ZEIT ONLINE: Herr Michalzik, Sie haben sechs Jahre an Ihrem Buch über Heinrich von Kleist geschrieben. Und waren mit der Tatsache konfrontiert, dass in dieser Zeit bereits zahlreiche Bücher erschienen sind: Jens Bisky, Herbert Kraft und Gerhard Schulz haben 2007 ihre Biografien veröffentlicht. Hat Sie das irritiert?

Peter Michalzik: Als diese Bücher herauskamen, habe ich zunächst einen Schreck bekommen. Ich wollte gar nicht wissen, dass es sie gibt. Als ich sie schließlich las, wurde mir aber schnell klar, dass keine der Biografien das erfüllte, was ich von meinem eigenen Buch erwartete. Ich wollte endlich anschaulich und auf dem Stand der Forschung eine Antwort auf die Frage, wer dieser Kleist war, zumindest soweit man das wissen kann. Die Kleist-Biografie, die ich lesen wollte, war auch bei den neuen Büchern nicht dabei. Ich war dann sogar dankbar, dass die anderen Autoren manche Themenkomplexe schon erledigt hatten.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie sich Kleist und seiner Zeit genähert?

Michalzik: Man muss sich bewusst sein, dass einem das 18. und frühe 19. Jahrhundert ungeheuer fremd sind. Wenn man dieses Gefühl aber zulässt, kann man mit der Arbeit anfangen. Man muss Material sammeln und es am besten so oft lesen, dass es Teil von einem selbst wird. Dann kann man sich in diese Vergangenheit hineinfallen lassen und versuchen, die Welt und das, was in ihr geschah, mit damaligen Augen zu sehen.

ZEIT ONLINE: Die Arbeit des Biografen besteht also auch darin, eine Übersetzungsarbeit zu leisten zwischen gestern und heute. Wie gelingt das?

Michalzik: Das ist gar nicht so schwer. Ohne Frage bin ich ein Mensch von heute, und meine Leser sind es auch. Es gibt daher einen unausgesprochenen Konsens über unseren Erfahrungshintergrund. Man kann dauernd auf aktuelle Erfahrungen, Gefühle, Gedankenwelten rekurrieren. Und man muss die verschiedenen Materialien wie in einem Puzzlespiel zueinander in Beziehung setzen. Das ist keine schriftstellerische Arbeit in dem Sinne, dass man schreibend etwas Neues entdeckt. Aber es findet im Schreiben eine Annäherung statt.

ZEIT ONLINE: Bis zu einem gewissen Grad ist das doch eine schriftstellerische Arbeit. Sie möchten schließlich eine Geschichte erzählen.

Michalzik: Ja, das erwarte ich tatsächlich von einer Biografie. Ich möchte ein Leben erzählt bekommen. Alles andere – gelehrtes Wissen und genaue Textexegese – nötigt einem vielleicht Ehrfurcht ab. Aber ich möchte mich dem Menschen nähern. Und das Gefühl haben, dass ich ihn verstehe.

ZEIT ONLINE : Das ist bei Kleist gar nicht so einfach. Das fängt schon mit dem einzigen Porträt an, das von ihm existiert.

Michalzik: Tatsächlich kommt an dem Bild niemand vorbei. Das Hauptproblem ist, dass Kleist sehr jung war und wahrscheinlich auf dem Bild noch jünger gemalt wurde, als er zu dem Zeitpunkt aussah. Er wirkt ein bisschen, um es überspitzt zu sagen, babyhaft. Aber trotzdem: Es wurde für Wilhelmine von Zenge, seine damalige Verlobte, gemalt. Und sie fand ihren Heinrich in diesem Bild sehr wohl wieder. Welchen besseren Zeugen als die Augen einer Verlobten könnte man haben. Man sollte sich deshalb ganz beruhigt zurücklehnen und sagen: Kleist hatte auch im Alter von 24 Jahren ein bisschen Babyspeck auf den Wangen.

ZEIT ONLINE: Welche Schwierigkeiten bereitet es dem Biografen, dass man über Kleists Kindheit fast gar nichts weiß?

Michalzik: Just in der Zeit, als Kleist schrieb, entstand das große Phantasma, dass der Mensch von seiner Kindheit geprägt wird. Das biografische Versprechen liegt darin, auf das Eigentliche eines Menschen, also vor allem auch die Kindheit, zu kommen. Bei Kleist ist diese Kinderzeit aber ein unbeschriebenes Blatt. Wahrscheinlich aber entsprach sie genau der eines preußischen Adeligen: Kindheit existierte nicht in einem heutigen Sinn. Kleist war ja ein Schriftsteller, der, wenn er innere Konflikte mit sich herumtrug, sie über Literatur artikulierte. Wenn er also eine unbewältigte Kindheit gehabt hätte, wäre es auch in sein Werk eingeflossen. Das ist es aber nicht.

ZEIT ONLINE: Kann man aber von einem abgeschlossenen Werk überhaupt sprechen? Immerhin ist sein Freitod ein radikaler Schnitt.

Michalzik: Kleist hat es ernst gemeint, wenn er schrieb, dass Leben und Werk nicht zwei Teile sind. Das ist ja das Faszinierende. Der Selbstmord ist in dieser Hinsicht als Teil des Werks zu begreifen. In den letzten beiden Jahren 1810 und 1811 hat Kleist kaum Neues geschrieben. Möglicherweise hat er gesagt, was er zu sagen hatte.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben, dass es im Wesentlichen zwei Geschichten sind, die man über das Leben von Kleist erzählen kann. Wie hängen diese zusammen?