Das Anfassen, das Fühlen bahnte ihm den Weg. Als Kind Steine, Wurzeln, Früchte sammeln. Dann der Blick durchs Mikroskop ins Innere, das so anders aussah als der Gegenstand von außen. Die filigrane Landkarte aus Seen und Äderchen faszinierte ihn. Ein Naturwissenschaftler ist trotzdem nicht aus ihm geworden. Nach einer Banklehre hat er Betriebswirtschaft studiert, aus Vernunftsgründen, und anschließend journalistisch gearbeitet, auch beim Fernsehen, die Wirtschaftsthemen, Späth am Abend zum Beispiel. Dann der Bruch mit der Wirtschaft und noch ein Studium, diesmal Kulturwissenschaft und Amerikanistik, einige Semester davon auch in Seattle. Nach Amerika. Die Geschichte der deutschen Auswanderung schrieb er dort, zunächst auf Englisch. Jetzt drückt er sich lieber wieder in der Muttersprache aus, da ist er spielerischer und literarischer. Unternehmerischer Geist treibt ihn immer noch. Brunner kümmert sich um seine Bücher, von denen manche in acht Sprachen übersetzt sind, ganz vorn japanisch. Warum sich gerade Japan für seine Themen interessiert, weiß er selbst nicht recht.

Vielleicht ist es die Aufmachung der Bücher, ihr Bildcharakter: Blättert man sie durch, verweilt man gerne bei den Grafiken, die illustrieren, was Brunner gerade erklärt. Im Buch über die Erfindung des Aquariums etwa das Bild zweier Akrobatiker, am Uferrand eines Gewässers mit Verrenkung beschäftigt, während im Wasser unter ihnen ein großer Tintenfisch schwimmt, formgleich wie die verbogenen Turnerkörper. Tatsächlich hatten im 18. Jahrhundert französische Forscher beim Ringen um Verständnis des rätselhaften Tintenfisch-Körperbaus Parallelen gezogen zwischen den Bewegungen des Meerestiers und der Akrobaten. Solchen skurrilen Anekdoten ist Brunner auf der Spur.

Wie schon am Mond führt er auch jetzt am Weihnachtsbaum vor, wie dieser beliebig mit Bedeutung aufgeladen wurde und wird. Die Nationalsozialisten, sich auf die heidnischen Wurzeln berufend, behängten ihn mit Hakenkreuzen. Personalisiert wird er von Hans Christian Andersen in dessen Geschichte Der Tannenbaum, von Schmerz durchzogen, als er gefällt wird, stolz ob des Schmucks, am Ende mit Füßen getreten, in Stücke gehackt und verbrannt. Und im Blauen Zimmer des Weißen Hauses wird jedes Jahr ein sorgfältig ausgewählter Baum aufgestellt, traditionell umsorgt von der First Lady; nur Theodore Roosevelt, als Naturschützer bekannt, duldete keinen. Beliebt in Amerika auch: der Charlie-Brown-Baum – aus dürren, verunglückten, hängenden Ästen wie der Namensgeber.

Brunners kurzweilige Reise durch die Jahresringe des Weihnachtsbaums streift dabei so unterschiedliche Winkel wie die Kulturgeschichte des Wohnens oder die Entwicklung der Puppenindustrie, die sich etwa in der Verfertigung der Engel spiegelte: erst geknetet aus Wachs oder Pappmaschee, dann fabriziert aus Biskuitporzellan. Er beschreibt Talglichter, Öl- und Gaslämpchen und berührt so die Geschichte des Lichts, dann die Lust an der künstlichen, praktisch wiederverwertbaren Tanne. Der Baum als Traum, in dem sich verschiedene Dinge verdichten. Jetzt ist die Zeit, daran zu denken.