Baumschlagen. Das ist für Hartgesottene dieser Tage ein wichtiger Termin. Raus die Axt, rein in den Wald. Raus die Tanne, rein ins Haus. Genau betrachtet eine merkwürdige Aktion. Wie kam eigentlich der Wald in die gute Stube? Das fragt sich Bernd Brunner in seinem neuen Buch Die Erfindung des Weihnachtsbaums. "Erfindung" – weil freilich kein Geschichtsbuch mit einem gesicherten Geburtsdatum des beliebten Christbaums aufwartet; und weil sich in den Baumfacetten, wie Brunner sie erzählt, der Mensch spiegelt, sogar ein Stück weit erfindet.

Dass ein Objekt nicht einfach da ist, für sich, sondern verborgen hinter Schichten fantasierter Bilder, ist leitende Perspektive aller Bücher Bernd Brunners. Sie handeln vom Mond. Die Geschichte einer Faszination. Oder von Wassertieren und wie sie in Zimmeraquarien geraten; vom Bären und seiner Beziehung zum Menschen. Bernd Brunner wollte immer erzählen, nicht dozieren. Jetzt ist er also Sachbuchautor. Was das überhaupt ist? Er bleibt bescheiden, es dauerte ein paar Bücher, bis er das über sich selbst sagte. Der Weg ist inzwischen klar, eine neue Idee sogar schon in Sicht: Das Leben in der Horizontalen. Es wird übers Liegen gehen und wie verschiedene Kulturen das handhaben. Auf so eine Idee muss man erst mal kommen.

Brunners Bücher mit ihren vielen Bildern sind Archive. Ein Gedächtnis für Träume, Visionen, Ängste. Das Internet hat die Spurensuche erleichtert. Privatsammlungen waren besser auffindbar. Als er noch während des Studiums das erste Buch von Wolfgang Schivelbusch las, über die Geschichte der Eisenbahnreise, stand die eigene Richtung fest: von etwas so zu erzählen, als würde man dabei in einen Spiegel schauen, der das Innere des Menschen zeigt wie Falttafeln eines Seelenlexikons. Schivelbusch vermittelt nicht trockenes Wissen, sondern ein Drama. Er erzählt, wie die Eisenbahn in die Menschen regelrecht hineingerast ist und ihr ganzes Empfinden von Zeit und Raum veränderte. Ein großartiger Autor, findet Brunner.

Er selbst sieht sich zuständig fürs populäre Sachbuch, ohne akademischen oder theoretischen Anspruch. Gleichwohl übersetzt auch er schwierige Erklärungen in eine für Laien verständliche Sprache. Er erzählt, was ein Mondregenbogen ist, warum wir den bleichen Erdbegleiter fälschlich als weiß erleben und wie die katholische Kirche und Maria sich zu ihm verhalten. Er fragt, ob der Mond ein Geschlecht hat und schaut nach, wer ihn alles bedichtet hat. Bei aller Kulturgeschichte vergisst Brunner nicht die technische Seite, die Apparaturen. Seine Bücher führen Kultur- und Naturwissenschaften zusammen. Von dieser Begegnung zu erzählen wie in einem "Kinderbuch für Erwachsene", ohne verniedlichende Sprache, sei sein Ideal, sagt Brunner.

Und so erzählt er auch in seinem schmalen, schmucken Insel-Band über die Erfindung des Weihnachtsbaums nicht nur nachschlagbare Fakten, sondern die Biografie des Baums wie die eines Menschen. Wann er zum ersten Mal auftauchte, ist ungewiss. Da will zwar schon 1419 die Freiburger Bruderschaft der Bäckerknechte im örtlichen Heilig-Geist-Spital den ersten mit Äpfeln, Oblaten, Lebkuchen und Flittergold geschmückten Baum gesehen haben. Aber auch das estländische Tallinn und das lettische Riga melden Anspruch an.

Eine türkische Altorientalistin verlegt die Geburt des Weihnachtsbaums in die zentralasiatische Steppe, wo Menschen ihrem Gott mit einem schleifenbehangenen Wunschbaum huldigten. In den Baumkulten der Vergangenheit liegen die heidnischen Wurzeln. Eine andere Wiege ist das Paradiesspiel: Schon seit dem Mittelalter hatte der Baum einen Auftritt in der Kirche. In Zeiten, als viele noch nicht lesen konnten, wurde die christliche Lehre einfach als kleines Theaterstück gegeben. Irgendwann ist der grüne Paradiesbaum womöglich zu den Weihnachtsfeiern der Handwerksgilden gewandert. Adel und gehobenes Bürgertum holten den Baum mit dem Biedermeier in die neu entstandenen Wohnzimmer und Salons. Um ihn präsentieren zu können, brauchte es Raum.

Brunner inspiziert seine Gegenstände von der Wurzel bis zur Spitze. Sein erstes Sachbuch hieß Bär und Mensch. Seltsam, dass Menschen sich manchmal so nennen, gern gar im Diminutiv: Bärle. Oder Bärchen. Und dann der Teddybär, so einen hatte Brunner selbstverständlich auch. Plötzlich war die Idee da, so wie Ideen einfach da sind. Er begeisterte dafür einen Verlag, forschte, sammelte und schrieb die Geschichte dieser Beziehung.