NS-ZeitHitler ist nicht totzukriegen

In Magazinen, Unterhaltungsfilmen und politischen Vergleichen: Jedem fällt zu Hitler etwas ein. Das Spiel mit dem Diktator ist eine Banalisierung des Bösen. von 

Adolf Hitler, 1936

Adolf Hitler, 1936  |  © Hulton Archive

Jedem fällt zu Hitler etwas ein. Wirklich jedem. Den Glossenschreibern in den Zeitungen, den Redenschwingern am Tresen ebenso wie denen in den Talkshows, desgleichen den Historikern, den Zeitungsmachern und Politikern, den bezahlten Komikern im Fernsehen und den Scherzkeksen im Internet. Und alle, alle haben sie etwas zu Hitler zu sagen. Hitler macht weiter, Hitler ist überall – und scheinbar nicht totzukriegen.

Ob wir es also wollen oder nicht, ob wir es mögen oder nicht: Das "Dritte Reich" bleibt präsent – in der Politik als Erinnerung an das Versagen der Demokratie und als Mahnung für die Zukunft. In den Medien als beliebter Gegenstand von Dokumentationen und Lehrstücken, in den wieder aufgebauten Städten in Form von Mahnmalen und Gedenkstätten. Und im Alltag in Gestalt von Graffiti, Liedern und Gedichten sowie fragwürdigen Schmierereien auf Bahnhofstoiletten. Auch in unseren Wortschatz, in unsere Witze, in unsere Träume und Ängste hat Hitler, der "Führer" und Verführer (gerne mit rollendem R als "der Föhrer"), Eingang gefunden – fast immer dargestellt als das Böse, der Teufel in Person, als erbärmliche Witzfigur, als verrückter, wirrer Mann. In welcher Inkarnation auch immer: Hitler lebt.

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Hitler als Abziehbild

In uns, in unserer Gesellschaft, auf hohem kulturellem und wissenschaftlichem Niveau ebenso wie in den Niederungen von Werbung und Massenunterhaltung. Mit Distanz und einer gewissen Bitterkeit, aber mit noch mehr Erstaunen muss man heute feststellen: So viel Hitler war selten. Dabei, und das mag für viele erst einmal überraschend klingen, ist durchaus nicht immer der Adolf Hitler aus dem Geschichtsbuch gemeint. Dieser Hitler, der heute durch die Gazetten und Fernsehkommentare geistert, ist vielmehr ein Abziehbild und Schatten – ein Hitler-Gespenst, das in Europa und der Welt umgeht. Ein medialer Wiedergänger, dem jede Widersprüchlichkeit genommen wurde.

Daniel Erk
Daniel Erk

ist Jahrgang 1980, hat Public Policy, Politikwissenschaft sowie Medien- und Kommunikationswissenschaft in Göttingen und Berlin studiert und ist Journalist. Er war Kolumnist für Neon; für die taz betreibt er seit 2006 den Hitlerblog, der 2010 als "bestes Weblog des Jahres" mit einem Lead Award in Bronze ausgezeichnet wurde. Bis September 2011 war er Redakteur von ZEIT ONLINE. Texte von ihm sind unter anderem in der Süddeutschen Zeitung, in der Frankfurter Rundschau, im Bildblog und der Riesenmaschine der Zentralen Intelligenz Agentur (Z.I.A.) erschienen. Sein Buch Soviel Hitler war selten erscheint am 9. Januar 2012 im Heyne Verlag. Daniel Erk wohnt in Berlin.

Dieser Hitler gilt als Alleinschuldiger für Krieg und Völkermord, denn nicht die Deutschen, Hitler allein ist in der Vorstellung vieler schuld an Holocaust und Angriffskrieg. Diese Banalisierung des Bösen ist nicht bloß ein Nebeneffekt, der zwangsläufig passiert, wenn man so komplexe Geschehnisse wie Nationalsozialismus und Holocaust auf 90 Kinominuten, eine Zeitungsseite, eine Pointe oder eine Stunde Fernsehen zusammenstreichen muss. Sie ist oft auch deshalb willkommen, weil sie für die Deutschen eine gute Gelegenheit darstellt, sich von jedem Verdacht freizusprechen, alle Schuld und jede Mitverantwortung für die Verbrechen von sich zu weisen und stattdessen alles auf ihn zu schieben – auf Hitler, die Personifikation des Bösen schlechthin.

Bisweilen erinnern die Aufarbeitung des Geschehenen und der Umgang mit der Frage nach Schuld und Verantwortung an die leichtfertigen Kommentare von Jugendlichen, die im Suff etwas Dummes angestellt haben: Tut mir leid, war ja gar nicht ich, das war dieser Hitler, an dem ich mich besoffen habe. Kommt nicht wieder vor. Und jetzt Schwamm drüber, bitte. So konnte es geschehen, dass dieses Hitler-Bild zur rhetorischen Mehrzweckwaffe wurde. Es eignete sich gleichermaßen als Müllhalde für kollektive Schuld und Verantwortung wie als Schreckgespenst. Mit ihm kann man alles, wirklich alles machen. Und so wird er mittlerweile sogar als Vergleichsgröße herangezogen, wenn es darum geht, die vermeintliche Abscheulichkeit heutiger Politiker zu bemessen – als handle es sich bei Hitler um eine Maßeinheit.

Wie viel Hitler steckte etwa in Kim Jong-il, dem nordkoreanischen Despoten? Wie war das mit George W. Bush ? Und was ist mit Barack Obama ? Ist er vielleicht auch ein bisschen Hitler? Und sei’s nur ein klitzekleines bisschen? Alles verfügbare Wissen, aller Anstand hält selten jemanden davon ab, eine der unsäglichen Hitler-Analogien zur Anwendung zu bringen. Und so haben Obamas radikale Gegner im eigenen Land ihren Präsidenten wegen eben der Einführung einer gesetzlichen Krankenversicherung mit Hitler verglichen.

Doch die Hitler-Figur ist längst aus dem politischen Bereich herausgetreten und durchlebt eine zweite Karriere als Werbefigur – und zwar keineswegs von einer Seite, von der man es erwarten würde. Nicht Neonazis und Faschisten, sondern die ganz gewöhnliche Produktwerbung versucht immer wieder mit Hitler auf einfache und billige Weise zu zeigen, dass etwas unaussprechlich abscheulich ist und somit als verbrecherisch zu gelten hat: Rauchen etwa, das Abholzen von Wäldern, die Verarbeitung von Pelzen, Käfighaltung von Tieren. Aber selbst für die Erzeugung von Glücksgefühlen muss bisweilen Hitler herhalten. Da wird dann in Anzeigen suggeriert, eine asiatische Nudelsuppe oder ein rumänisches Radio seien so umwerfend, dass sie selbst einen Menschen wie Hitler handzahm und friedlich gemacht hätten. Wie weit solche Assoziationen gehen, hat das Satiremagazin Titanic mehrfach kritisch hinterfragt und ad absurdum geführt.

Leserkommentare
    • Glik
    • 06. Januar 2012 12:23 Uhr

    Dazu Hermann Hesse: "die sogenannte Weltgeschichte mag man betrachten in welchem Abschnitt man will, so ist sie häßlich, grausam und teuflisch".

    Jede grössere Zäsur in der Geschichte hat längere Nachwirkungen. Das war nach Napoleon so, nach Bismarck und auch auch nach Karl dem Grossen (immerhin 1200 Jahre zurück). Und sogar die alten Römer wirken bis heute - denkt man nur an seinen eigenen Lateinunterricht zurück.
    Was sind da schon 65 Jahre !?

    Schlimmer scheint mir das uns Deutschen in der Nachkriegszeit aufgezwungene Vergessen unserer Gesamtgeschichte, begraben unter dem Müllhaufen der NS-Zeit. Wir sind ein geschichtsloses Volk geworden - mit Ausnahme der NS-Zeit. Das ist schlimm und unterscheidet uns inzwischen von allen anderen. Napoleon war ein Dikator und Verbrecher und doch gibt es in Frankreich wohl kein Dorf ohne eine "Rue Napoléon". Es war und ist halt so. Geschichte.

    Es wird Zeit, dass wir unsere eigene Geschichte wieder im Gesamten betrachten.

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    "Es wird Zeit, dass wir unsere eigene Geschichte wieder im Gesamten betrachten."

    ...zustimmen, die Verengung auf die Nazizeit halte ich für einen Fehler. Man lernt nicht nur aus schlechten Vorbildern, sondern auch aus guten und auch die hat die deutsche Geschichte ausreichend zu bieten.

    Karl der Große - Verden/Aller

    Wohl wahr. Aber die Gesamtheit der deutschen Geschichte war eben auch nur so wie sie war. Geschichte. War sie etwa ein Ruhmesblatt? Je größer die Eroberungen, je größer die gewonnenen Schlachten (die verlorenen weiter verdrängen), je umfangreicher die getöteten Feinde und Gefangenen, um so mehr Ruhm den Führern, natürlich den deutschen Feldherren und ihren Gebietern, oftmals in Personalunion.
    Ach ja, deutsche Geschichte in ihrer Gesamtheit...lieber bescheidene Sachlichkeit als restauratives heroisieren.

    • zenobit
    • 06. Januar 2012 12:29 Uhr

    Es ist mal wieder bezeichnend, dass ein Kommentar die Redaktionsempfehlung erhält, in dem das Gutmensch-Wort gleich zweimal benutzt wird.
    Ferner werden unsinnige Behauptungen aufgestellt, wie bspw. dass das Lesen von mein Kampf verboten wäre. Das ist natürlich Unfug. Jeder darf dieses Buch lesen.
    Ausserdem wird von einem Tabu Hitler fabuliert, was ebenfalls Unsinn ist. Es gibt zahlreiche Dokumentationen, die aufzeigen (oder es zumindest versuchen), wie Hitler die Masse verführte. Ebenfalls wird Hitler mit samt seiner Familie psychologisch auseinandergenommen und analysiert.

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    Wenn Sie scharf auf Redaktionswertungen sind, schreiben Sie doch einfach einen Beitrag, in dem das Wort Gutmensch 3 mal vorkommt, schon sind Sie dabei.

    Ich entschuldige mich, dafür, dass ich die Hintergründe des Buches Mein Kampf nicht in aller Richtigkeit dargestellt habe betreffend Urheberrechte des Bayerischen Staates und weitere Hintergründe. Ich spreche Ihnen das gerne auf ihren Anrufbeantworter.

    Die von Ihnen erwähnten Aufklärungssendungen sehe ich in erster Linie als Reaktion auf die Faszination Adolf Hitlers, sehr oft sind sie eine Art unfreiwilliger Verherrlichung und Unterwerfung. Das sind keine Analysen, sondern eher Trittbrettfahrer, die von dieser gigantischen Hitlermaschine mit- und angezogen werden.

    Auf die Kürze gesagt vermute ich eher, dass Brutalität, offen ausgeführte Gewalt und Selbstherrlichkeit, so dumm es für "aufgeklärte Menschen" klingt, eine wesentliche und archaische Anziehung und einen Unterwerfungsreflex auslösen.

    Tragen Sie für ein paar Minuten ein ANTI-Hakenkreuz als Abzeichen oder T-Shirt und gehen damit in die Sprechstunde eines Staatsanwaltes. Sie werden eine schöne Lektion über Tabus bekommen.

  1. ...lebt man eben nun mal länger:

    http://youtu.be/gSrTiIhMDn4

  2. mag auch daran liegen, dass viele der ausführenden und regimetragenden Figuren anschließend im westlichen Deutschland im Staatsbetrieb integriert wurden und so unangenehme Fragen verhindert werden sollten. Die Wirtschaft und ein Teil der Medien hatte auch kein Interesse an einer differenzierten Betrachtung und das selbst im Rahmen der Nato sich alter Nazis bedient wurde, ist mittlerweile auch bekannt.

    Hitler ist tot und ihm kann alle Schuld zugeschoben werden, das ist bequem und in unserem ikonographischen Denken irgendwie auch sinnvoll.

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    schließlich gab es ja u.a. den Nürnberger Prozess, etliche Schlaue konnten sich vor dem Strang retten.(...)

    Ja, Sie haben recht, denn auch in der Bundeswehr gab`s fröhliche Urständ. Ich kann mich noch gut an meinen Ausbildungsspieß erinnern, der durchrungen war von seinen Erzählungen als Teilnehmer bei der "Blauen Division" im Kampfe gegen die Kommunisten in Spanien. Und mein Geschwader-Commodore war noch Jagdflieger in Görings Unbesiegbarer (...)

    Stimmt, die Millionen NSDAP-Mitglieder waren doch nur passive Mitläufer, Hitler hat alles allein in Gang gesetzt und gehalten, gleich einem Schöpfergott...

    Wir Menschen, wir Menschen ..

    • goschis
    • 06. Januar 2012 12:36 Uhr

    ....aus meiner Wahrnehmung heraus sehe ich nicht eine überwiegende Banalisierung von Hitler, wohl aber schon ein stetiges Verschwinden des kollektiven Schuldgefühls und einen - so man will – lockereren Umgang mit dem Thema durch die jüngere Generation.

    Was mich persönlich viel mehr irritiert ist, dass Hitler weiterhin nicht an Hand "seiner Normalität", die die "Normalität" der meisten Deutschen war, die um 1900 geboren wurden, besprochen und analysiert wird: Seinen sehr schweren Misshandlungserfahrungen während seiner Kindheit. Der Autor hier ist ja Jahrgang 1980. Meine Hoffnung für die Zukunft ist, dass gerade diese neue Generation, die jetzt langsam in gewichtigere Positionen rutscht, gepaart mit dem Abstand zur NS-Zeit und ihrer "Lockerheit" endlich dieses dunkle Kaptiel deutscher Geschichte in dieser genannten Hinsicht angeht. Wenn "Hitler" verstanden wird, dann wird er sich auch irgendwann auflösen und er wird aus unseren Köpfen verschwinden.

    • Bnutzer
    • 06. Januar 2012 12:37 Uhr

    @Glik. Danke für Ihre amüsante Steilvorlage, sehr gelacht. In einer Adolf-Hitler-Straße möchten Sie aber nicht wohnen, oder? :-))

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