Hier soll Kaufland hin. Die Betonpfeiler des Rohbaus stechen an Leipzigs Lindenauer Markt in den Himmel. Zwei prunkvolle Hausfassaden versperren den Blick auf die Baustelle. Sie sollen dem Supermarkt ein Jahrhundertwende-Antlitz verleihen. Leipzig hat Sinn für Historisches. Wenige Schritte weiter, vorbei an Drogeriekette und Stehcafé, erreicht man die Geschäftsräume des Lehmstedt Verlags. Auch der Verleger Mark Lehmstedt will Geschichten vor dem Verschütten bewahren.

"Mein Interesse an Lebensgeschichten, an Menschen und den Verhältnissen unter denen sie leben, arbeiten und mit anderen kommunizieren, bestimmt das Programm", sagt er. In leicht zerknittertem Oberhemd sitzt der gebürtige Ostberliner in seinem Büro. Die Haare des 50-Jährigen sind weiß, die Augenbrauen schwarz. Kommt er ins Erzählen, schleifen seine Worte berlinisch in der Kehle.

Im Jahr 2003 gründete der promovierte Germanist auf der Leipziger Buchmesse seinen Verlag, der sich der Kulturgeschichte Ostdeutschlands widmet: frühe Texte Erich Kästners aus seiner Leipziger Zeit, gesammelte Publizistik des Republikaners Hans Natonek oder der Titel Leipzig brennt mit Fotografien, Tagebucheinträgen und Briefen zur Bombennacht vom 4. Dezember 1943. Seit 2006 verlegt er auch Fotografie – fast immer schwarz-weiß und strikt der Reportage verpflichtet: "Moderne Experimentalfotografie, die malerische Effekte erzielen will, ist mir fremd. Das unspektakuläre Alltagsleben birgt die größten Überraschungen."

Als Lehmstedt vor fünf Jahren begann Fotografie, vorrangig aus der ehemaligen DDR, zu verlegen, haben ihm viele davon abgeraten: "Das olle DDR-Zeugs. Das will keiner mehr sehen. Wir wollen endlich nach vorne blicken!" Das Gegenteil ist eingetreten. Lehmstedt traf den Nerv der Zeit. "In den neunziger Jahren waren radikale Formen der Aufarbeitung wichtig. Einerseits die Entlarvungsgeschichte und andererseits die totale Verharmlosung, gipfelnd in der Ostalgie. Doch Mitte der nuller Jahre wollte man den differenzierten Blick, genauer hinschauen und Widersprüche aushalten," sagt Lehmstedt.

Lehmstedts Büro riecht nach Bibliothek. Stumpfer Papierduft belegt den Raum. Zwischen den Fenstern hängt ein Prunkschild mit einem Sinnspruch Friedrich Schillers: "Arbeit ist des Bürgers Zierde. Segen ist der Mühe Preis." Der Ururgroßvater Eduard Lehmstedt hatte 1854 in Weißenfels an der Saale eine Buchbinderei gegründet. Zum 50-jährigen Bestehen wurde das Schild gefertigt. Lehmstedt ist ein Mann der Tradition. Er hat früh begonnen, mit Büchern umzugehen. "Die DDR hatte eine hohe Buchkultur. Es gab hervorragend gemachte Bücher. Zwar war das Papier oft schlecht, aber die Typografie war großartig."

Doch auch Lehmstedt selbst musste erfahren, wie im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat alle Druckerzeugnisse der Etablierung eines sozialistischen Menschenbildes dienen mussten. 1979 flog er vier Wochen vor dem Abitur von der Schule, weil er in der Schülerzeitung Stellung genommen hatte zum ostdeutschen Bildungssystem. Ein Jahr musste er sich daraufhin im Bitterfelder Braunkohlekombinat bewähren.

Lehmstedt profitiert von der Arbeit mit den Fotografen. "Fotografen, die vierzig bis fünfzig Jahre tätig waren, haben oft mehr als 250.000 Bilder gemacht." Aus diesem Negativarchiv ein Thema zu erarbeiten, wofür ein Publikum Geld ausgeben möchte, könne man nur gemeinsam, sagt er. Besonders, wenn es um die Bildauswahl gehe. "Wahrscheinlich werde ich für diese Aussage gekreuzigt: Der Fotograf hat in aller Regel den falschen Blick."