200. Todestag "Kleist war der Erste, der nicht wusste, was er tat"
Heinrich von Kleist artikulierte seine inneren Konflikte über die Literatur, sagt der Biograf Peter Michalzik. Ein Gespräch über das faszinierende Werk des Dichters.
© Hulton Archive/Getty Images

Heinrich von Kleist (1777 - 1811)
ZEIT ONLINE: Herr Michalzik, Sie haben sechs Jahre an Ihrem Buch über Heinrich von Kleist geschrieben. Und waren mit der Tatsache konfrontiert, dass in dieser Zeit bereits zahlreiche Bücher erschienen sind: Jens Bisky, Herbert Kraft und Gerhard Schulz haben 2007 ihre Biografien veröffentlicht. Hat Sie das irritiert?
Peter Michalzik: Als diese Bücher herauskamen, habe ich zunächst einen Schreck bekommen. Ich wollte gar nicht wissen, dass es sie gibt. Als ich sie schließlich las, wurde mir aber schnell klar, dass keine der Biografien das erfüllte, was ich von meinem eigenen Buch erwartete. Ich wollte endlich anschaulich und auf dem Stand der Forschung eine Antwort auf die Frage, wer dieser Kleist war, zumindest soweit man das wissen kann. Die Kleist-Biografie, die ich lesen wollte, war auch bei den neuen Büchern nicht dabei. Ich war dann sogar dankbar, dass die anderen Autoren manche Themenkomplexe schon erledigt hatten.
ZEIT ONLINE: Wie haben Sie sich Kleist und seiner Zeit genähert?
Michalzik: Man muss sich bewusst sein, dass einem das 18. und frühe 19. Jahrhundert ungeheuer fremd sind. Wenn man dieses Gefühl aber zulässt, kann man mit der Arbeit anfangen. Man muss Material sammeln und es am besten so oft lesen, dass es Teil von einem selbst wird. Dann kann man sich in diese Vergangenheit hineinfallen lassen und versuchen, die Welt und das, was in ihr geschah, mit damaligen Augen zu sehen.
ist Jahrgang 1963 und Journalist und Theaterkritiker. Er schrieb Biografien über Gustaf Gründgens und Siegfried Unseld. Im Jahr 2009 erschien seine Gebrauchsanweisung fürs Theater Die sind ja nackt! Keine Angst, die wollen nur spielen. Seine Buch Heinrich von Kleist. Dichter, Krieger, Seelensucher ist nun im Propyläen-Verlag erschienen.
ZEIT ONLINE: Die Arbeit des Biografen besteht also auch darin, eine Übersetzungsarbeit zu leisten zwischen gestern und heute. Wie gelingt das?
Michalzik: Das ist gar nicht so schwer. Ohne Frage bin ich ein Mensch von heute, und meine Leser sind es auch. Es gibt daher einen unausgesprochenen Konsens über unseren Erfahrungshintergrund. Man kann dauernd auf aktuelle Erfahrungen, Gefühle, Gedankenwelten rekurrieren. Und man muss die verschiedenen Materialien wie in einem Puzzlespiel zueinander in Beziehung setzen. Das ist keine schriftstellerische Arbeit in dem Sinne, dass man schreibend etwas Neues entdeckt. Aber es findet im Schreiben eine Annäherung statt.
ZEIT ONLINE: Bis zu einem gewissen Grad ist das doch eine schriftstellerische Arbeit. Sie möchten schließlich eine Geschichte erzählen.
ZEIT ONLINE: Das ist bei Kleist gar nicht so einfach. Das fängt schon mit dem einzigen Porträt an, das von ihm existiert.
Michalzik: Tatsächlich kommt an dem Bild niemand vorbei. Das Hauptproblem ist, dass Kleist sehr jung war und wahrscheinlich auf dem Bild noch jünger gemalt wurde, als er zu dem Zeitpunkt aussah. Er wirkt ein bisschen, um es überspitzt zu sagen, babyhaft. Aber trotzdem: Es wurde für Wilhelmine von Zenge, seine damalige Verlobte, gemalt. Und sie fand ihren Heinrich in diesem Bild sehr wohl wieder. Welchen besseren Zeugen als die Augen einer Verlobten könnte man haben. Man sollte sich deshalb ganz beruhigt zurücklehnen und sagen: Kleist hatte auch im Alter von 24 Jahren ein bisschen Babyspeck auf den Wangen.
ZEIT ONLINE: Welche Schwierigkeiten bereitet es dem Biografen, dass man über Kleists Kindheit fast gar nichts weiß?
Michalzik: Just in der Zeit, als Kleist schrieb, entstand das große Phantasma, dass der Mensch von seiner Kindheit geprägt wird. Das biografische Versprechen liegt darin, auf das Eigentliche eines Menschen, also vor allem auch die Kindheit, zu kommen. Bei Kleist ist diese Kinderzeit aber ein unbeschriebenes Blatt. Wahrscheinlich aber entsprach sie genau der eines preußischen Adeligen: Kindheit existierte nicht in einem heutigen Sinn. Kleist war ja ein Schriftsteller, der, wenn er innere Konflikte mit sich herumtrug, sie über Literatur artikulierte. Wenn er also eine unbewältigte Kindheit gehabt hätte, wäre es auch in sein Werk eingeflossen. Das ist es aber nicht.
ZEIT ONLINE: Kann man aber von einem abgeschlossenen Werk überhaupt sprechen? Immerhin ist sein Freitod ein radikaler Schnitt.
Michalzik: Kleist hat es ernst gemeint, wenn er schrieb, dass Leben und Werk nicht zwei Teile sind. Das ist ja das Faszinierende. Der Selbstmord ist in dieser Hinsicht als Teil des Werks zu begreifen. In den letzten beiden Jahren 1810 und 1811 hat Kleist kaum Neues geschrieben. Möglicherweise hat er gesagt, was er zu sagen hatte.
- Datum 21.11.2011 - 10:38 Uhr
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... sich über ein Buch zu äußern, wenn man es noch nicht gelesen hat, aber zumindest einer Sache möchte ich doch entschieden widersprechen:
"In den letzten beiden Jahren 1810 und 1811 hat Kleist kaum Neues geschrieben. Möglicherweise hat er gesagt, was er zu sagen hatte."
Dem ist entgegenzusetzen, dass er zumindest plante, noch einen Roman zu schreiben, was u.a. durch einen Brief von Achim von Arnim bestätigt wird. Auch finanzielle Nöte dürfen doch hierbei nicht vergessen werden, weshalb es verständlich ist, dass er sich mehr darauf konzentriert hat bereits Vorhandenes zu überarbeiten und verlegen zu lassen. Dass er nichts mehr zu erzählen hatte, glaube ich jedenfalls nicht, sondern eher, dass es einfach zu viele (politische? finanzielle? fremd- und selbstzweiflerische?) Hindernisse dafür gab.
Auch die Frage nach der Würzburger Reise ist merkwürdig beantwortet: „Er hat sich also einen Schreibraum und einen Selbsterfindungsraum geschaffen.“ Aber dafür braucht man doch kein Pseudonym, oder?
Mal sehen, ob ich nach meinen derzeitigen Kleiststudien noch den Elan für eine ausführliche Biographie habe, aber wenn, scheint mir diese hier doch interessant genug zu sein, da bereits das Interview einige Fragen aufwirft, die ich gern beantwortet hätte.
"In den letzten beiden Jahren 1810 und 1811 hat Kleist kaum Neues geschrieben. Möglicherweise hat er gesagt, was er zu sagen hatte."
Mir ist ebenfalls nicht klar, wie diese Aussage zustande kommt. Große Teile von Kleists Prosawerk entstammen genau diesem Zeitraum: Die Texte der Berliner Abendblätter, der zweite Band der Erzählungen: die "Heilige Cäcilie", das "Bettelweib", der "Findling", der "Zweikampf", , wahrscheinlich auch die "Verlobung" … nach heutigem Erkenntnisstand alles 1810 und 1811 entstanden!
"In den letzten beiden Jahren 1810 und 1811 hat Kleist kaum Neues geschrieben. Möglicherweise hat er gesagt, was er zu sagen hatte."
Mir ist ebenfalls nicht klar, wie diese Aussage zustande kommt. Große Teile von Kleists Prosawerk entstammen genau diesem Zeitraum: Die Texte der Berliner Abendblätter, der zweite Band der Erzählungen: die "Heilige Cäcilie", das "Bettelweib", der "Findling", der "Zweikampf", , wahrscheinlich auch die "Verlobung" … nach heutigem Erkenntnisstand alles 1810 und 1811 entstanden!
...mit "F".
Ist verbessert. Danke schön!
Ist verbessert. Danke schön!
In "Der zerbrochene Krug" zeigt er eine Figur, wie es sie noch heute massenhaft im Justizapparat gibt.
Den Dorfrichter Adam, nur seinem eigenen Interesse und seiner eigenen Eitelkeit verpflichtet. Als ich selbst merkte, was in Wirklichkeit in der sog. Rechtspflege läuft war ich 49. Der war 22. Chapeau.
Ist verbessert. Danke schön!
"In den letzten beiden Jahren 1810 und 1811 hat Kleist kaum Neues geschrieben. Möglicherweise hat er gesagt, was er zu sagen hatte."
Mir ist ebenfalls nicht klar, wie diese Aussage zustande kommt. Große Teile von Kleists Prosawerk entstammen genau diesem Zeitraum: Die Texte der Berliner Abendblätter, der zweite Band der Erzählungen: die "Heilige Cäcilie", das "Bettelweib", der "Findling", der "Zweikampf", , wahrscheinlich auch die "Verlobung" … nach heutigem Erkenntnisstand alles 1810 und 1811 entstanden!
wie man einen Satz zu Ende bringt.
Unglaublich erhellend auch immer wieder der biografische Text "Der Kampf mit dem Dämon" von Stefan Zweig.
Eine schöne Verfilmung des Textes gibt es hier:
http://www.sender-fn.de/2...
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