Eines ist klar: Gruber ist keiner von denen. Den Langweilern in den billigen Businessanzügen, den Spießern, den Lackaffen, den politisch Korrekten, den Dylan-Fans. Gruber ist auch Dylan-Fan, heimlich, aber eben nicht einer von denen. Er weiß selbst nicht so genau, wie das mit Dylan in sein Selbstbild passt. Denn Gruber ist "ein Mover und Shaker, verdammt noch mal."

Wüsste man nicht, dass eine Frau diesen Charakter erfunden hat, man würde denken, hier schriebe ein Mann. Doris Knecht weiß um die Grubers dieser Welt, das kann man in ihren Kolumnen im Wiener Stadtmagazin Falter nachlesen. Sie macht keine großen Faxen, beschreibt geradlinig und unbarmherzig, stülpt das Innere ihres Protagonisten nach außen. Ein bisschen Thomas Bernhard, ein bisschen von Wolf Haas' Brenner-Romanen erkennt man in diesem bärbeißigen Stil. Er passt zu seiner Hauptperson.

Gruber ist kein Jüngling auf Selbstfindungstrip, sondern ein gestandener Mann. Porschefahrer, Businessmann, Aufreißer, Wiener. Einer, der eigentlich weiß, dass er sich schon überlebt hat. Ein Macker vom alten Schlag, fern jeglicher Weinerlichkeit. Jammern gibt es für einen wie Gruber nicht. Ärzte sind "etwas für Luschen. Für Leute, die sonst kein Leben haben. Für schwache Leute. Feige Leute. Kinder." Blöd nur, dass ausgerechnet Gruber dann Krebs bekommt.

Gruber geht hat Knecht ihren Debütroman genannt, ein schöner Titel, denn ein Teil von ihm "geht" tatsächlich im Verlauf der Krankheit. Gruber wehrt sich gar nicht so sehr gegen seinen Krebs, sondern eher dagegen, dass die Krankheit ihn verändern könnte. Dass er weich wird, jämmerlich, bemitleidenswert, so eben wie die "anderen Arschlöcher", die er verachtet. Obwohl Gruber wie ein angeschossenes Raubtier um sich schlägt, passiert es dann eben doch: Er, das Testosteronbündel, lässt Trost und Nähe zu.

Es sind vor allem die beiläufigen, absurden Momente, die das Buch anrührend machen. Wie Gruber, schon vom Krebs gezeichnet, in seiner bislang unberührten Edelstahlküche steht und zum ersten Mal überlegt, ob er vielleicht einmal etwas kochen sollte. Eine Suppe. Für diesen Mann ein unerhörter Gedanke.

Oder wie er Zuflucht sucht bei seiner Schwester Kathi, die er immer für ihre verlogene Idylle bemitleidet hat: "Vatermutterkind, Lärchenholzdielen, Ikea-Küche, Secondhand-Möbel." Und nun mäht Gruber plötzlich den Rasen im angeblichen Spießergarten und reibt sich stundenlang über die schief angeordneten Blumenbeete auf.

Es macht Spaß, sich in die Ab- und Aufwärtsspiralen des Gruberschen Hirns hineinzuwerfen und sich überraschen zu lassen, wo man wieder ausgespuckt wird. Und wo es diesen Mann, der angeblich ganz genau weiß, wer er ist, aus der Kurve haut. Ja, man verfällt diesem Gruber sehr schnell. Obwohl man gar nicht so recht weiß, warum.

Ein starker Charakter in einem schwachen Plot

Gruber geht ist eine starke Charakterstudie: Das Buch beschreibt einen Menschen, der überzeugt davon ist, alles im Griff zu haben. Die Art, wie Doris Knecht ihren Gruber beschreibt, als er merkt, wie ihm tatsächlich alles entgleitet, ist so ungewöhnlich, dass man ihm willenlos durch seine Krankengeschichte folgt. So gekonnt die Hauptfigur um alle Gemeinplätze herumtänzelt – so vorhersehbar ist leider die Rahmenhandlung: Mann, arrogant, bekommt Krebs, ändert sich, verliebt sich, nähert sich seiner Familie an. Vorhersehbarer könnte keine Rosamunde-Pilcher-Schmonzette aufgebaut sein.

"Eh wurscht, funktioniert trotzdem", würde Gruber sagen. Es funktioniert tatsächlich erstaunlich lange, scheitert dann aber um so gewaltiger. Denn am Schluss will die Autorin ihrem Patienten noch schnell die Gesamtpackung verpassen. Da geht’s dann im Schnelldurchlauf durch die Krankheit, die Beziehung mit einer – natürlich – Berliner DJane und plötzlich kommt auch noch ein Kind ins Spiel.

Irgendwann, hat sich Doris Knecht wohl gedacht, muss sie ihren Protagonisten wohl doch einfangen, den Testosteronhansel zähmen. Und weil ihr bei dem Gedanken vielleicht selbst nicht ganz wohl war, hat sie es auf den letzten 20 Seiten schnell hinter sich gebracht. Das bringt den Roman um ein schlüssiges Ende und ihren Protagonisten um seine Glaubwürdigkeit. Am Ende ist der schönste Teil von Gruber wirklich gegangen. Nicht an den Krebs, sondern an die Mittelmäßigkeit.