Medien YouTube kann das Fernsehen nicht ersetzen
YouTube ist für jedermann nutzbar. Damit sich aber endlich eine Gesellschaftskultur darin ausdrücken kann, muss man die Urheberrechte überdenken.
In einem gewissen Sinn wurde YouTube nur möglich durch den grundsätzlichen Ausschluss von Pornografie in jedweder Form, es verdankt seine Geburt also einem rigorosen und bisweilen sogar ziemlich rücksichtslosen Überwachungssystem. Pornografie gilt in den meisten Kunstgattungen – also im Film, in der Literatur usw. – als untergeordnetes Genre. Das Internet musste jedoch zunächst einmal mit Pornografie gesättigt sein, ja regelrecht in Pornografie schwimmen, bevor so etwas wie YouTube dort überhaupt entstehen konnte. Während der kurzen Zeit, in der es das Internet jetzt gibt, waren nahezu alle nicht professionellen Filme im Netz Sexvideos.
Vielleicht können Sie aus Ihrer Computererinnerung noch das folgende Bild hervorkramen: ein kleines Fenster auf einem jener alten Kathodenstrahlröhrenbildschirme, in dem "Amateure" grobkörnig vor sich hin rammeln. Als man derlei gegen Ende des 20. Jahrhunderts zum ersten Mal sah, konnte man noch nicht wissen, dass man es mit einem bedeutenden neuen Videogenre zu tun hatte. Insbesondere weil dieses krude Format, historisch betrachtet, auf den ersten Blick so sehr nach alten pornografischen Nickelodeons aussah und nach frühen Pornos. Außerdem tauchten die Filmchen oft neben professionellen Pornos auf den entsprechenden Websites auf.
ist Jahrgang 1975 und studierte Geschichts- und Literaturwissenschaft in Harvard, Oxford und Yale. Er ist einer der Gründer und Herausgeber der Kulturzeitschrift n+1. Im Suhrkamp Verlag veröffentlichten er und seine Mitherausgeber die n+1-Anthologie Ein Schritt weiter. Greif lebt in New York.
Aber rasch erwies sich dieses "nicht professionelle", ganz offensichtlich selbst produzierte und eigenhändig hochgeladene Format als das eigentliche Genre der Zukunft. Daran änderte sich auch nichts, als die ersten auf geradezu unheimliche Weise professionellen Ausbeuter auf den Plan traten, die angesichts der riesigen Exhibitionismus- Vorkommen, die unmittelbar unter der Oberfläche des Anstands zu lagern schienen und nun wie eine Ölfontäne ans Tageslicht sprudelten, dazu übergingen, "Amateure" (die Grenzen begannen allmählich zu verwischen) zu filmen oder ihre Filme in Umlauf zu bringen.
Die längst klassische Erklärung für den Erfolg der Internetpornos lautet, dass das Netz hier ein neues, privates, solitäres und visuelles Medium von intimer Größe zur Verfügung stellte und dass dieses in erster Linie all die Menschen anzog, die eine solche Quelle der Erregung für eine besonders einsame und intime Aktivität gut gebrauchen konnten: Masturbation. Die Situation war von einem merkwürdigen Isomorphismus gekennzeichnet: Man tippte etwas auf einer Tastatur, eventuell sogar auf einem Laptop, und hatte den Eindruck, das Objekt der Begierde selbst in Händen (oder gar auf dem Schoß) zu halten.
Nackte und Rammelnde waren ganz leicht zu finden, man konnte sie anschauen, schnell verstecken und jederzeit wieder auf den Bildschirm zurückholen. "Sex" schien der abstraktere gemeinsame Nenner all dieser Erfahrungen zu sein, man sah sich einfach "Sex" an. Was jedoch den Faktor Amateure anbelangt, müssen wir uns allmählich klarmachen, dass Erotik nicht der wichtigste Reiz ist, der von diesen Filmchen ausgeht (sonst hätten die Profis das Internet komplett an sich gerissen), sondern etwas ganz anderes.

Der Text ist ein Auszug aus Mark Greifs Essayband "Bluescreen". Er erscheint am 14.11.2011 im Suhrkamp Verlag.
Was YouTube uns vom ersten bis zum millionsten Klick immer wieder vor Augen führt, ist, wie gerne wir Amateuren zusehen. Nicht, wenn sie einfach nur so dastehen, natürlich. (Kein Wunder also, dass auch nicht pornografische Rund-um-die-Uhr-Webcam-Seiten wie JennyCam in den letzten Jahren aus der Mode gekommen sind.)Wir sehen ihnen gerne dabei zu,wenn sie etwas aufführen oder darbieten, worum auch immer es sich dabei handeln mag. Die Amateurpornografie hat das Internet nicht allein deshalb überschwemmt, weil sie das unmittelbar erregendste der leicht verfügbaren Genres darstellt, sondern die Darbietung par excellence, für die man keinerlei Talent braucht.
Alles, was man benötigt, ist die Bereitschaft, gesehen oder gezeigt zu werden: Man muss nicht einmal besonders gut rammeln können, obwohl da draußen natürlich Urteile über die Qualität von allem und jedem gefällt werden, sobald es genug Alternativen gibt, die man bewerten kann. (Und die Kommentieren-und-bewerten- Interfaces geben den Nutzern die Gelegenheit, sich zu Richtern über jede einzelne Sendung aufzuschwingen.)
- Datum 11.11.2011 - 14:29 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 4
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




dienen oft nur als Mäntelchen über einem Informationsmonopol und der Kanalisierung von Information.
... passt man noch den Staatsvertrag für die Öffentlich-Rechtlichen an, damit die alten Geschichten vielleicht noch in ein paar Köpfen herumspucken, aber keinesfalls mehr nachgeschaut oder gar verlinkt werden können.
... passt man noch den Staatsvertrag für die Öffentlich-Rechtlichen an, damit die alten Geschichten vielleicht noch in ein paar Köpfen herumspucken, aber keinesfalls mehr nachgeschaut oder gar verlinkt werden können.
Ich halte YouTube für einen der kulturell wichtigsten Dienste im Internet und auf einer Stufe mit der Wikipedia. Hier findet eine durch Endanwender erzeugte Inhaltsflut von quasi allem: Neben dem Nachsingen bekannter Songs und Katzenvideos finden sich Nachrichtensendungen, Filmtrailer, Konzertmitschnitte, alte Werbespots und quasi jede in irgendeiner Form bekannte/lustige Szene jeder beliebigen Sendung, die irgendwann einmal im Fernsehen lief.
Dummerweise gehört YouTube einem kommerziellen Unternehmen und unterliegt den im Artikel angesprochenen Urheberrechtsproblematiken. Es wäre traurig, wenn ein so wertvoller Dienst wie YouTube verschwinden würde.
In diesem Sinne: "Es leuchtet blau" ;)
... passt man noch den Staatsvertrag für die Öffentlich-Rechtlichen an, damit die alten Geschichten vielleicht noch in ein paar Köpfen herumspucken, aber keinesfalls mehr nachgeschaut oder gar verlinkt werden können.
Ein Portal wie YouTube macht selbst kein Programm, allenfalls steuert es eines das von den Nutzern gemacht wird. Das Prinzip Sex sells wie es der Autor beschrieb gilt sicherlich dort wie an allen anderen Kondensationspunkten menschlicher Interaktion auch, daran kann kein Zweifel bestehen. Doch je "erwachsener" YouTube wird, desto mehr bilden sich kreative Freiräume abseits des Mainstream, das darin steckende Potential wird aber nach wie vor oft unterschätzt. Selbst die von dem Treiben auf YouTube direkt oder indirekt betroffenen Firmen, Labels oder Rechteinhaber nutzen ihre Präsenz dort zumeist nur um auf ihre eigene klassische Weise Werbung zu machen und sich Konkurenz vom Leib zu schaffen anstatt das Medium kreativ zu nutzen.
Ich lese seit einem Jahr auf meinem Kanal klassische Literatur vor und produziere alles vollständig alleine und mit den Bordmitteln eines Standard-PCs. Ich brauche keine Produktionsfirma und kann daher meine Kosten weitgehend auf die Zeit begrenzen die ich dafür verwende. Doch hier liegt der Hase im Pfeffer, denn ich "wildere" mit meinen kostenlosen Lesungen im Bereich der etablierten Labels und diese haben daher auch wiederholt versucht meine Arbeit zu torpedieren. Bislang ist ihnen das nicht gelungen und es ist abzuwarten wie das in Zukunft sein wird. Das Copyright als Zensurkeule einzusetzen setzt sich leider immer mehr durch und das gereicht unserer Kultur nicht eben zum Vorteil ebensowenig wie die GEMA.
Egebenste Grüße
Edgar Allan Poe
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren