Die Schriftstellerin Christa Wolf ist tot. Sie starb am Donnerstag nach schwerer Krankheit im Alter von 82 Jahren in Berlin. Wolf war eine der wichtigsten deutschen Autorinnen der Nachkriegszeit. Zu ihren bedeutendsten Werken gehören die Romane und Erzählungen Nachdenken über Christa T., Kindheitsmuster, Kein Ort. Nirgends, Kassandra, Medea. Stimmen und Der geteilte Himmel. Ihr letzter Roman Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud erschien im Sommer 2010.

Christa Wolf wurde 1929 in Landsberg an der Warthe im heutigen Polen geboren. Im Januar 1945 floh die Familie vor der Roten Armee und ließ sich zunächst im mecklenburgischen Gammelin nieder. Wolf machte ihr Abitur in Bad Frankenhausen und wurde Mitglied der SED. In Jena und Leipzig studierte sie Germanistik. In den fünfziger Jahren arbeitete sie als Lektorin des Verlags Neues Leben in Berlin und Redakteurin der Zeitschrift neue deutsche literatur.

Leben und Werk Christa Wolfs waren eng verbunden mit der Geschichte der DDR. Sie wirkte allerdings weit über die deutschen Grenzen hinaus, ihre Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. Ihr erster großer literarischer Erfolg, Der geteilte Himmel im Jahr 1963 über eine an der deutschen Teilung scheiternde Liebe, wurde eines der meistdiskutierten Bücher in der DDR und später auch von Konrad Wolf für die staatliche Filmgesellschaft DEFA verfilmt.

Christa Wolf, die mit dem Schriftsteller Gerhard Wolf verheiratet war, zählte mit Anna Seghers zu den wichtigsten DDR-Autorinnen, denen der Konflikt zwischen Geist und Macht nicht fremd war. Sie verließ nie die DDR und ließ auch nicht zu, "dass ihr Land sie verlässt", wie es die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz formulierte. Zur DDR gab es für Wolf keine Alternative. Und doch fühlte sie sich immer mehr heimatlos, wie sie es in dem Titel Kein Ort. Nirgends (1979) zusammenfasste.

Sie unterstützte Bürgerrechtler, protestierte gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann, und trat dennoch erst 1989 aus der SED aus. Während der friedlichen Revolution war sie im Gespräch für das Amt des ersten freigewählten Staatsoberhaupts der DDR. Damals unterschrieb sie mit anderen Autoren einen Aufruf Für unser Land, den viele als Rettungsversuch für die DDR missverstanden. "Wir hatten für einen sehr kurzen geschichtlichen Augenblick an ein ganz anderes Land gedacht, das keiner von uns je sehen wird", sagte sie später.

So hat sich Christa Wolf Anerkennung und Respekt erarbeitet, ihre Romane und Erzählungen finden Interesse in breiten Leserkreisen. "Frauen und Frieden" – auf diese Formel haben Kritiker ihr literarisches Werk und gesellschaftliches Engagement gebracht. Aber die Frage, wieweit ein Künstler sich mit staatlichen Interessen identifizieren darf, weckte ein gewisses Misstrauen.

Im Roman Kassandra versteckte sie eine Botschaft für den Zensurapparat der DDR. "Ich wartete gespannt, ob sie es wagen würden, die Botschaft der Erzählung zu verstehen, nämlich dass Troja untergehen muss. Sie haben es nicht gewagt und die Erzählung ungekürzt gedruckt. Die Leser in der DDR verstanden sie." Sie habe dieses Land DDR einmal geliebt, schrieb Wolf nach dem Ende der DDR an ihren Kollegen Günter Grass. Sie meinte damit die Menschen, nicht den Machtapparat.

Ihr eigenes Gewissen musste Wolf befragen, als ihre frühere IM-Tätigkeit in jungen Jahren (1959-1962) bekannt wurde. Die Akte darüber legte sie selbst in einem Dokumentationsband (Akteneinsicht Christa Wolf) offen, aber auch ihre eigene Bespitzelung durch die Stasi. Es bleibe "ein wunder, ein dunkler Punkt" in ihrem Leben.

"Ich fühlte mich doch völlig unbelastet ... IM – weißt du, wie das ist, wenn dir zwei Buchstaben wie ein Gerichtsurteil entgegenblicken? ... Das hatte ich vergessen können? ... IM stand da, ich habe es nicht glauben wollen, Katastrophenalarm, der Schweiß brach aus", erinnerte sie sich später. "Wie konnte ich das vergessen?", fragte sich die Autorin, die stets gegen das Vergessen angeschrieben hatte.