Literatur im FernsehenMehr als bloß Kritikertheater

Vor zehn Jahren lief die letzte Sendung des Literarischen Quartetts. Im deutschen Fernsehen wurde Literatur seither nie wieder so überzeugend besprochen.

Am 14. Dezember ist es genau zehn Jahre her, seit Das Literarische Quartett das letzte Mal ausgestrahlt wurde. Zehn Jahre, in denen keine andere Literatursendung im deutschen Fernsehen eine ähnliche Bedeutung erreichen konnte. Doch zu Beginn seiner Ausstrahlung im Jahr 1988 kam die Kritik an der Sendung insbesondere von Literaturkritikern und Literaturwissenschaftlern. Jochen Hörisch, Ordinarius an der Universität Mannheim, behauptete, die Sendung kennzeichne ein "vollkommener Verzicht auf begründete Urteile". Für Hubert Winkels, Literaturredakteur des Deutschlandfunk, stand das Quartett "der Show deutlich näher als der Wortkunst". Aber ging es wirklich nur ums Kritikertheater?

Sicherlich lebte die Sendung von den pointierten, manchmal ungerechten Beiträgen Marcel Reich-Ranickis. Wobei zu unrecht ihm allein die emotionale Vereinfachung der Sendung zugeschoben wurde. Sieht man sich ein paar alte Ausgaben an, wird deutlich, dass auch seine langjährigen Mitstreiter, Hellmuth Karasek und Sigrid Löffler, gerne polemisch wurden. Aber waren die emotionalen Entgleisungen nicht auch Folge einer Leidenschaft für die jeweils verteidigten Bücher ?

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Heutige Literatursendungen, wie Druckfrisch oder Das blaue Sofa , versuchen mit Action-Szenen und Sensationskulisse diese Literaturleidenschaft fernsehgerecht und wohltemperiert zu inszenieren. Sowohl Denis Scheck als auch Wolfgang Herles müssen sich dabei nicht mit anderen Argumenten und Meinungen plagen, sondern können endlos ihre Texte ablesen. Eigenartiger Weise wird ihnen übrigens keine Eitelkeit vorgeworfen wie Reich-Ranicki, als er nach dem Ende des Literarischen Quartetts noch in ein paar Sendungen lang alleine auftrat.

Zu viel eitle Emotionen, zu wenig begründetes Urteil, das waren die Hauptkritikpunkte am Quartett. Einwände, die an die Kritik an der parlamentarischen Demokratie erinnern. Im Parlament, so heißt es, stünden auch nur Einzelinteressen und Eitelkeiten im Vordergrund und nicht die "zielführende" Diskussion von allgemein gesellschaftlichen Problemen. Die Entscheidungen am Ende seien dann nur faule Kompromisse. Es stimmt: Auch im Literarischen Quartett konnten sich die Teilnehmer meist nicht auf ein Urteil einigen. Aber will man das überhaupt?

In gewisser Weise wurde die Kritik an den Zuschauer weitergereicht, was dazu führte, dass auch umstrittene Bücher nach der Sendung zu Bestsellern wurden. Gleichfalls richtig ist, dass eine schriftliche Buchkritik meist besser geeignet ist, weil darin feinsinniger und genauer argumentiert werden kann. Trotzdem war die Sendung mit ihrer freien Diskussion auch eine Art Gegenveranstaltung zu den Kritikermonologen in Zeitungen und Zeitschriften.

Leserkommentare
  1. Ranicki ist ein Gesamtkunstwerk. Jede Sendung mit ihm hat einen enormen Unterhaltungswert. Seine Lebenserinnerungen sollten Pflichtlektüre an Schulen sein. Ihn mit Scheck oder Herles zu vergleichen ist unfair. Jede Sendung hat ihre Berechtigung und verglichen mit dem, was uns die Privaten zur Verfügung stellen ....
    Das Literarische Quartett mit Scheck, Herles, Heidenreich und vielleicht Richard David Precht würde mich schon interessieren.

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    ...bitte nicht diese eiapompeia-alles-ist-so-niedlich-Heidenreich

    ...bitte nicht diese eiapompeia-alles-ist-so-niedlich-Heidenreich

  2. Ich schaue zurzeit öfter die alten Sendungen auf YouTube, weil mich eben auch die damaligen Meinungen aller Kritiker interessiert, insbesondere bei bestimmten Autoren die ich selbst lese. Noch heute wird man so unterhalten und informiert. Meiner Meinung nach gilt genau der Grundsatz den Reich-Ranicki einmal sagte: Ein Krititiker der sich keine Feinde macht ist kein guter Kritiker. Heute gibt es nur noch selten Kritiken die sich etwas trauen, viele Artikel kommen eher als Romanporträt denn als Kritik daher, was auch an dem intellektuellen Hintergrund einiger Journalisten liegt, dem darausresultierenden Anspruch an der eigenen Sprache oder an der Literatur und deren Produzenten?. Und nochmal muss man Reich-Ranicki zustimmen wenn er meint, die Kritik müsse auch verständlich geschrieben sein, teilweise geschieht dies nicht, sowohl in der ZEIT aber auch in Tageszeitungen. Im Fernsehen gibt es nur noch einen guten Kritiker und das ist Herr Scheck, alle anderen betreiben bloße Werbung oder machen etwas so schlecht, weil scheinbar alle anderen Kollegen jene Titel gut finden, das blaue Sofa ist so eine Sendung.

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  3. [em]"...Literatur [wurde] seither nie wieder so überzeugend besprochen..."[/em]

    Vielleicht sollte der Begriff [em]Überzeugung[/em] durch das Wort [em]Leidenschaft[/em] ersetzt werden.

    In den deutschen Sendeanstalten spürt man nicht mehr, dass Literatur in den Fokus der Gesellschaft gerückt wird. Im Mainstream befinden sich andere Medien und das Literarische wird beschämend vernachlässigt. Will man den Programmgestaltern Glauben schenken, sind vom [em]Volk der Dichter und Denker[/em] nur noch Internetsüchtige, Gamer, Pornokonsumenten, Facebookjunkies und SMS-Enthusiasten übrig geblieben ...so scheint es.

    Dieser Schein trügt.
    Sieht man sich die Resonanz der Buchmessen und die Umsätze auf dem Buchmarkt an, hat der prophezeite Niedergang der gedruckten Medienträger nicht in so starkem Maß stattgefunden, als dass es gerechtfertigt wäre, nicht über eine Neuauflage eines literarischen Quartetts oder über eine adäquate Offerte in einem entsprechenden Format nachzudenken. Dabei sollte den Verunglimpfungen der seinerzeitigen Sendung nicht Rechnung getragen werden, weil es gerade diese Polemik war, die den Reiz der Sendung ausmachte; gerade sie war es, die die Aufmerksamkeit erregte und die das Interesse an einem besprochenen Titel weckte.

    Indem die Leidenschaft der Beteiligten des damaligen Quartetts in den geführten Diskussionen ein Ventil hatte, bekam die Sendung einen unvergleichlichen Charakter.

    Lediglich die Sendezeit war für Normalarbeitende zu spät angesetzt.

    ==> Drupi

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  4. http://www.zeit.de/2001/3...

    So hörte sich das vor 10 Jahren an dieser Stelle an...schon toll, wie die Nostalgie die Dinge romantisch verklären kann.

    2 Leserempfehlungen
  5. Wie der Autor des Artikels finde ich es sehr erhellend, wenn sich Buchkritiker widersprechen. Allerdings fand ich, als ich mir neulich noch einmal eine alte Folge des Quartetts anschauen wollte, MRR schwer erträglich.
    Zum Glück gibt's noch den Literaturclub des Schweizer Fernsehens mit Iris Radisch (zumindest gab's ihn letzten Sommer noch - ich hoffe, das hat sich nicht geändert!!!). Der kommt ohne Papst aus, und außerdem gibt es zu jedem Buch einen kurzen Einspieler - was ich der früher üblichen stotterigen Inhaltsangabe vorziehe.
    Noch eine Sache: Ich mag bei Denis Scheck seine launigen TopTen-Kommentare. Die finde ich sehr befriedigend, wenn mich gerade mal wieder bergeweise Buchmüll in meiner örtlichen Buchhandlung deprimiert hat.

  6. ...bitte nicht diese eiapompeia-alles-ist-so-niedlich-Heidenreich

    Antwort auf "Neuauflage?"

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