Tomas TranströmerDer Dichter und die schneebedeckte Insel

Endlich bekommt wieder ein Lyriker den Nobelpreis: Tomas Tranströmer ist ein Dichter, der das Poetische aus dem scheinbar Alltäglichen wachsen lässt.

Die schlechte Nachricht zuerst: Es ist nicht Bob Dylan geworden. Wieder nicht. Bob Dylan muss noch eine Weile auf den Nobelpreis warten. Die gute Nachricht: Es ist der Schwede Tomas Tranströmer. Und Tranströmer, 1931 in Stockholm geboren, ist einer der tollsten Dichter der Gegenwart. Obendrein ein originärer Lyriker, nicht einer, der irgendwann neben seinen Romanen auch mal ein paar Gedichte geschrieben hat.

Tranströmers Werk passt in einen schmalen Band. Ins Deutsche gebracht von Hanns Grössel etwa: englische Broschur, Carl Hanser Verlag, 258 Seiten. Seine erste Gedichtsammlung erschien 1954, da war er 23 Jahre jung. Seither sind bloß ein knappes Dutzend gefolgt – Lyrik und kürzeste Prosa, ein noch schmalerer Band mit Erinnerungen.

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Der Preis

Der Nobelpreis für Literatur gilt als wichtigste literarische Auszeichnung der Welt. Er wird seit 1901 fast jährlich vergeben. Der schwedische Preisstifter Alfred Nobel (1833-1896) hatte in seinem Testament bestimmt, dass derjenige den Preis erhält, "der in der Literatur das Ausgezeichnetste in idealistischer Richtung hervorgebracht hat". Das Werk soll von sehr hohem literarischen Rang sein und dem Wohle der Menschheit dienen. Nobel selbst gilt als literarisch sehr interessiert.

Der von der Schwedischen Akademie vergebene Nobelpreis ist mit 8 Millionen Kronen (etwa 930.000 Euro) dotiert. Er wird jeweils am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters, in Stockholm überreicht.

Die Preisträger seit 2000

2011: Tomas Tranströmer (Schweden)
2010: Mario Vargas Llosa (Peru)
2009: Herta Müller (Deutschland)
2008: Jean-Marie Gustave Le Clézio (Frankreich)
2007: Doris Lessing (Großbritannien)
2006: Orhan Pamuk (Türkei)
2005: Harold Pinter (Großbritannien)
2004: Elfriede Jelinek (Österreich)
2003: John M. Coetzee (Südafrika)
2002: Imre Kertész (Ungarn)
2001: V.S. Naipaul (Großbritannien/Trinidad)
2000: Gao Xingjian (China/Frankreich)

Besonderes

In den Jahren 1914, 1918, 1935 sowie von 1940 bis 1943 wurde kein Literaturnobelpreis vergeben. Viermal – 1904, 1917, 1966 und 1974 – mussten sich zwei Schriftsteller die Auszeichnung teilen. Keiner der Auserwählten erhielt die begehrte Trophäe mehr als einmal. Zwei Autoren lehnten den Nobelpreis ab: 1958 musste der sowjetische Autor Boris Pasternak den Preis auf Druck seiner Regierung hin zurückweisen. 1964 weigerte sich der Franzose Jean-Paul Sartre – bisher als einziger aus freien Stücken –, die Auszeichnung anzunehmen.

Schon in Geheimnisse auf dem Wege von 1958 finden sich so unglaubliche Zeilen wie: "Und alles ist ohne Antwort / und heftig, wie wenn im Dunkeln das Telefon klingelt." Und unter dem bewusst programmatischen Titel Über die Geschichte stehen Mitte der sechziger Jahre Sätze, die, gegen alle politische Vereinnahmung, das Poetische aus dem scheinbar Alltäglichen wachsen lassen:

"An einem Tag im März gehe ich zum See und lausche. / Das Eis ist ebenso blau wie der Himmel. Es bricht auf unter der Sonne. / Die Sonne, die auch in ein Mikrophon unter der Eisdecke flüstert. / Es gluckst und gärt. Und weit draußen scheint jemand ein Laken auszuschütteln."

Tranströmers Gedichte schreiben sich an solch sinnlichen Flächen entlang, entwerfen starke, nicht mit ihrer Genauigkeit angebende Bilder. Und sie stoßen sich wieder davon ab, lassen in lapidarem Erzählton das Unabschließbare der Dinge aufblitzen, das Verwobensein von Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Sprechen. Wie im Gedicht April und Schweigen :

Öde liegt der Frühling
Der samtdunkle Wassergraben
kriecht neben mir
ohne Spiegelbilder.

Das einzige, was leuchtet,
sind gelbe Blumen.

In meinem Schatten werde ich getragen
wie eine Geige
in ihrem schwarzen Kasten.

Das einzige, was ich sagen will,
glänzt außer Reichweite
wie das Silber
beim Pfandleiher.

(Aus: Tomas Tranströmer: Sämtliche Gedichte , Carl Hanser Verlag)

Seit 1990 erlitt Tranströmer mehrere Schlaganfälle. Seither ist sein Sprachzentrum in Mitleidenschaft gezogen, er kann kaum mehr sagen als Ja und Nein. Wie tragisch für einen Dichter, der immer gegen das Geschwätz angeschrieben hat. "Überdrüssig aller, die mit Wörtern, Wörtern, aber keiner Sprache daherkommen / fuhr ich zu der schneebedeckten Insel", heißt es im Gedicht Im März '79 .

Das führt Tranströmer in seinem bislang letzten Band, Das große Rätsel , konsequenterweise zur Form des Haikus, der kürzesten festen Gedichtform, ursprünglich aus der japanischen Literatur: drei Zeilen, 5-7-5 Silben. Ein in seiner Bewegung, seiner Dichte eingefrorener Moment – "stillstehende Gedanken", wie es in einem von ihnen heißt.

Leserkommentare
    • Kometa
    • 06.10.2011 um 17:29 Uhr

    Die wenigen Exemplare von Tranströmers Büchern bei Hanser sind futsch!
    Hätten Sei doch mal von den Auflagenzahlne reportert!

    Mag jeder sich nun selber helfen. Fügen Sie sich aus diesen Stichwörtern ein Gedicht:

    Brücke eiserner Vogel Tod.

  1. 2. Toll!

    Ein skandinavischer Günter Kunert.
    Günter Kunert darf sich mit geehrt fühlen.

    Eine Leserempfehlung
    • Sonate
    • 06.10.2011 um 18:17 Uhr

    sehr gut, wieder mal was skandinaviesches

    • abc...
    • 06.10.2011 um 18:17 Uhr

    wird geeht !
    GRATULATION !

  2. Geständnis eines Nichtwissenden

    Hiermit gestehe ich, dass mir zu meiner Schande der Herr Tomas Tranströmer bis zum heutigen Tage völlig unbekannt war. Daher werde ich eine Woche lang in Sack und Asche herumlaufen und hoffe damit diesen unglaublichen Frevel wieder gut machen zu können.

    Zu meiner Entschuldigung möchte ich allerdings anführen, dass selbst dem deutschen „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki besagter Autor anscheinend nicht bekannt war.

    Zitat:
    „Dazu passt, dass noch bevor der Preisträger sich geäußert hat, unser aller Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki sich nicht erinnern kann, den Namen Tranströmer schon mal gehört zu haben. Auf die Frage, ob er Verständnis für die Vergabe des Preises an ihn habe, soll er gesagt haben: "Ich glaube nicht." Solche Ignoranz, gepaart mit Meinungsstärke, ist es, was in Deutschland Bücher verkauft. Und das gegenüber einem Autor, der immerhin in 50 Sprachen übersetzt wurde.“ Quelle: Zeit-Online

    Lerne aber gerne dazu und werde mir deshalb einen Gedichtband kaufen.

    Dieses Geständnis erfolgte aus meiner freien Willensbildung heraus. Es wurde nicht durch Folter, Drohungen, Misshandlungen, Ausnutzen von Ermüdungen, Hypnose, Versprechungen von Vorteilen (wie Entlassung aus der Haft) oder durch die Gabe von Psychopharmaka, die die Willensbildung beeinträchtigen, erzwungen.

    München den 6. Oktober 2011

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Dieses Geständnis erfolgte aus meiner freien Willensbildung heraus. Es wurde nicht durch Folter, Drohungen, Misshandlungen, ... oder durch die Gabe von Psychopharmaka, die die Willensbildung beeinträchtigen, erzwungen." Lieber Bambule: Sind Sie sicher, dass Sie kein Opfer von Wörter Boarding sind?

    Sagen Sie es nicht zu laut sonst wird Wörter Boarding auch noch verboten.

    Völlig klar, dass MRR der größte aller Literaturkritiker der Welt, ach was sage ich, des Universums ist!
    Und es gibt in Deutschland Leute, die seine Ausgüsse auch ernst nehmen. Der Mann kann sich nicht einmal wie ein Kindergartenkind benehmen.
    Am besten: Ignorieren! Mehr hat er nicht verdient. Es ist nie zu spät dazu!

    "Dieses Geständnis erfolgte aus meiner freien Willensbildung heraus. Es wurde nicht durch Folter, Drohungen, Misshandlungen, ... oder durch die Gabe von Psychopharmaka, die die Willensbildung beeinträchtigen, erzwungen." Lieber Bambule: Sind Sie sicher, dass Sie kein Opfer von Wörter Boarding sind?

    Sagen Sie es nicht zu laut sonst wird Wörter Boarding auch noch verboten.

    Völlig klar, dass MRR der größte aller Literaturkritiker der Welt, ach was sage ich, des Universums ist!
    Und es gibt in Deutschland Leute, die seine Ausgüsse auch ernst nehmen. Der Mann kann sich nicht einmal wie ein Kindergartenkind benehmen.
    Am besten: Ignorieren! Mehr hat er nicht verdient. Es ist nie zu spät dazu!

  3. "Dieses Geständnis erfolgte aus meiner freien Willensbildung heraus. Es wurde nicht durch Folter, Drohungen, Misshandlungen, ... oder durch die Gabe von Psychopharmaka, die die Willensbildung beeinträchtigen, erzwungen." Lieber Bambule: Sind Sie sicher, dass Sie kein Opfer von Wörter Boarding sind?

    Eine Leserempfehlung
  4. Sagen Sie es nicht zu laut sonst wird Wörter Boarding auch noch verboten.

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