AuszeichnungTomas Tranströmer erhält Nobelpreis für Literatur

Die Schwedische Akademie hat Tomas Tranströmer mit dem Literatur-Nobelpreis geehrt. Der 80-Jährige ist einer der wichtigsten Lyriker Schwedens. von 

Der Lyriker Tomas Tranströmer

Der Lyriker Tomas Tranströmer  |  © Jessica Gow/AFP/Getty Images

Der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer wird mit dem diesjährigen Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. Das teilte die Königlich-Schwedische Akademie in Stockholm mit. "Tranströmer ist einer der größten Poeten unserer Zeit", sagte der Akademiesprecher Peter Englund in Stockholm. Der Lyriker habe den Preis bekommen, weil er "uns in komprimierten, erhellenden Bildern neue Wege zum Wirklichen weist."

Bei der Bekanntgabe seines Namens brach heftiger Applaus aus. Der 80-jährige schwer kranke Tranströmer gehörte seit Jahren zu den Favoriten für den wichtigsten Literaturpreis. Für sein Werk wurde er bereits mehrfach geehrt. 1981 erhielt er den Petrarca-Preis, 1991 den Nordic Prize der Schwedischen Akademie sowie 1996 die renommierteste schwedische Literaturauszeichnung, den August-Preis. Er selbst wurde zum Namensgeber des Tranströmerpreises, der an skandinavische Lyriker verliehen wird.

Im Alter von 23 Jahren veröffentlichte der Schwede seinen ersten Gedichtband 17 dikter. Der Lyriker Bernd Jentzsch, ehemaliger Direktor des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, charakterisierte Tranströms Werk in einem ZEIT -Artikel von 1986 folgendermaßen: "Tranströmer kann als quasi realistischer Surrealist gelten; er, der poeta doctus , bezieht in sein Schreiben selektiv ein, was die europäische Literaturgeschichte der letzten siebzig Jahre vorangetrieben hat, wohldosiert, aber kenntlich, und auch die schwedische Moderne übergeht er dabei nicht." Jentzsch fährt fort: "Tranströmers Gedichte ähneln Tagebuchaufzeichnungen, sie sind privat, ohne krähwinkelhaft zu sein; sie beobachten präzis, mit frischen Augen; sie stellen lieber Fragen; als daß sie rechthaberisch wären." Der schwedische Lyriker sei ein legitimes Kind jener Elemente der Prosa einbeziehenden Form, deren sich vor mehr als einem Jahrhundert bereits Walt Whitman bedient habe.

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Der Preis

Der Nobelpreis für Literatur gilt als wichtigste literarische Auszeichnung der Welt. Er wird seit 1901 fast jährlich vergeben. Der schwedische Preisstifter Alfred Nobel (1833-1896) hatte in seinem Testament bestimmt, dass derjenige den Preis erhält, "der in der Literatur das Ausgezeichnetste in idealistischer Richtung hervorgebracht hat". Das Werk soll von sehr hohem literarischen Rang sein und dem Wohle der Menschheit dienen. Nobel selbst gilt als literarisch sehr interessiert.

Der von der Schwedischen Akademie vergebene Nobelpreis ist mit 8 Millionen Kronen (etwa 930.000 Euro) dotiert. Er wird jeweils am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters, in Stockholm überreicht.

Die Preisträger seit 2000

2012: Mo Yan (China)
2011: Tomas Tranströmer (Schweden)
2010: Mario Vargas Llosa (Peru)
2009: Herta Müller (Deutschland)
2008: Jean-Marie Gustave Le Clézio (Frankreich)
2007: Doris Lessing (Großbritannien)
2006: Orhan Pamuk (Türkei)
2005: Harold Pinter (Großbritannien)
2004: Elfriede Jelinek (Österreich)
2003: John M. Coetzee (Südafrika)
2002: Imre Kertész (Ungarn)
2001: V.S. Naipaul (Großbritannien/Trinidad)
2000: Gao Xingjian (China/Frankreich)

Besonderes

In den Jahren 1914, 1918, 1935 sowie von 1940 bis 1943 wurde kein Literaturnobelpreis vergeben. Viermal – 1904, 1917, 1966 und 1974 – mussten sich zwei Schriftsteller die Auszeichnung teilen. Keiner der Auserwählten erhielt die begehrte Trophäe mehr als einmal. Zwei Autoren lehnten den Nobelpreis ab: 1958 musste der sowjetische Autor Boris Pasternak den Preis auf Druck seiner Regierung hin zurückweisen. 1964 weigerte sich der Franzose Jean-Paul Sartre – bisher als einziger aus freien Stücken –, die Auszeichnung anzunehmen.

 Tranströmers Werke wurden in mehr als 60 Sprachen übersetzt, auf Deutsch sind 13 Gedichtbände beim Hanser-Verlag erschienen.Tranströmer sei "überrascht" gewesen, als er ihn telefonisch über die Auszeichnung informiert habe, sagte Akademie-Sekretär Peter Englund. Der Dichter habe bereits seit 1973 auf der Liste der Akademie gestanden. Zudem habe seit 40 Jahren kein Schwede mehr den Literatur-Nobelpreis erhalten, erklärte Englund.

Im Laufe seines 50-jährigen Schaffens wurde Tranströmers Lyrik immer reduzierter. Sein letzter Gedichtband, der 2004 auf Schwedisch erschien, enthielt ausschließlich Haikus. Neben seiner Karriere als Dichter arbeitete Tranströmer jahrelang als Psychologe, unter anderem im Jugendstrafvollzug. Im Herbst 1990 erlitt der Dichter einen schweren Schlaganfall, der ihn halbseitig lähmte. 

Tranströmer ist der achte schwedische Gewinner in der mehr als 100-jährigen Geschichte des wichtigsten Literaturpreises der Welt. Im vergangenen Jahr bekam der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa den Literaturnobelpreis. Die letzten deutschsprachigen Gewinner waren Herta Müller (2009), Elfriede Jelinek (2004) und Günter Grass (1999). Die Auszeichnung ist mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro (10 Millionen Schwedischen Kronen) dotiert.

Seit 1901 ist die Auszeichnung fast jährlich vergeben worden. Tranströmer ist der 108. Preisträger. Der Literaturnobelpreis wird am 10. Dezember in Stockholm zusammen mit den wissenschaftlichen Nobelpreisen überreicht – am Todestag des schwedischen Stifters Alfred Nobel (1833-1896).

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Leserkommentare
  1. Ich auch! Vielleicht melde ich mich doch bald bei Facebook an und gründe die Gruppe "Roth for Nobel Prize". Oder bekommt man den Preis erst, wenn man 80 wird? Das wären dann noch zwei Jahre. Wieder einmal sehr schade, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn ich richtig geschaut habe, waren seit 1961 nur drei Preisträger achtzig oder über achtzig Jahre alt, die meisten deutlich jünger. Was also wollen Sie mit Ihrem Kommentar sagen?

  2. "Marcel Reich-Ranicki hatte bis zur Preisverleihung noch nie von Literaturnobelpreisträger Tomas Tranströmer gehört. [...] Auf die Frage, ob er Verständnis für die Vergabe des weltweit wichtigsten Literaturpreises an den 80-jährigen Schweden habe, meinte der 91 Jahre alte Reich-Ranicki: 'Ich glaube nicht'." (Spiegel Online)

    Diese Reaktion spricht Bände. Dass Reich-Ranicki einem Schriftsteller, dessen Namen er heute zum ersten Mal gehört hat und dessen Werk er nicht kennt, den Preis (offenbar aus Prinzip) nicht gönnt, finde ich armselig. Hätte er nicht sagen können: "Das kann ich nicht beurteilen" oder "Das wird sich zeigen"?
    Schade, dass es den Kritikern beim Literaturnobelpreis schon lange nicht mehr um Literatur zu gehen scheint.

  3. Wenn ich richtig geschaut habe, waren seit 1961 nur drei Preisträger achtzig oder über achtzig Jahre alt, die meisten deutlich jünger. Was also wollen Sie mit Ihrem Kommentar sagen?

    Antwort auf "hagego sieht Roth"
  4. Und der nächste Friedensnobelpreis geht aaaaaaan: Pumuckl!

    Es ist sicherlich traurig, dass der Herr schwer krank ist, aber das kann kein Grund für diese Entscheidung sein.

    Man sollte den Literatur- und Friedens-Preis einfach schleifen oder nur alle zehn Jahre vergeben. Es fehlt einfach an Kandidaten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Darf ich Sie fragen, welche Werke von Tranströmer Ihnen so schlecht gefallen haben, dass Sie ihm den Preis nicht zugestehen? Und woraus schließen Sie, dass seine Krankheit der Hauptgrund für die Auszeichnung gewesen sei? Immerhin soll er ja bereits seit 1973 in Betracht gezogen worden sein.

    Es fehlen die Kandidaten? Das kann, zumindest in Bezug auf den Literaturnobelpreises, nicht Ihr Ernst sein. Sie, als Experte für Weltliteratur, hätten doch sicherlich auch ein paar Favoriten. Vielleicht möchten Sie uns ein paar davon mitteilen?

    Elegi

    Jag öppnar den första dörren.
    Det är ett stort solbelyst rum.
    En tung bil går förbi på gatan
    och får porslinet att darra.

    Jag öppnar dörr nummer två.
    Vänner! Ni drack mörkret
    och blev synliga.

    Dörr nummer tre. Ett trångt hotellrum.
    Utsikt mot en bakgata.
    En lykta som gnistrar på asfalten.
    Erfarenheternas vackra slagg.

    Und? Ist das jetzt gut oder schlecht? Sie werden doch sicherlich so fair sein und einen Lyriker anhand seiner eigenen Worte beurteilen und nicht anhand einer Übersetzung, die möglicherweise missraten ist und für die Herr Tranströmer selbst ja gar nichts kann.

    Auch Herr Reich-Ranicki würde sich doch sicher ärgern, wenn z. B. ein Schwede sagen würde, dass Thomas Mann schlecht geschrieben habe, wenn er bloß eine schwedische Übersetzung des Buddenbroks gelesen hat. Das heißt ja nicht, dass Übersetzungen immer schlecht sein müssen, aber die Vergabe des Literaturnobelpreises muss doch wohl für das Originalwerk vergeben werden. Ich bin kein Experte, aber ich vermute, dass gerade Lyrik besonders schwer zu übersetzen ist und Übersetzungen mit noch größerer Vorsicht zu genießen sind als bei Romanen / Novellen. Wenn man mangels Sprachkenntnis nicht in der Lage ist, das Original zu lesen, kann man insbesondere ein lyrisches Werk doch nicht pauschal aburteilen. Das ist unfair gegenüber dem Literaten.

  5. Darf ich Sie fragen, welche Werke von Tranströmer Ihnen so schlecht gefallen haben, dass Sie ihm den Preis nicht zugestehen? Und woraus schließen Sie, dass seine Krankheit der Hauptgrund für die Auszeichnung gewesen sei? Immerhin soll er ja bereits seit 1973 in Betracht gezogen worden sein.

    Es fehlen die Kandidaten? Das kann, zumindest in Bezug auf den Literaturnobelpreises, nicht Ihr Ernst sein. Sie, als Experte für Weltliteratur, hätten doch sicherlich auch ein paar Favoriten. Vielleicht möchten Sie uns ein paar davon mitteilen?

    Antwort auf "Pumuckl"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Adonis für arabische Lyrik und Salman Rushdie für sein Roman-Oeuvre?

    Sie fragen nach meinen Vorschlägen? Vor kurzem hat jemand die IKEA-Bedienungsanleitungen vorgeschlagen: Poesie ohne ein einziges Wort, überall auf der Welt zu verstehen. Ich selbst würde schwerere Kost bevorzugen: wie wäre es mit den Verträgen von Maastricht, Amsterdam und Nizza? Reine Fiktion und dennoch ein Spiegelbild des geistigen Niedergangs in Europa mit einem Ausblick auf die wachsende Macht einer demokratiefeindlichen Macht- und Geldaristokratie. Was für ein Drama!

  6. Adonis für arabische Lyrik und Salman Rushdie für sein Roman-Oeuvre?

    Antwort auf "ohne Titel"
    • Kometa
    • 06. Oktober 2011 15:34 Uhr

    Endlich wieder ein wahrhaftig sprchkundiger Lyriker, der das Gefallen von Literturagenten gefunden hat.
    Der Carl Hanser Verlag wird jetzt aus seiner Petersilien-, sprich Bestsellerruhe gestoßen werden, so daß man nicht nur in zwei Anthologien Übersetzungen von Tranströmer findet, sondern ihn offensiv anbietet, ihn auch auf lyrikline finden könnte.

  7. Tranströmer ist doch kein Unbekannter. Auch in Deutschland nicht. 1983 war er sogar in der Lyrik-Bestseller-Reihe "Heyne Lyrik" mit einem eigenen Band vertreten - neben Apollinaire, Ginsberg, Borges, Rozewicz, Auden, Bobrowski, Verlaine, der Kaschnitz u.v.a.

    Ein Auszug, passend zur Debatte hier, zugleich eine gute Selbstcharakterisierung:

    "Überdrüssig aller, die mit Worten, aber keiner Sprache daherkommen, / fuhr ich zu der schneebedeckten Insel. / Das Wilde hat keine Worte. / Die ungeschriebenen Seiten breiten sich nach allen Richtungen aus! / Ich stoße auf die Spuren von Rehhufen im Schnee. / Sprache, aber keine Worte."

    (S. 97)

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Literatur | Auszeichnung | Günter Grass | Nobelpreis | Elfriede Jelinek | Alfred Nobel
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