Es gibt eine bekannte Fotografie von Barbara Klemm, die Christa Wolf 1982 in Frankfurt zeigt: Im berühmten Hörsaal 6 der Goethe-Universität hält Wolf, zwei Jahre zuvor mit dem Büchnerpreis geehrt, ihre Poetikvorlesungen. Der Raum ist überfüllt. Die Zuhörer sitzen auf dem Boden, und Christa Wolf muss sich ihren Weg zum Pult durch diese Massen bahnen. Das Bild veranschaulicht sehr deutlich, welche Wirkung die Schriftstellerin von ihren ersten Veröffentlichungen an bis hinein in die achtziger Jahre hatte – nicht nur im Osten, sondern gerade auch im Westen der Republik.

Ihre Bücher – angefangen mit Der geteilte Himmel (1963), Nachdenken über Christa T. (1968), Kindheitsmuster (1972) und Kein Ort. Nirgends (1979) – waren im Jahr 1982 bereits kanonisch. Sie wurden gelesen als geschichtspessimistische Erzählungen. Als Auseinandersetzung eines Individuums mit einem die Bedürfnisse des Einzelnen einschränkenden Staats. Diese Konfrontation ist bei Wolf immer und vielleicht vornehmlich eine mit dem eigenen Ich: "Ich schreibe, um mich selber kennenzulernen, soweit es geht", sagte sie im vergangenen Jahr in einem Interview. "Da kann man sich nicht schonen."

Tatsächlich ist der Blick auf das eigene Leben, die fortwährende Selbsterforschung ihrer Figuren eine wesentliche Linie in ihrem Werk. Sie hat damit schon in den späten sechziger Jahren einen persönlichen Erfahrungsweg geöffnet, der allen sozialistischen Schreibdoktrinen zuwider lief. Auch im Westen, der literarisch gerade auf die sogenannte Neue Subjektivität zusteuerte, fand Christa Wolf mit diesem Schreibprogramm eine aufmerksame Leserschaft.

Stand das Authentische und Individuelle im Osten gegen die Repressionen des Systems, so konnte im Westen das Augenmerk auf die Kritik an Konsumismus und Warenwelt gelegt werden. Die Selbstbefragungen ihrer Protagonisten finden eben nicht in einem ideologiefreien Raum statt. Die Gefühlswelt ist immer eingebettet in eine materielle Erfahrungswelt. Der Ort des Lebens und sämtliche Widersprüche, in denen man sich bewegt, beeinflussen selbstverständlich das Denken, die Handlungen und die Haltung.

Christa Wolf gehörte einer Generation an, der die Schrecken des Krieges und der Nazi-Greuel noch in den Knochen steckte. Und die sich auf existenzielle Weise die Frage stellen musste, wie und in welcher Gesellschaft man leben soll, um die Vergangenheit nie mehr wiederkehren zu lassen. "Meine Generation ist über Auschwitz zum Sozialismus gekommen", schrieb sie einmal. So ist fast zwangsläufig die DDR , der gescheiterte Entwurf einer anderen Gesellschaftsordnung, bis zu ihrem letzten Buch Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud (2010) das Brennglas gewesen, durch das ihr Schreiben Genauigkeit und Schärfe gewonnen hat.