Eine Buchrezension in einer Tageszeitung wird ja nur selten weiter diskutiert. Was dazu führt, dass mancher Kritiker sich wie ein Hohepriester fühlt und seine subjektiven Grenzen bei der Betrachtung von Literatur aus den Augen verliert. Das Literarische Quartett war deshalb auch eine wichtige Ergänzung zur unverzichtbaren Literaturkritik in Zeitungen und Zeitschriften. Das gilt auch für die heute nur noch schwer formulierbaren allgemeinen ästhetischen Kriterien. Vielfach kann man sich nur noch in einer Diskussion auf solche einigen.

In dieser Hinsicht war es eigenartig, dass gerade der als  "Literaturpapst" verschrieene Marcel Reich-Ranicki die Idee zu der Sendung hatte. Ein Papst ist ja eigentlich eine Art geistiger Diktator, der an der Meinung anderer kein Interesse hat. Und solch ein Kritiker-Papst nimmt nun an einer freien Diskussion über Bücher teil und dazu auch noch vor einem Massenpublikum im Fernsehen! Und am Ende kommt er mit einem Brecht-Zitat, mit dem er die Zuschauer auffordert, selbst über die diskutierten Bücher zu urteilen: "Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen." Der Verdacht liegt nahe, dass es eher ein in der Gesellschaft vorhandener Wunsch als Reich-Ranicki selbst war, der sein Papstum geschaffen hat, nämlich jener weit verbreitete Wunsch nach autoritärer Orientierung. 

Für antiautoritär Gesinnte war es dann gleichzeitig die Möglichkeit, Reich-Ranickis Autorität lustvoll wieder zu demontieren, wovon Hellmut Karasek und Sigrid Löffler auch reichlich Gebrauch machten. Doch so vehement, so polemisch und rhetorisch geschickt Reich-Ranicki seine Meinung zu einem Buch auch vertreten hat, so wenig bestand er am Ende auf seinem Urteil. Das Literarische Quartett war das Beste, was er gegen seinen Ruf als Literaturpapst machen konnte: indem er sich der unmittelbaren Kritik aussetzte. Was demontierte ihn mehr als die besseren Argumente seiner Gegner? Und im Literarischen Quartett waren die Argumente der Gegner Reich-Ranickis oft besser. Was für ihn den schönen Nebeneffekt hatte, dass seine Popularität stieg, weil er in der Sendung autoritäre Lesehilfe, literaturkritischer Sündenbock und antiautoritäres Demontageobjekt in einem war.

Natürlich schwankte die Qualität der Sendung. Letztlich aber ist das Quartett leidenschaftlicher, überzeugender und im Grunde demokratischer mit Literatur umgegangen als alle anderen Literatursendungen des deutschen Fernsehens davor und danach. Und das auf dem hohen Niveau belesener Kritiker ohne jeden fernsehmedialen Schnickschnack, der die Sendungen heute so sehr prägt.