BuchmarktDie Methode Amazon

Mit aller Macht will sich der Online-Händler Amazon als Verlag positionieren – auch in Deutschland, und auch mit gedruckten Büchern. Die ersten Vorstöße gibt es schon. von Astrid Herbold

Der Amazon-Chef Jeff Bezos in New York 2011

Der Amazon-Chef Jeff Bezos in New York 2011  |  © Emmanuel Dunand/AFP

Dass Pieke Biermann Anfragen aus den USA bekommt, ist nicht ungewöhnlich. Die 61-jährige Schriftstellerin ist auch eine gefragte Übersetzerin, berufliche Kontakte ins Ausland sind da selbstverständlich. Doch als im Oktober ihr Telefon klingelte, rief kein Verlag an, sondern eine Mitarbeiterin von Amazon aus Seattle. Ob sie interessiert sei, amerikanische Bücher, an denen Amazon die Rechte hält, ins Deutsche zu übersetzen. Amazon plane nämlich, diese in Deutschland auf den Buchmarkt zu bringen, und zwar sowohl als E-Book als auch in gedruckter Form, als physical book , wie man es in Seattle nennt.

Dass Amazon es ernst meint mit seinen Vorstößen ins Verlagsgeschäft, ist seit einigen Monaten offensichtlich. In den USA wurde dafür ein Team unter der Leitung des erfahrenen Verlegers Larry Kirshbaum zusammengestellt. Neben dem digitalen Selfpublishing -Angebot, das mittlerweile allen Hobbyschreibern offensteht, geht es nun vor allem darum, erfolgreiche Autoren von großen Verlagen abzuwerben – auch mittels großzügiger Vorschüsse. Mit dem Bestsellerautor Timothy Ferriss ( Die 4-Stunden-Woche ) hat man einen ersten Coup gelandet, Anfang 2012 erscheint sein nächstes Buch in den USA, Verlag: Amazon.

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Doch die verlegerischen Ambitionen des Versandriesen beschränken sich nicht auf den englischsprachigen Markt. Mittlerweile hat der Konzern auch lukrative ausländische Print-Buchmärkte ins Blickfeld genommen, darunter offenbar vor allem den deutschsprachigen. Pieke Biermann ist nicht die einzige Übersetzerin, die in den vergangenen Wochen angesprochen wurde. Etliche andere Kollegen haben ebenfalls Angebote bekommen. "Das sind nicht nur erste Testballons, das sieht eher nach einer größeren Offensive aus", sagt Biermann. Bislang allerdings sind die Konditionen, die Amazon den Übersetzern anbietet, aus ihrer Sicht inakzeptabel: Verträge sollen nach US-amerikanischem Recht abgeschlossen werden, die Zuständigkeiten für das Lektorat sind unklar und – die Auftragsvergabe erfolgt per Bietverfahren. "Das heißt im Klartext: Wir Übersetzer sollen uns gegenseitig unterbieten." Biermann hat vorerst dankend abgelehnt.

Ob sich Amazon von solchen Absagen beeindrucken lässt, ist unwahrscheinlich. Wie Brancheninsider berichten, werden bereits in viele Richtungen Gespräche geführt. Einige deutsche Literaturagenturen wurden bereits kontaktiert. Und es sind auch Headhunter unterwegs, um für Amazon in Deutschland ein Verlegerteam zusammenzustellen.

Der Grund ist klar: Amazon – aktueller Quartalsumsatz rund 10 Milliarden Dollar – will auch auf dem Buchmarkt weiter expandieren. Dass dafür mittlerweile fast jedes Mittel recht ist, zeigt eine Werbeaktion, die letzte Woche in den USA Schlagzeilen machte: Mithilfe einer Amazon-App sollten Kunden bei ihren Weihnachtseinkäufen in Geschäften die Barcodes der angebotenen Produkte einscannen. Wer dann statt beim lokalen Händler lieber bei Amazon bestellte, bekam am Aktionstag eine Gutschrift über 5 Dollar.

Beim Verkauf von Büchern sind in Deutschland keine Rabattschlachten erlaubt. Ein Buch muss bei jedem Anbieter zum gleichen Preis erhältlich sein. Das Feilschen findet deshalb hinter den Kulissen statt. Den Großabnehmern, zu denen neben Amazon nur noch Hugendubel und Thalia gehören, werden von Seiten der Verlage notgedrungen hohe Einkaufsrabatte gewährt. Eigentlich gelten 50 Prozent Rabatt dabei als oberste Grenze . Die Marktführer versuchen trotzdem Wege zu finden, den Preis weiter zu drücken. Bei kleinen Verlagen, die nicht von Zwischenhändlern vertreten werden, werden bei Amazon zum Beispiel weitere fünf Prozent Preisnachlass für "Lagerhaltung, zielgerichtete Vermarktung und Plattform" fällig. Dazu kommt eine Jahresgrundgebühr und zwei Prozent Skonto. Am Ende summiert sich der Rabatt damit auf weit mehr als 50 Prozent pro Buch .

Kleinstverlage bekommen dadurch Probleme. "Wir können vom Restbetrag beim besten Willen unsere Ausgaben nicht decken", sagt Christine Ott, die vor drei Jahren mit Kommilitonen den Würzburger Stellwerck Verlag gegründet hat. Die Stellwerck Bücher waren deshalb bei Amazon eine Weile gar nicht verfügbar. Mittlerweile sind sie über den Amazon Marketplace bei einem externen Anbieter erhältlich, allerdings mit entsprechend längeren Lieferfristen. "Optimal ist das nicht", sagt Ott, "aber es geht nicht anders". Beim Online-Marktführer überhaupt nicht präsent zu sein, könne man sich erst recht nicht leisten.

 

Leserkommentare
  1. sie setzen auf Papierbücher und digitale Bücher. Sie scheinen kapiert zu haben, daß sie ausschließlich mit technologischen Zukunftswahn in Deutschland nicht landen können, was natürlich unterschiedliche Gründe hat, die in einer alternden Bevölkerung und in einer kulturellen starken Verankerung des Papierbuchs (lieber Papierbuch als physisches Buch) in Zentraleuropa liegen.

    Die Schlacht wird noch lange nicht geschlagen sein. Es kommt ganz auf die Widerständigkeit der Leser an. Kleine Verlage sind bedroht, das bedeutet letztendlich eine Gefährdung der Meinungsfreiheit.

    Natürlich: jeder kann im Internet publizieren, das bedeutet eine Ausweitung der Meinungsfreiheit. Aber wovon sollen bitteschön Autoren, die keine Bestsellerauthoren sind leben? Die Verlage haben einige Bestsellerauthoren, die Geld bringen und deshalb können sie schmale Literatur verlegen, die nicht so viel verkauft wird.

    Außerdem möchte ich mal gerne eine historisch Kritische Ausgabe von Goethe oder Hölderlin als in digitaler Form sehen. Wie soll man da mal bitte kurz im Register nachschlagen können? So praktisch ist dann das e-Buch dann wieder auch nicht.

    Amazon hat das Ziel jedes Buch, das jemals herausgegeben wurde in ihrem Verlagsprogramm zu haben. Der Traum von der Weltliteratur so zu sagen in einem Verlag.

    Der digital sozialistische Traum sind file ohne Schutz (ohne DRM),die auf allen Maschinen lesbar sind. Dieser Traum stellt jedoch den Schutz des geistigen Eigentums

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    ...wenn sie sich die Vorteile der elektronischen Distribution zunutze machen. Da genügt eigentlich schon ein Server dazu und ein Internetanschluß - und tolle Autoren.

  2. von zahlreichen unbeantworteten Fragen durch zogen:

    juristischen, ökonomischen, kulturellen, biologischen.

    Wie kann die Meinungsfreiheit gesichert werden?
    Wie kann das geistige Eigentum gesichert werden?

    Wie können kleine Verlage und exklusive Autoren ein Auskommen finden?

    Was wird aus dem Papierbuch?

    Verändert sich das Leseverhalten durch die digitalen Medien? Und wenn, wie?

    Gibt es biologische Unterschiede zwischen e-Buch lesen und papierbuchlesen?

    Ist das e-buch und das Lesebrett umweltfreundlicher als das Papierbuch?

  3. Neue Techniken werden anfangs meist überteuert angeboten, selbst dann, wenn die Produktionskosten geringer als vorher sind, was in einem freien Markt legitim sein mag

    Speziell beim Umweltschutz sollten jedoch andere (Vernunft-) Regeln gelten, denn es ist ein völlig falsches Signal, aus der Umweltschutz-Idee so offensichtlich wie schamlos Profit schlagen zu wollen (z.B. Bio-Einkaufstüten 4 mal teurer als normale).
    Da können wir über Umweltschutz so viel reden und träumen wie wir wollen, so wird das nie was.

    Es muss in die Köpfe und auch Herzen der Unternehmer dringen, dass sie auf die gleiche Umwelt angewiesen sind wie ihre Kunden und deshalb Umweltschutz auch in ihrer Verantwortung und nicht nur der Verbraucher liegt.
    Deshalb sollten sie schon im eigenen Interesse den mit der Technik ermöglichten Umweltschutz bezahlbar anbieten, statt schamlos aus der Umweltschutzidee und den sie umsetzenden Verbrauchern Profit zu schlagen, obwohl es an Substanz fehlt, der überhöhte Preise rechtfertigen würde.

    Die gerne als Rechtfertigung für höhere Preise vorgebrachten Entwicklungskosten neuer Produkte gehen ja nicht verloren, sie kommen auch wieder rein, zwar etwas langsamer dafür aber bestimmt nachhaltiger.
    Denn wenn der Preis günstiger, „fairer“ ist, kommt es mehr Verbrauchern zugute, die ihre Umwelt-Mitverantwortung dann auch finanzieren können.

    Umweltschutz ist kein Luxus sondern notwendig. Er bedingt eine entsprechend „umweltschonende“ Preispolitik.

    Antwort auf "Na endlich"
  4. Spielt das Wie eine Rolle wenn Informationen übertragen werden oder nicht?

    Diese Frage ist nicht beantwortet.

    Es wird häufig so getan, als sei sie beantwortet: nämlich: es sei gleichgültig welches Medium die Information überträgt.

    Das ist aber wissenschaftlich nicht nachgewiesen.

    Die Literaturwissenschaft hat sich schon lange mit der Frage beschäftigt, ob das wie eine Rolle auf den Inhalt hat. Es ist sozusagen ihr ureigenster Gegenstand. Und die Frage wurde immer wieder mit ja beantwortet: wie ich etwas sage hat Einfluß auf das was.

    Eine Leserempfehlung
  5. Das sind doch wieder jede Menge Vorurteile die so nicht stimmen.
    Siehe unten:

    [...]Wenn man Fachliteratur ausschließlich selbst nutzen will, >dann ergibt sich auch noch die Möglichkeit, einzelne Passagen >mit dem Textmarker hervorzuheben - was ich bei Ebooks immer >vermisst habe.

    Also mein Kindle kann Passagen markieren und Lesezeichen setzen.
    Und insbesondere die markierten Passagen kann ich dann
    an andere Dienste weiterleiten.

    [...]
    >CDRom als Datenspeicher.
    Den Teil hat schon ein anderer Leser beantwortet
    dem ich zustimme.

    > Was Amazon dem geneigten Publikum gerne verkaufen würde sind
    > Ebooks als reine Datei, zwecks lesen auf einem speziellen
    > Tabletcomputer. Wenn das Gerät hinüber ist, sind auch alle
    > darauf gespeicherten Bücher / Inhalte verloren.

    Auch das stimmt nicht. Wenn man das Buch gekauft hat, ist
    es an den Account und nicht an das Lesegerät gebunden.

    > Die andere Frage ist die der Lesbarkeit, über die Jahrhunderte > hat man die Technik des Buchdrucks soweit optimiert, dass das > Lesen die Augen nur minimal beansprucht, d.h der Kontrast ist > optimal wenn die Beleuchtung beim Lesen stimmt.

    Schriftgröße 8 bei Büchern finde ich nicht optimiert,
    sondern ein Kompromiss aus Lesbarkeit, Platzausnutzung und
    Gewicht. Das entfällt bei einem elektronischen Reader.

    Eine Leserempfehlung
  6. ...Geschichte, da ich deren "Geschäftsgebaren" nicht toleriere.

    Aber: ich bleibe beim klassischen Buch - mit dem kann ich machen was ich will.

    P.S. Es muß nicht immer ein neues Buch sein - gebrauchte tun es meistens auch.

    Eine Leserempfehlung
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    Freie Autorin

    Lieber breschnew,

    auch bei gebrauchten Büchern kommen Sie (zumindest wenn Sie im Internet kaufen) an Amazon kaum noch vorbei: Die Plattform www.zvab.com z.B. gehört mittlerweile zur AbeBooks Europe GmbH, und AbeBooks wiederum gehört zur Amazon Gruppe.

    Herzlich,
    Astrid Herbold

  7. n Komprimiss aus Lesbarkeit, Platzausnutzung und Gewicht"

    Nennt man so was nicht "effektiv".

    Wahrscheinlich ist das eine Schwierigkeit: das Buch ist ein effektives Produkt.

    Wie geht man dagegen an? Indem es weniger effektiv dargestellt wird, als es det fakto ist.

    Obwohl die Folgen so einer Vorgehensweise nicht absehbar sind.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Effektiv bezüglich der verwendeten Ressourcen -
    absolut korrekt.

    Nicht effektiv bezüglich der Lesegeschwindigkeit und
    Ermüdung der Augen.

  8. Effektiv bezüglich der verwendeten Ressourcen -
    absolut korrekt.

    Nicht effektiv bezüglich der Lesegeschwindigkeit und
    Ermüdung der Augen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Lesegeschwindigkeit und Ermüdung der Augen.

    Gibt es eine wissenschaftliche Studie die da einen objektiven Vergleich zwischen e-Buch und Papierbuch vorgenommmen hat?

    Meines Wissens nicht.

    Deshalb sollten nicht in der Diskussion nicht immer subjektive Annahmen als objektiv verkauft werden.

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  • Schlagworte Amazon | Google | E-Book | USA | New York | Seattle
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