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Buchtipps von Anne Haeming, David Hugendick, Markus Horeld, Christoph Schröder und Jessica Braun

Überraschend isländisch

Man kann nicht dankbar genug sein, dass Island in diesem Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse war – es wäre ein Jammer, auf die deutsche Übersetzung von Versöhnung und Groll von Einar Kárason verzichten zu müssen. Denn diesem multiperspektivisch angelegten Roman gelingt es auf derart überraschende Weise, über isländische Clan-Kriege aus dem 13. Jahrhundert zu schreiben, dass man Seite um Seite begeisterter wird. Nichts klingt nach spätem Mittelalter, sondern unfassbar heutig: etwa wenn der Anführer Gissur süffisant über hasenfüßige Feinde lästert, die im schlechten Wetter stecken bleiben, oder wenn sein Widersacher Eyjólfur in seinen manisch-depressiven Schüben versinkt, monatelang sein Bett nicht verlässt und dessen Frau nur noch genervt mit den Augen rollt. Launig, selbstkritisch und letztlich auch frustrierend traurig: Nach diesem Buch möchte man am liebsten alle Sagen von Kárason nacherzählt bekommen. (Anne Haeming)

Einar Kárason: Versöhnung und Groll. Aus dem Isländischen von Kristof Magnusson, BTB, Berlin 2011, 190 S., 18,99 Euro.


Elegant Flanieren

An Berlinromanen besteht kein Mangel. An guten schon. Albrecht Selges Romandebüt Wach ist einer, womöglich der beste, der in den vergangenen Jahren geschrieben wurde. Hier geht's nicht um notorisch Clubselige oder Feierbesoffene, sondern um August Kreutzer, den Manager eines Erlebnis-Einkaufszentrums. Nachts zieht er durch die Straßen, er schaut in Treppenhäuser, betrachtet Hausfassaden, blickt in die Eingeweide einer Stadt, die so wenig schlafen kann wie er selbst. Überall begegnet ihm die Vergänglichkeit in dieser höchst elegant erzählten Flaneursgeschichte, die, wie einige andere Beispiele aus diesem Jahr (Leif Randt, Jan Brandt), doch als Beweis gelten kann, dass es um die junge deutsche Gegenwartsliteratur nicht so schlecht steht, wie manche Kritiker behaupten. (David Hugendick)

Albrecht Selge: Wach. Rowohlt Berlin, Berlin 2011, 256 S., 19,95 Euro.


Dokumente des Irrsinns

Kein Mensch, der nach dem 11. September 2001 in die Hände der CIA geriet, musste fürchten, er sei fortan völliger Willkür ausgeliefert. Alles war schön geregelt. Zum Beispiel die Befragung von "besonders wichtigen Gefangenen". Mit 5 Grad kaltem Wasser darf der CIA-Interviewer den Gefangenen nur maximal 20 Minuten lang bespritzen (oder 60 Minuten bei 15 Grad). Das Wasser muss trinkbar sein und eine Matte zwischen dem Gefangenen "und dem Fußboden liegen, um das Auskühlen des Körpers möglichst gering zu halten." Beim Waterboarding soll das Wasser salzig sein, "damit die Gefahr eines durch Wasserkonsum bedingten Sodiumverlustes im Blut verringert wird". Und in einen dunklen Raum darf man maximal 18 Stunden (großer Container) beziehungsweise zwei Stunden (kleiner Container) eingesperrt werden. Pro Tag. Bernd Greiners 9/11 ist voll von solchen Dokumenten des Irrsinns. Und irrsinnig ist ja auch, was mit der amerikanischen Demokratie passiert ist. Die Folter erlaubt, der Kongress entmachtet, die Verfassung gebrochen, der Präsident ein Papst, weil unfehlbar und auf höherer Mission. Wie das alles geschehen konnte, wie eine starke Demokratie ihre Gewaltenteilung aufgab, wie Bushs Clique die "imperiale Präsidentschaft", die schon unter Nixon aufkeimte, zur Blüte brachte, all dies hat Greiner packend aufgeschrieben. (Markus Horeld)

Bernd Greiner: 9/11. Der Tag, die Angst und die Folgen. C.H. Beck, München 2011, 279 S., 19,95 Euro.


Moderne Taugenichtse

Seit 2007 erzählt der Schauspieler Joachim Meyerhoff auf der Bühne des Wiener Burgtheaters einem wachsenden Publikum sein Leben. Einen Teil davon hat er nun aufgeschrieben: Den einjährigen Aufenthalt, den er als Jugendlicher in einer Kleinstadt in Wyoming absolviert hat. Mit unbefangenem, staunenden Blick, einer subtilen Komik und in ironischer Distanz betrachtet Meyerhoff den modernen Taugenichts, der er war. Ein Sehnsuchtsmensch, der auf den skurrilen Alltag der amerikanischen Provinz in den Achtzigern prallt. Das muss weitergeschrieben werden, unbedingt! (Christoph Schröder)

Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch. Teil 1: Amerika. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011. 320 S., 18,95 Euro.


Für Angeber!


Ein kompakter Überblick über die abendländische Kulturgeschichte in Buchform (ab der Renaissance – die Antike ist echt nicht mehr zeitgemäß): Kafka war jung und er brauchte das Geld ist nur wenig größer als ein Blackberry und genauso effizient. Es liefert auf 174 Seiten die nötigen Thesen, um selbst nach einem fünfstündigen Sales-Meeting noch "die nächste Feuilletonistenparty zu crashen". In bewährter Case-Study-Methode bietet es Analysen großer Meisterwerke ("Rembrandt mit Ramschstatus") und verdichtet komplexe Sachverhalte ("Wohltemperiertes Zeitmanagement nach Johann Sebastian Bach") zu geschmeidigen Leitsätzen. Es ist DAS Buch, mit dem Sie jedem Vorgesetzten zeigen können, dass Sie nicht nur seine Art zu denken schätzen, sondern selbst auch ganz ordentlich was auf dem Kasten haben. (Jessica Braun)

Konstantin Richter: Kafka war jung und er brauchte das Geld: Eine rasante Kulturgeschichte für Vielbeschäftigte. Kein & Aber 2011, 160 S., 14,90 Euro.

Leser-Kommentare
    • eeee
    • 20.12.2011 um 11:12 Uhr
    1. Sodium

    bitte einmal im Wörterbuch nachschlagen.

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    • samyka
    • 20.12.2011 um 13:43 Uhr

    Ja, das nervt mich schon seit Jahren, dass Übersetzer meinen, chemische Begriffe sind im Deutschen ja eh so ähnlich wie im Englischen und dann nicht mehr übersetzen. Aber "sodium" bleibt Natrium und "potassium" Kalium. Usw. Am meisten nervt das aber im Fernsehen. Schon mal eine der diversen "CSI"-Folgen gesehen? Autsch!!!

    • samyka
    • 20.12.2011 um 13:43 Uhr

    Ja, das nervt mich schon seit Jahren, dass Übersetzer meinen, chemische Begriffe sind im Deutschen ja eh so ähnlich wie im Englischen und dann nicht mehr übersetzen. Aber "sodium" bleibt Natrium und "potassium" Kalium. Usw. Am meisten nervt das aber im Fernsehen. Schon mal eine der diversen "CSI"-Folgen gesehen? Autsch!!!

    • samyka
    • 20.12.2011 um 13:43 Uhr

    Ja, das nervt mich schon seit Jahren, dass Übersetzer meinen, chemische Begriffe sind im Deutschen ja eh so ähnlich wie im Englischen und dann nicht mehr übersetzen. Aber "sodium" bleibt Natrium und "potassium" Kalium. Usw. Am meisten nervt das aber im Fernsehen. Schon mal eine der diversen "CSI"-Folgen gesehen? Autsch!!!

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Sodium"
    • TDU
    • 20.12.2011 um 14:11 Uhr

    Das interessanteste und eines der wenigen vorgestellten Werke jenseits des Maintreams scheint angenehm langweilig. Vielleicht schon ein Zustand mit dem man zufrieden sein kann (sollte / muss) in der kulturellen Welt.

  1. absolut lesenswert ist auch sein Buch "Täter: Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden"

    • martje
    • 20.12.2011 um 15:42 Uhr

    und kann es hier im ZEIT Forum gerne empfehlen:

    Currency Wars - The making of the next global Crisis

    von James Rickards

    ISBN 978-1-59184-449-5

    Ich bin noch nicht ganz durch, aber bisher habe ich viel darüber lernen können, wie diverse Instanzen in den Vereinigten Staaten die jetzige Finanzkrise handhaben...

  2. Ich finde den Artikel als nahezu unlesbar. Habe ich mich durch die erste Seite gekämpft, wo alles kreuz und quer wächst, erwartet mich unten bei den den Teilüberschriften der nächste Schock: Die Namen der Redakteure sind aufgelistet, nicht die Buchtitel, Autoren oder das Genre. Ich brauche eh keine Buchempfehlung, aber spannend hätte es sonst schon werden können - so ist es mir hingegen shclicht zu anstrengend. Immerhin liest man auf dem PC, das ermüdet :)

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    Redaktion

    Lieber Michel_D,

    die bibliografischen Angaben stehen in der Zeile unter den Namen der Autoren. Über den gefetteten Zwischenüberschriften.

    Mit bestem Gruß,

    D. Hugendick

    Redaktion

    Lieber Michel_D,

    die bibliografischen Angaben stehen in der Zeile unter den Namen der Autoren. Über den gefetteten Zwischenüberschriften.

    Mit bestem Gruß,

    D. Hugendick

  3. Redaktion

    Lieber Michel_D,

    die bibliografischen Angaben stehen in der Zeile unter den Namen der Autoren. Über den gefetteten Zwischenüberschriften.

    Mit bestem Gruß,

    D. Hugendick

    Antwort auf "seltsam strukturiert."
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    Das stimmt. Ich denke da aber eher an die Verlinkung zu den nächsten Seiten des Artikels. Hätte es schöner gefunden, wenn dort die Namen der Bücher stünden - das lockt mehr, als die Namen der Redakteure, auf die ich (zu meiner Schande?) nicht achte, wenn ich sonst Artikel lese.

    Das stimmt. Ich denke da aber eher an die Verlinkung zu den nächsten Seiten des Artikels. Hätte es schöner gefunden, wenn dort die Namen der Bücher stünden - das lockt mehr, als die Namen der Redakteure, auf die ich (zu meiner Schande?) nicht achte, wenn ich sonst Artikel lese.

  4. Klingt das nicht ungefähr so wie : RUF JETZT AN !!!!! Da hört man doch die Peitsche der schwarzen Domina im Hintergrund knallen...

    Abgesehen davon würde ich "Jenseits von Brüssel" auf den Weihnachtswunschzettel schreiben. Real Street Life getauscht gegen unsere saubere Wulff-Welt ! Warum nicht?

    Eine Leser-Empfehlung

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