Jan Brandt Die Plutonier können ihm gestohlen bleiben

Jan Brandts Roman "Gegen die Welt" ist eines der bemerkenswerten Bücher des Herbstes. Unser Autor Christoph Schröder hat den Schriftsteller auf der Buchmesse getroffen.

Vor dem monströsen und gigantisch hässlichen Audi-Pavillon auf dem Forum der Frankfurter Buchmesse, in dem das Pressezentrum, die Antiquariatsmesse, ein Kino und eine Autoausstellung untergebracht sind, gibt es eine Performance. Oder etwas Ähnliches. Drei Mangamädchen haben sich zu einem Spontantanz zusammengetan. Da es fatale Folgen haben kann, etwas Böses über Mangamädchen zu schreiben, gibt es dazu kein weiteres Wort. Oder doch: "Das erinnert mich ein wenig an den Castingbus für Deutschland sucht den Superstar, den ich gestern in der Innenstadt gesehen habe", sagt Jan Brandt.

Am Abend zuvor hat Brandt, 1974 in Ostfriesland geboren, im Frankfurter Kunstverein aus seinem Roman Gegen die Welt vorgelesen. Das Debüt war für den Deutschen Buchpreis nominiert; gewonnen hat den ein anderer Debütant. Nach Brandts Lesung hätte man ihm die Auszeichnung allerdings erst recht zuerkennen wollen – den untergründigen Humor, von dem das Buch unter anderem getragen ist, arbeitete Brandt in Mimik und Tonfall glänzend hervor. Und sagte dann mit unbewegtem Gesicht Sätze wie: "Ich hatte Spaß daran, meine Figuren alle umzubringen. Das ist das, was man als Autor kann und als Mensch nicht." Einen Bildungsroman habe er da geschrieben, sagt sein Verleger Jo Lendle, einen Entwicklungsroman, einen Heimat- und Antiheimatroman, einen Poproman, einen Dorfroman und so weiter. Nur keinen Science-Fiction-Roman, bloß nicht. So etwas verkaufe sich nicht.

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Ob er Schauspielunterricht genommen habe? Nein, sagt Jan Brandt, er habe einfach bei vielen Lesungen anderer Autoren genau hingehört und zugeguckt; "da wird ungeheuer viel Potential durch das schlechte Vorlesen verschenkt." Er trägt ein braunes Hemd und braune Converse-Turnschuhe. Am Vortag waren Hemd und Schuhe rot. Ob er das beliebig variieren kann? Und ob die Plutonier, jene Außerirdischen, die den fiktiven Schauplatz seines Romans, das Dorf Jericho, übernommen haben, ihm die Farbwahl für den Tag vorgeben?

Brandt, das spürt man sofort, ist ein Schriftsteller, der Ernst macht. Die mittlerweile schon sprichwörtlichen zehn Jahre, in denen er an Gegen die Welt gearbeitet hat – ja, die stimmen einerseits, andererseits musste er nebenbei permanent das Geld verdienen, um als Autor existieren zu können. Er hat Fachzeitschriften Korrektur gelesen und journalistisch gearbeitet. Zum Schluss, als der Roman fertig werden musste, hat er sich ein Haus in Schleswig-Holstein gemietet, das keinen Internetanschluss hat, "das war sehr produktiv".

Ein Fotograf macht ein paar Aufnahmen. Brandt spricht offen und klar über die kleine ostfriesische Gemeinde, aus der er stammt, über die Vorbilder für seine Figuren: "Es gab da einen Freund, der Musik nur gehört hat, weil sie so wahnsinnig schlecht war. Sobald jemand sagte, das gefalle ihm, hat er sofort die Platte gewechselt." Oppositionsgeist als Lebensprinzip.

Die ersten Lesungen in seiner alten Heimat stehen ihm noch bevor. In Leer mussten sie den geplanten Veranstaltungsort wegen der großen Nachfrage bereits jetzt schon wechseln; nun liest er in der Schulaula. Und in seinen Heimatort Ihrhove hat ihn der Pastor eingeladen. "Ich habe ihm gesagt, dann müssten aber auch alle Konfirmanden kommen", sagt Brandt, und man weiß nicht ganz genau, ob er das Ernst meint. Religion jedenfalls spielt keine unbedeutende Rolle, gerade auf dem norddeutschen Dorf nicht, sagt er, wo die Reformierte Kirche den Menschen predige, dass sie schuldig geboren seien.

Das Dorf Jericho jedenfalls sei die Grundlage seines weiteren Schreibens. Der nächste Roman, mit dem er bereits vor Gegen die Welt begonnen hat, erzählt von ostfriesischen Auswanderern nach Amerika. Dort war Brandt kürzlich, um zu recherchieren. Das kostet Geld. Das wiederum will er am liebsten selbst verdienen. Stipendien machen ihn misstrauisch: "Ich will mich eigentlich nicht von den Plutoniern kaufen lassen." Wer seinen Roman gelesen hat, versteht den Satz sofort.

Mittlerweile sind wir am Pavillon des Buchmessenehrengastes Island angekommen. In den Tagen zuvor war das der schönste Ort der Messe, eine Oase der Stille, eine abgedunkelte Halle, in der auf überdimensionalen Leinwänden Naturfilme gezeigt werden. Doch es ist Besuchersamstag. Stille gibt es nirgendwo. Im isländischen Café erzählt Jan Brandt von seinen Lektüren: Hesse, in der Jugend. Und die Bibel, versteht sich, als einflussreichster literarischer Text der Menschheitsgeschichte. Zum Schluss habe er nur noch Bücher gelesen, die für ihn irgendetwas mit seinem Roman zu tun gehabt hätten: Stephen King, Houellebecqs Lovecraft-Essay, aber auch Alice Munroe. Seinem Schreiben liege ein "manischer Realismus" zugrunde: "Mich interessiert, inwieweit die Fiktion in unsere Wirklichkeit eindringt und sie verändert."

Der Zufall will es, dass in diesem Moment Buchpreisträger Eugen Ruge vorbeikommt. Man gibt sich die Hand und wechselt ein paar freundliche Worte. "Mit dem Geld, das ich dafür bekommen hätte", sagt Brandt, "hätte ich eine Zeitlang sehr gut arbeiten können." Andererseits: "Vielleicht ist es ganz gut so. Wie hätte es nach einem solchen Preis weitergehen sollen? Woher hätte ich die Wut zum Schreiben genommen?"

 
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