um einen Roman zu tragen?

Honigmann: Ein Stoff reift von ganz allein. Dazu muss man aber auch immer wieder brachliegen, wie ein Feld. Die Brachliege-Zeit ist natürlich überhaupt die beste: Ich glaube, dass ich gar nicht zu schreiben begonnen hätte, wenn ich mich damals nicht aus Berlin losgerissen hätte, das ja, trotz DDR, mein Nest war. In diesem Sinne ist "Emanzipation" richtig. 

ZEIT ONLINE: Heute leben Sie mit Ihrer Familie in Straßburg. Dort spielt auch Soharas Reise, Ihr einziger Roman, der einer "fremden" Figur, der marokkanischen Jüdin Sohara, folgt. Warum dieser einmalige Versuch vor 15 Jahren?

Honigmann: Soharas Reise war eine Bilanz meiner damaligen Erfahrungen in unserem Straßburger "Schtetl". Die Geschichte passierte genau so, und zwar im Nebenhaus, ich habe alles ganz genau miterlebt und die Rolle der Romanfigur Frau Kahn gespielt, die Sohara bei den Briefen an die Behörden hilft. Alle Figuren haben ihre Vorbilder hier, und ich habe wirklich nur "nacherzählt", was passiert ist.

ZEIT ONLINE: Auf den ersten Blick wirken Ihre Bücher ganz sparsam, leicht.

Honigmann: Als Jugendliche wollte ich Tänzerin werden. Das Tanzen war wohl der Versuch, dem Ungeordneten, Unsicheren und auch einer ungeordneten Trauer in meinem Inneren äußeren Ausdruck zu geben. Nachdem meine Tanzkarriere und später auch meine Karriere als Dramaturgin gescheitert waren, wurden Malen und Schreiben zu meinem zweiten Versuch.
Wahrscheinlich bin ich lange um den heißen Brei herumgeschlichen, bevor ich gewagt habe, die Dinge deutlicher zu benennen. Das Understatement des beiläufigen Erzählens ist aber keine Bescheidenheit, sondern die – ich glaube, ich hoffe – ehrliche Suche nach meinem eigenen Gesicht und meiner eigenen Sprache, die mir im Schatten meiner Eltern wohl unklar geblieben sind, im Schatten ihrer Geschichte und ungewöhnlichen Lebensart.

ZEIT ONLINE: Haben Sie das Gefühl, als Tochter, Jüdin, Deutsche etwas zu repräsentieren? Etwas repräsentieren zu müssen?

Barbara Honigmann: Nicht bewusst. Unbewusst vielleicht, um diesem engen Kreis jüdischer Remigranten, in dem ich aufgewachsen bin und der mich geprägt hat und der so verschlossen war, ein Andenken zu geben und ihm gleichzeitig zu entkommen. Ich frage mich manchmal, ob sie sich im Grabe herumdrehen – oder sich vielleicht ein bisschen bequemer in ihren Gräbern fühlen.

ZEIT ONLINE: In Straßburg treffen Sie wöchentlich eine Gruppe Frauen und lesen den Talmud – mit ruhiger, sehr genauer Textarbeit und langen Gesprächen über die Auslegung einzelner Worte. Wie fügt sich Sprache in Ihrem eigenen Schreiben?

Honigmann: Die eigentliche, schwierige Arbeit ist tatsächlich, das richtige Wort an die richtige Stelle zu setzen. Man muss jedes Wort auf die Goldwaage legen, und dann die Sätze, ihre Reihenfolge, ihren Rhythmus und ihre Musikalität. Gerade, weil ich kurze Texte schreibe, ist es besonders wichtig, dass dort kein Wort zu viel steht: Ich schreibe immer sehr viele Fassungen. Das heißt, ich fange immer noch einmal von vorne an. Das ist quälend, und dann hadere ich mit dem Schreiben und der Mühe.

Der Adressat bleibt beim Schreiben imaginär

ZEIT ONLINE: Fast alle Beziehungen und Orte, von denen Sie bislang erzählten, sind mittlerweile verlassen, beendet oder abgebrochen. Auch Bilder von A., Ihr aktueller Roman, handelt von der Liebe zu einem Mann, der vor Jahren verstarb. Wollen Sie solche Beziehungen nur literarisch fassen, wenn keine weitere Gegenwart mehr neu ins Bild rutscht?

Honigmann: Es stimmt, ich kann keine Bücher schreiben mit einem "Plot" und einer verwickelten Handlung. Selbst wenn ich einen historischen Roman über Karl den Geköpften schreiben würde, wäre er wohl autobiografisch. Wie alle Werke aller Schriftsteller, wage ich zu behaupten.
Außerdem herrscht im Text doch immer Gegenwart. Das ist ja geradezu sein Geheimnis: die Vergegenwärtigung. Nicht die Erinnerung! Descartes sagt: "Verstehen heißt Unterscheiden", und diese Arbeit der Vergegenwärtigung ist ein Betrachten und Nachdenken, um Wichtiges und Nebensächliches, Leichtes und Schweres voneinander zu unterscheiden. 

ZEIT ONLINE: Wenn ich mein Lieblingsbuch von Ihnen, Alles, alles Liebe an Freunde verschenke, sind sie oft irritiert, weil der Titel und das handgemalte Cover – eine Katze auf Ihrem Schreibtisch – an stereotype Frauen-Wohlfühl-Literatur erinnern. Die meisten Autoren – es sind fast immer Männer – zünden gleich mit der Wahl des Titels, des Covers und der vorangestellten Zitate die Signalrakete "Achtung: Jetzt kommt Literatur!" Bei Ihren Büchern sehe ich diese Raketen nicht. Auch, wenn sie denselben Anspruch und dasselbe "Gewicht" haben.

Honigmann: Es kommt ja nun darauf an, was Ihre Freunde sagen, nachdem sie das Buch gelesen haben.

ZEIT ONLINE: Sie finden es großartig. Sie hätten es nur nicht selbst gekauft.

Honigmann: Das Buch sollte eigentlich Provinzbriefe heißen, aber aus verlagspolitischen Gründen musste dann wohl "Liebe" in den Titel bei Hanser und für die Taschenbuchausgabe dtv auch die Katze auf das Cover. Auf beides hatte ich nur beschränkt Einfluss, da es nicht meine Art ist, mich aufzuspielen. Und der Verlag ist ja tatsächlich auch zum Verkaufen da.

ZEIT ONLINE: Ein paar Signalraketen haben Sie in der Hand: Zitate, ein literarischer Habitus...

Honigmann: Ich verabscheue vorangestellte Motti. Das ist ein Schmücken mit fremden Federn. So werden Sätze aus ihrem Zusammenhang gerissen und als Parolen verwendet. Ich glaube auch gar nicht, dass diese Raketentechnik vor allem von Männern benutzt wird: Die meisten guten Bücher kommen ohne Raketen aus. Und die eigentlichen Raketen zünden meist sowieso erst viel oder sogar sehr viel später.

ZEIT ONLINE: Wissen Sie, wer Sie liest?

Honigmann: Das weiß ich zunächst einmal auch nicht. Später treffe ich aber Leser, und das ist tatsächlich berührend. Mit einem Buch ist es ähnlich wie mit Kindern: Man gibt sein Bestes, hat aber keinerlei Garantie, was aus ihnen wird. Man muss Vertrauen zu ihnen haben. Eines Tages gehen die Texte als Bücher und die Kinder als Erwachsene aus dem Haus, man muss Abschied nehmen, man sorgt sich weiter um sie und kann nur hoffen, dass sie ihren Weg finden werden.
Am Grunde dieses Schreibens liegt, neben dem Gestaltungswunsch, sicherlich der Wunsch, sich zu zeigen, ja, geliebt zu werden. Irgendwo auf der Welt muss es Menschen geben, die mich verstehen. So kindlich ist der Wunsch vielleicht zuerst. Der Adressat bleibt seiner Natur nach imaginär.