Dass Pieke Biermann Anfragen aus den USA bekommt, ist nicht ungewöhnlich. Die 61-jährige Schriftstellerin ist auch eine gefragte Übersetzerin, berufliche Kontakte ins Ausland sind da selbstverständlich. Doch als im Oktober ihr Telefon klingelte, rief kein Verlag an, sondern eine Mitarbeiterin von Amazon aus Seattle. Ob sie interessiert sei, amerikanische Bücher, an denen Amazon die Rechte hält, ins Deutsche zu übersetzen. Amazon plane nämlich, diese in Deutschland auf den Buchmarkt zu bringen, und zwar sowohl als E-Book als auch in gedruckter Form, als physical book , wie man es in Seattle nennt.

Dass Amazon es ernst meint mit seinen Vorstößen ins Verlagsgeschäft, ist seit einigen Monaten offensichtlich. In den USA wurde dafür ein Team unter der Leitung des erfahrenen Verlegers Larry Kirshbaum zusammengestellt. Neben dem digitalen Selfpublishing -Angebot, das mittlerweile allen Hobbyschreibern offensteht, geht es nun vor allem darum, erfolgreiche Autoren von großen Verlagen abzuwerben – auch mittels großzügiger Vorschüsse. Mit dem Bestsellerautor Timothy Ferriss ( Die 4-Stunden-Woche ) hat man einen ersten Coup gelandet, Anfang 2012 erscheint sein nächstes Buch in den USA, Verlag: Amazon.

Doch die verlegerischen Ambitionen des Versandriesen beschränken sich nicht auf den englischsprachigen Markt. Mittlerweile hat der Konzern auch lukrative ausländische Print-Buchmärkte ins Blickfeld genommen, darunter offenbar vor allem den deutschsprachigen. Pieke Biermann ist nicht die einzige Übersetzerin, die in den vergangenen Wochen angesprochen wurde. Etliche andere Kollegen haben ebenfalls Angebote bekommen. "Das sind nicht nur erste Testballons, das sieht eher nach einer größeren Offensive aus", sagt Biermann. Bislang allerdings sind die Konditionen, die Amazon den Übersetzern anbietet, aus ihrer Sicht inakzeptabel: Verträge sollen nach US-amerikanischem Recht abgeschlossen werden, die Zuständigkeiten für das Lektorat sind unklar und – die Auftragsvergabe erfolgt per Bietverfahren. "Das heißt im Klartext: Wir Übersetzer sollen uns gegenseitig unterbieten." Biermann hat vorerst dankend abgelehnt.

Ob sich Amazon von solchen Absagen beeindrucken lässt, ist unwahrscheinlich. Wie Brancheninsider berichten, werden bereits in viele Richtungen Gespräche geführt. Einige deutsche Literaturagenturen wurden bereits kontaktiert. Und es sind auch Headhunter unterwegs, um für Amazon in Deutschland ein Verlegerteam zusammenzustellen.

Der Grund ist klar: Amazon – aktueller Quartalsumsatz rund 10 Milliarden Dollar – will auch auf dem Buchmarkt weiter expandieren. Dass dafür mittlerweile fast jedes Mittel recht ist, zeigt eine Werbeaktion, die letzte Woche in den USA Schlagzeilen machte: Mithilfe einer Amazon-App sollten Kunden bei ihren Weihnachtseinkäufen in Geschäften die Barcodes der angebotenen Produkte einscannen. Wer dann statt beim lokalen Händler lieber bei Amazon bestellte, bekam am Aktionstag eine Gutschrift über 5 Dollar.

Beim Verkauf von Büchern sind in Deutschland keine Rabattschlachten erlaubt. Ein Buch muss bei jedem Anbieter zum gleichen Preis erhältlich sein. Das Feilschen findet deshalb hinter den Kulissen statt. Den Großabnehmern, zu denen neben Amazon nur noch Hugendubel und Thalia gehören, werden von Seiten der Verlage notgedrungen hohe Einkaufsrabatte gewährt. Eigentlich gelten 50 Prozent Rabatt dabei als oberste Grenze . Die Marktführer versuchen trotzdem Wege zu finden, den Preis weiter zu drücken. Bei kleinen Verlagen, die nicht von Zwischenhändlern vertreten werden, werden bei Amazon zum Beispiel weitere fünf Prozent Preisnachlass für "Lagerhaltung, zielgerichtete Vermarktung und Plattform" fällig. Dazu kommt eine Jahresgrundgebühr und zwei Prozent Skonto. Am Ende summiert sich der Rabatt damit auf weit mehr als 50 Prozent pro Buch .

Kleinstverlage bekommen dadurch Probleme. "Wir können vom Restbetrag beim besten Willen unsere Ausgaben nicht decken", sagt Christine Ott, die vor drei Jahren mit Kommilitonen den Würzburger Stellwerck Verlag gegründet hat. Die Stellwerck Bücher waren deshalb bei Amazon eine Weile gar nicht verfügbar. Mittlerweile sind sie über den Amazon Marketplace bei einem externen Anbieter erhältlich, allerdings mit entsprechend längeren Lieferfristen. "Optimal ist das nicht", sagt Ott, "aber es geht nicht anders". Beim Online-Marktführer überhaupt nicht präsent zu sein, könne man sich erst recht nicht leisten.