SelfpublishingHaus bauen, Baum pflanzen, Buch schreiben

Seit Jahren sind Selfpublishing-Seiten im Netz ein Ort literarischer Selbstverwirklichung. Nun soll mit den Hobbyautoren endlich Geld verdient werden. von Astrid Herbold

Liebe löst bekanntlich die Zunge. "Dich immer zu lieben dazu bin ich bereit / Dich lieblich zu küssen fehlt mir niemals die Zeit." Die Zeilen stammen von Horst Fleitmann, ein Autor, den man so nicht kennt. Dabei umfasst sein Werk fast 200 Gedichte und etliche Kurzgeschichten. Zu lesen sind sie allerdings nur im Internet, auf e-Stories.de. Seit 1999 haben Hobbyschriftsteller dort 125.000 Gedichte und 25.000 Kurzgeschichten eingestellt.

Man könnte jetzt süffisant ausholen, über die Schreiblust der Deutschen spotten, darüber, dass jeder Versicherungsvertreter einen halben autobiografischen Roman oder ein Dutzend schwärmerischer Verse in der Schublade hat. Man könnte feststellen, dass die meisten dieser Schriften von überschaubarer literarischer Qualität sind. Aber dass das Internet, in das das Volk seine literarischen Ergüsse kippt, ja bekanntlich geduldig ist.

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Nur der Hochmut ist unangebracht. Ausgehend von Mitmach-Literaturforen wie kurzgeschichten.de oder leselupe.de hat sich im vergangenen Jahrzehnt eine Szene entwickelt, die mittlerweile beachtliche Ausmaße angenommen hat. Und die, und da wird die Sache richtig interessant, die Geschäftsmodelle des klassischen Buchmarkts gerade umzukrempeln beginnt.

"Die Autoren sind die letzte Gruppe der Kreativen, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen", sagt Nils Later. Er arbeitet bei Bookrix , einem deutschen Startup mit Sitz in München, das sich gerne als "myspace für Autoren" bezeichnet. Bei Bookrix gibt es keine Einlasskontrolle, hier darf jeder alles publizieren. Der Andrang ist riesig. Seit Mai 2008 ist Bookrix online; 70.000 kostenlose Bücher umfasst das deutschsprachige Sortiment mittlerweile. Die Texte finden durchaus ein Publikum: 250.000 unique visits hat die Seite zurzeit im Monat, seit 2010 wurden eine Millionen E-Books heruntergeladen.

Bookrix verdient an jedem Buch mit

Das Geschäftsmodell von Bookrix ist ein internettypisches: Erst eine Community aufbauen, dann übers Geld verdienen nachdenken. Noch werden die Gehälter der 40 Mitarbeiter von Investorenkapital bezahlt. Das wird sich in Kürze ändern. "Die Autoren sollen künftig selbst über die Vertriebswege bestimmen können", sagt Later. Wer seine Texte weiter verschenken will, darf das gerne tun. Wer sich dagegen eine zahlende Leserschaft wünscht, darf einen beliebigen Preis für sein E-Book festsetzen. Dafür wird eine einmalige Grundgebühr zwischen fünf und 25 Euro fällig, je nachdem, ob das Buch nur bei Bookrix oder auch in anderen E-Books-Shops angeboten werden soll. Und natürlich verdient Bookrix prozentual an jedem verkauften Buch mit.

Die Idee ist nicht neu, Andrea Schober hatte sie schon vor drei Jahren. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin von XinXii und hat, anders als Bookrix, von Anfang an auf das Provisionsmodell ohne Verlag gesetzt, mit dem neuerdings auch Markführer Amazon auf den deutschen E-Book-Markt drängt. Bei XinXii gibt es keine kostenlosen Inhalte, nur Bezahlware. Eine Grundgebühr wird für die Veröffentlichung eines E-Books nicht fällig, aber je nach Preissegment und Distributionskanälen bleiben 30 bis 60 Prozent des Verkaufspreises bei XinXii. Auch hier ist die Nachfrage groß, zumindest seitens der Produzenten: 10.000 Autoren haben mittlerweile 14.000 E-Books veröffentlicht. Über Downloadraten und Umsatzzahlen schweigt sich das Unternehmen allerdings aus.

Dabei ist das das größte Manko dieses neuen Marktes, den die Akteure am liebsten mit klingenden Worten wie Selbstbestimmung, Echtzeitveröffentlichung, freie Preisgestaltung und "Longtail-Ansatz" beschreiben. Was sie nicht sagen: Wie ein unbekannter Autor überhaupt zu relevanten Reichweiten kommen soll. Im Printbereich übernehmen die Verlage diese mühsame Aufgabe. Sie drucken Vorschauhefte, schicken Vertreter los, machen Pressearbeit.

Leserkommentare
  1. ...völlig unabhängig von gierigen, schnellen, noch etablierten Marketingaktionen, die "Nichts als die Wahrheit" bei "100% anders" unter die literarisch anspruchsvolle RTL-Fangemeinde ausschütten?

    • clubby
    • 10. November 2011 9:51 Uhr

    Dieser Zusammenhang fällt mir bei Büchern wie der mit grossem Tarra angekündigten Biographie einer Katzenberger sehr schwer nachzuvollziehen. ANzunhemen auf den Online Plattformen wäre daher nur literarische schlechte Qualität zu finden halte ich für grundsätzlich falsch und hochnäsig. Verlage haben Marketing Kapital/Macht. Das ist so ziemlich der einzige aber eben wesentliche Unterschied. Es ist nicht entscheident, wie es geschrieben ist sondern ob es in den momentanen Zeitgeist/Trend passt. Nach dem Durchschleifen in allen möglichen Marketingkanälen (angehängte Zeischriften, TV, etc.) läßt sich so ziemlich alles verkaufen. Qualität wird hier unter dem Aspekt der "Vermarktbarkeit" definiert und muß definitiv NICHT an literarischer Qualität geknüpft sein. Grosse B... reichen durchaus. Oder wie wärs mit etwas "Mainstream-Tabubruch" (Skandal!!!) in Richtung A....Sex des Normalos vorgetragen durch Rocher? (Der nur halbswegs aufgeklärte Mensch zuckt da nur mit den Schultern, weil er nicht versteht wie man sich darüber so lange unterhalten kann.)Das ganze noch garniert mit künstlich aufgebauschtem Geschlechterkampf auf Schwarzer-Ebene. Und schon gehts weg wie warme Semmeln. Dies zu lenken braucht Kapital und Beziehungen...das ist das Verlagsgeschäftsmodell. Hat nur nix mit Qualität zu tun.

    • reina55
    • 10. November 2011 12:45 Uhr

    ...wichtigste vergessen, in dieser Ich-bezogenen Gesellschaft:

    Sohn zeugen,
    Haus bauen,
    Baum pflanzen!

    • friened
    • 10. November 2011 22:08 Uhr

    für Musik gibt es sowas doch lange, z.B. jamendo, und meine Erfahrung damit ist, daß es die Mühe nicht lohnt aus hundert Liedern ein akzeptables herauszusuchen.
    Meiner Erfahrung nach sind das Hauptproblem solcher Communities die Selbstdarsteller, die die Platform mit ihrem schnellproduzierten kolossalem Gesamtwerk verstopfen, während zaghafte Einzelwerke in der Suche dazwischen verloren gehen (wahrscheinlich wäre es das Wirksamste, wenn jeder Nutzer nur ein Album, ein Buch veröffentlichen könnte - solange bis er eine nennenswerte Umfang an positiven Feedback bekommen hat).

    Letztendlich spare ich den Verlagsanteil am Preis und die Community (die leider meist einen grundsätzlich anderen Geschmack hat) und ich müssen dafür die Spreu vom Weizen trennen, eine Aufgabe, die sonst der Verlag macht. In diesem Fall gebe ich gerne etwas Geld um Lebenszeit zu sparen (Denn mal ehrlich: Es wurden und werden doch mehr als genug Bücher auf herkömmlichen Wege publiziert und schon die Zeit-Literatur-Empfehlungen reichen für ein ganzes Leben - es ist also nicht so, daß ich etwas verpassen würde, wenn ich die paar guten Bücher von Internethobbyautoren nicht lese).

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  • Schlagworte Buch | Amazon | E-Book | München
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