Die Idee ist cool: Zehn unzusammenhängende Geschichten, deren heimlicher Held jeweils die Zigarette ist. Erfunden hat das Konzept ein englischer Autor namens Stuart Evers. Laut Klappentext, der außerdem das Foto eines jungen Mannes mit lässig ins Gesicht hängenden Haarsträhnen zeigt, ist er 1976 geboren und von Beruf Buchhändler, Lektor sowie Literaturkritiker. Zehn Geschichten übers Rauchen ist seine erste Buchveröffentlichung. In England wurde sie überschwänglich begrüßt.

So eine Zigarette verheißt ja vieles, jedenfalls dem Raucher. Die Hoffnung auf kurzzeitige Erlösung lässt den Raucher nach ihr greifen. Euphorische Momente bescheren die ersten Züge, die sich niemals wiederholen lassen, da kann einer noch so viele Zigaretten hinterher rauchen. Was am Ende übrig bleibt, ist der Ascheimer-Geschmack im Mund, der volle Aschenbecher auf dem Tisch, der kalte Rauch in der Wohnung, das schlechte Gewissen, sich an so vielen sinnlosen Hoffnungen berauscht zu haben.

Das beschreibt ganz gut die emotionalen Welten, in die Stuart Evers seine Leser entführt. Die Geschichten dieses jungen Autors, der seine erzählerischen Mittel erstaunlich souverän beherrscht, steuern stets auf einen Moment zu, in dem es für seine Figuren kaum noch einen Grund gibt, weiter zu hoffen. Die mal mehr, mal weniger große Verzweiflung, in die die Handlung bei Evers stets mündet, entbehrt natürlich nicht der romantischen Überhöhung. Stuart Evers ist ein Autor der heroischen Empfindsamkeit. Wer das Leben intensiv inhaliert, hat immer etwas zu berichten, in einer Euphorie, die ihre eigene Fragilität feiert.

Geschrieben in einer lakonischen Weise, die das große Vorbild Raymond Carver gar nicht erst versucht zu verbergen, wäre da etwa die Geschichte ( Ein großes Projekt ) über den jungen Mann, der nach dem Tod seines letzten Elternteils feststellen muss, dass er noch einen Bruder hat. Als er diesen mit Hilfe eines Detektivs endlich in einer Bar in einem spanischen Touristenort ausfindig gemacht hat, stellt sich heraus, dass der Bruder ein an der Familienzusammenführung desinteressierter Veteran des Falkland-Kriegs ist, der die Zigaretten für seine gefallenen Kameraden mit raucht, jeweils einen Zug aus jeder der sechs Zigaretten nehmend, die im Aschenbecher vor ihm liegen, mal mit dem Uhrzeigersinn, mal gegen den Uhrzeigersinn arbeitend.

Da wäre ferner eine traurige und sanfte Geschichte ( Was ist in Swindon ) über die Unmöglichkeit der Wiederholung, über die beklagenswerte Unwiederbringlichkeit der Zeit. Das kennt wohl ein jeder: In der Erinnerung leuchtet das verlorene Liebesglück, gleich einem lieb gewonnenen seelischen Schmerz, immer wieder glänzend auf. Als Angela eines Tages tatsächlich beim Ich-Erzähler anruft und um ein Treffen bittet, braucht dieser nicht lange nachzudenken. Am Ende entscheiden Nebensächlichkeiten über den Fortgang des Schicksals: Dass er inzwischen Nichtraucher geworden ist, wird dem Helden dieser Geschichte zum Verhängnis

Besonders hervorzuheben wäre die letzte Geschichte des Bandes, die sich dem Sterben eines Heros widmet. Das kennt man bereits von Raymond Carver. Dessen letzte, zu Lebzeiten veröffentlichte Geschichte handelt vom Tode Tschechows. Stuart Evers, der hoffentlich noch viel Zeit hat, weitere Storys zu schreiben, beschreibt in Die letzte Zigarette , wie der frisch verheiratete und todkranke Raymond Carver auf dem Balkon eines Hotels in Reno seine letzte Zigarette raucht. Dem Sterben seines literarischen Vorbilds stellt der Autor Erinnerungen an den Tod des eigenen Vaters gegenüber. Die Zärtlichkeit, mit der dies geschieht, ist berührend.

Die eigentliche Stärke dieser intelligent konstruierten Geschichten aber liegt in den treffenden Beobachtungen wie etwa derjenigen, dass Orangenhaut an den Oberschenkeln sexy ist in einer Weise, "die Frauen einfach nicht verstehen können". Angesichts vieler kluger Details und zahlreicher Lebensweisheiten, die man sich ja keineswegs von jedem erzählen lassen will, verzeiht man dem Autor gerne auch einige perspektivische Unschlüssigkeiten, die sich gelegentlich eingeschlichen haben.