ZEIT ONLINE: Frau Gröschner, Ihr Schreiben kreist seit fast drei Jahrzehnten um Berlin. Die Stadt ist groß, laut, hässlich. Was fasziniert Sie so an ihr?

Annett Gröschner: Als ich 1983 hierher gekommen bin, war es die Stadt in der DDR, in der man am freiesten leben konnte. Das Kleinstädtische, wo jeder jeden kennt, mag ich überhaupt nicht. In Berlin konnte ich mich verstecken in der Anonymität. Ich würde auch nicht weggehen, obwohl Berlin so teuer geworden ist und ich es mir fast nicht mehr leisten kann, hier in dem Viertel, wo ich seit 1983 wohne, zu leben.

ZEIT ONLINE: Ihr neuer Roman Walpurgistag ist eine Berlin-Geschichte aus weiblicher Sicht.

Gröschner: Es ist aber auch eine Geschichte von unten. Es geht ja vor allem um Leute mit prekären Einkommen. Also nicht um den Jetset. Ich schreibe über die, die seit Langem da sind. In diesem Milieu kenne ich mich am besten aus.

ZEIT ONLINE: Was war Ihnen beim Schreiben wichtig?

Gröschner: Ich habe mir überlegt, dass ich über die Stadt aus verschiedenen Perspektiven erzählen will. Da bietet sich ein Tag an, der gibt einen Anfang und ein Ende vor. Und dann sollte die Geschichte innerhalb des S-Bahn-Rings spielen, also in der Innenstadt. Damit ich so viele Leute wie möglich porträtieren kann, habe ich im Jahr 2002 Handzettel verteilt und Annoncen aufgegeben. Und Jürgen Kuttner forderte über seinen Sprechfunk – das war damals so eine legendäre Sendung auf Radio Fritz – die Hörer auf: "Schickt ihr Tagesabläufe, Kids!" Von den mehr als hundert Einsendungen habe ich mich dann anregen lassen.

ZEIT ONLINE: Die Hauptfigur aus Ihrem ersten Roman Moskauer Eis heißt Annja Kobe. Sie spielt auch in Walpurgistag eine wichtige Rolle. Wieso haben Sie die mitgenommen?

Gröschner: Die hat sich einfach reingeschmuggelt. Es gibt mehrere solche Figuren. Manche haben sich auch im Laufe des Schreibens verändert, die drei alten Frauen zum Beispiel. Sie haben verteilte Rollen wie in einem Theaterstück. Ihre Bühne ist Berlin, da leben sie sich aus. Mit Annja Kobe kann ich die Geschichte der Illegalität erzählen. Es interessiert mich, wie Illegale in Berlin leben.

ZEIT ONLINE: Es wimmelt nur so von Figuren. Für alle sind Liebe und Sex wichtig, auch für Trude, Gerda und Ilse, die drei schrulligen Frauen, die ins Altenwohnheim abgeschoben wurden. Es sind vor allem die Frauen, die freizügig sind und oft sogar schlüpfrig. Bei Ihnen geht es auf eine andere Art deftig zu als in den Schoßgebeten von Charlotte Roche . Was ist das für ein Unterschied?

Gröschner: Ich habe Roches Bücher nur angelesen. Literarisch waren sie nicht so ergiebig für mich. Die Beschreibungen kamen mir berechnend vor, wie auf eine Wirkung hin geschrieben. So was interessiert mich überhaupt nicht. Obwohl ich Roche sympathisch finde. Es gibt in vielen Romanen Sexszenen, bei denen man das Gefühl hat, die Figuren ziehen extra den Bauch ein, damit es schick aussieht oder wie in einem Edelporno. Lifestyle-Sex eben. Mein großes Vorbild in der Beziehung ist meine Kollegin Kathrin Schmidt. Sie beschreibt Sexualität als etwas Erdiges, manchmal Animalisches. Als etwas ganz Normales und Tolles. Man muss Sexualität nicht ausstellen. Sie ist kein Designer-Getränk, sondern Bier.

ZEIT ONLINE: Ihre Figuren reden von "Mösen" und "Schwänzen". In den Büchern von Schriftstellerinnen kommen diese Worte selten vor.

Gröschner: Warum sollte ich das weglassen? Ein Einsender hatte zum Beispiel in seinem Tagesablauf geschrieben, dass er eine Frau sucht und sich verabredet hat. Das habe ich weiter gesponnen. Ich hatte ja Testleser, und da hat mich einer gefragt, ob ich wirklich diese blind dates hatte, ob ich mich in einem Hotel eingemietet habe und anonymen Sex hatte.