Simon Sebag Montefiore "Jerusalem ist unser Familienmotto"

Simon Sebag Montefiore hat Jerusalem durch jene Bewohner portraitiert, die das Schicksal der Stadt prägten. Auch seine Familie zählt dazu, verrät der Historiker im Interview.

ZEIT ONLINE: Herr Montefiore, Sie sind mit Prince Charles und David Cameron persönlich bekannt. Ist es nicht eigenartig, dass jemand wie Sie, ein Mitglied des britischen Establishments, schon zwei Bücher über Stalin geschrieben hat?

Simon Sebag Montefiore: Oh, für Stalin interessierte ich mich schon, da war ich ungefähr acht. Ich abonnierte das Magazin "Verbrechen und Strafe", in dem es nur um Mörder ging. Ich erinnere mich noch, wie ich alles über "das Monster von Düsseldorf" las, einen Serienkiller aus den zwanziger Jahren. Als ich Stalin entdeckte, dachte ich: Mein Gott, ist das interessant!

ZEIT ONLINE: Vermutlich waren Sie sehr einsam in Ihrer Klasse.

Montefiore: Ich war ein Sonderling, aber nicht der einzige, wenn Sie das meinen. Ich habe mich sehr für historische Stoffe interessiert. So kam ich später auch zur Zarin Katharina, dem Thema meines ersten Buches. Es brachte mir Glück. Die Bushs hatten das Buch mit, als George W. nach Petersburg reiste. Er und seine Frau haben sich im Bett daraus vorgelesen. So erfuhr Putin davon, und er mochte es.

ZEIT ONLINE: Was fand Putin an einer deutschstämmigen Zarin, die ihrem Potemkin feurige Liebesbriefe schrieb?

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Montefiore:Er mochte, dass ich Katharina, die als Nymphomanin bekannt war, rehabilitiert und als Politikerin aufgewertet habe. Jedenfalls fragte mich mein russischer Verleger, der auch Putins Verleger ist, was ich als Nächstes schreiben wolle. Ich sagte, ein Buch über Stalin. Da bekam ich Zugang zu allen Archiven. Allerdings schlossen sich die nach Erscheinen wieder. Offenbar hat es Putin nicht gefallen.

ZEIT ONLINE: Nun haben Sie ein Buch über Jerusalem geschrieben. Auch aus frühkindlichem Interesse?

Montefiore:Schauen Sie auf meinen Ring, sehen Sie das Bild und die Flagge mit der Inschrift Jerushalaim? Jerusalem ist unser Familienmotto.

ZEIT ONLINE: Ein Viertel in Jerusalem heißt Montefiore und …

Montefiore:… mein Vorfahr Moses Montefiore hat es gebaut. Es gibt dort eine Montefiore-Mühle, Montefiore-Landhäuser, Jerusalem hat sechs Vororte, die nach ihm benannt sind.

ZEIT ONLINE: Welches Bild verbinden Sie in Ihrer frühesten Erinnerung mit Jerusalem?

Montefiore:Ich erinnere mich, wie ich an der Montefiore-Windmühle spielte und Teddy Kollek, damals Bürgermeister, uns überall herumführte. Das muss kurz nach dem Sechs-Tage-Krieg gewesen sein, wahrscheinlich 1968. Ich hatte jedoch auch meine Probleme mit diesem Montefiore-Ding.

ZEIT ONLINE: Sie beschreiben Moses Montefiore als einen der ersten reichen, emanzipierten Juden Europas, der ins Heilige Land ging und die Juden dort unterstützte.

Montefiore: In gewisser Weise begründete er Jerusalems Neustadt. Er war imposant, über 1,90 groß, blauäugig, furchtlos. Er bereiste die Welt und riskierte dabei mehrfach sein Leben, sah den Zaren, den Sultan, es war die Zeit, in der Großbritannien auf dem Höhepunkt seiner Macht war, er hatte Beziehungen ins Königshaus, zu den Premierministern. Als Jugendlicher war ich die Geschichten über ihn leid, die in der Familie erzählt wurden, zu hören, was für ein Heiliger er war.

ZEIT ONLINE: Sie haben Ihr Buch wegen ihm geschrieben?

Moontefiore: Nein, geschrieben habe ich das Buch, weil es so eines noch nicht gab. Es sollte kein Stadtführer werden, nicht beschreiben, wer welche Säule errichtete und warum. Sondern die Geschichte der Bewohner erzählen, basierend auf Faktenstudium, lesenswert für jedermann.

ZEIT ONLINE: Wollten Sie je nach Israel auswandern? 

Montefiore: Ich habe mit 15 in einem Kibbuz gearbeitet, Plastiksitze für Toiletten hergestellt. Aber auswandern? Ich verstehe die Menschen, die Zionisten sind, ich war es nie.

Leser-Kommentare
  1. ..der ZEIT meinen ehrlichen Dank, ich hatte vom Autor Montefiore bisher fast nichts gehört - meine Schuld, ich weiß, aber ich bin alt!
    Das bilateral kluge Interview zu lesen, hat mir den heutigen bisher eher trüben Tag etwas vergoldet und ich könnte Montefiore umarmen, wenn er mit einer Leichtigkeit und Grandezza und wie selbstverständlich sinngemäß sagt:
    "...wer konnte denn ahnen, daß der siegreiche 6-Tagekrieg Israels Ende als säkular-sozialdemokratischer Staat bedeuten würde...!"
    Ja wirklich!
    ... aber ich traue Israel auch wieder eine Rückbesinnung auf die wahren Werte und Aufgaben des Judentums zu, wenn ich nämlich an ebenso kluge wie angenehme Mensche wie Avraham Burg denke z.B. ...

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