200 Jahre Dickens "Charles Dickens ist Menschlichkeit hoch zwei"
Er hasste London, liebte Frankreich – noch 200 Jahre nach seiner Geburt gibt es viele Gründe, sich mit Charles Dickens zu beschäftigen, sagt die Biografin Claire Tomalin.
© Hulton Archive

Charles Dickens um 1860
ZEIT ONLINE: Frau Tomalin, über Charles Dickens sind schon einige Biografien geschrieben worden. Warum brauchen wir eine neue?
Claire Tomalin: Ich habe bereits vor zwanzig Jahren ein Buch über ihn geschrieben, und es gab für mich noch Einiges zu sagen, was bisher niemand gesagt hat. Eine Figur, die mich damals faszinierte, war Dickens Freund John Forster. Er war die einzige Person, der Dickens immer vertraut hat. Dickens hat ihm einmal in einem Brief geschrieben: Unsere Freundschaft wird so lange währen, bis uns der Tod uns scheidet.
ZEIT ONLINE: Wie haben Sie recherchiert?
Tomalin: Ich habe mich auf Dickens Briefe konzentriert. Sie geben ein wunderbares Bild von England wieder, auch von Frankreich und Paris in den Jahren von 1830 bis 1870. Auch in Amerika, Italien und der Schweiz schrieb er Briefe, vor allem an Forster.
ZEIT ONLINE: Was haben Sie darin gefunden?
ist Jahrgang 1933 und eine englische Schriftstellerin. Bekannt wurde sie vor allem für ihre Biografien über Katherine Mansfield, Mary Wollstonecraft und Jane Austen. Sie ist Vizepräsidentin des britischen PEN-Clubs und lebt in London. Im vergangenen Jahr erschien ihre Biografie Charles Dickens. A Life.
ZEIT ONLINE: Dickens war im Herzen Kontinentaleuropäer?
Tomalin: Ja! Ich bin mir sicher, dass er ebenso viel durch Deutschland gereist wäre, wenn er länger gelebt hätte. Und natürlich lernte er Französisch, so lange, bis er in Frankreich ins Theater gehen und sich unterhalten konnte.
ZEIT ONLINE: Warum tauchen seine Auslandsreisen kaum in seinen Romanen auf?
Tomalin: London war sein Thema. Aber in Wirklichkeit hasste er die Stadt. Er fand sie schmutzig und düster, und selbst wenn er in den schönsten Häusern lebte, konnte er es kaum erwarten, London zu verlassen. Er ging spazieren und reiten, machte Ausflüge nach Richmond und Greenwich: alles nur, um der Stadt zu entkommen. Er war sehr, sehr ruhelos.
ZEIT ONLINE: Warum haben wir so ein eindimensionales Bild von ihm?
Tomalin: Seine Tochter Katey sagte einst, sie wünschte sich, dass man sich ihren Vater nicht als drolligen Gentleman vorstellen würde, mit einem Weihnachtspudding in der einen Hand und einem Glas Grog in der anderen. Tatsächlich schrieb er seine Weihnachtsgeschichte während einer Weltwirtschaftskrise, als die Menschen gehungert und gefroren haben. Er wollte die Art, wie die Menschen dachten, ändern, war aber kein Politiker, sondern ein poetischer Mensch.
Tomalin: Er war in Kindertagen schon ein außergewöhnlicher Junge. Die Schule musste er unterbrechen, um in einer Schuhpoliturfabrik zu arbeiten. Mit 15 verließ er sie ganz. Neun Jahre später war er mit den Pickwick Papers berühmt geworden. Er lernte Steno und gelangte so in die Zeitungswelt; er verfasste seine brillanten Skizzen von London. Er wollte unbedingt erfolgreich werden und wusste, dass er dazu fähig war. Er nannte sich the unimitable, den Nicht-Imitierbaren. Zeitweise schrieb er mehrere Bücher gleichzeitig und ging 12 bis 15 Meilen am Tag spazieren.
ZEIT ONLINE: Wollte er vor etwas weglaufen?
Tomalin: Ich glaube eher, dass er einfach so gestrickt war. Der Fabrik wollte er entkommen, indem er reich und erfolgreich wird. Und nach einer Kindheit mit einem verschuldeten Vater wollte er sein Leben ordnen. Er strebte nach einem schönen, geordneten Leben mit jemandem in seinem Bett, am Kamin und drei Kindern. Eine Zuflucht vor dem Chaos der Welt.
ZEIT ONLINE: In seinen Geschichten spielen Finanzen immer eine Rolle. Wie wichtig war Geld für ihn?
ZEIT ONLINE: Was macht für Sie seine Genialität aus?
Tomalin: Er wollte die Menschen zum Lachen bringen und konnte das sehr gut. Er wollte sie aber auch zum Weinen bringen. Der Tod von Little Nell in Der Raritätenladen etwa wird nicht selten verspottet: Damals aber hatten alle Familien wenigstens ein Kind, das gestorben war. Dickens wollte über den Tod auf eine Weise schreiben, die seine Leser trösten würde. Heute sind wir es nicht mehr gewöhnt, Kinder sterben zu sehen.
ZEIT ONLINE: Bei aller Ehrlichkeit in seinen Werken über den Zustand der britischen Gesellschaft: Sexuelle Offenheit gibt es bei ihm nicht.
Tomalin: Ich glaube, es gab da für Autoren damals eine automatische Barriere. Auch Thackeray beschwerte sich darüber, dass man beim Schreiben nicht offener sein konnte, empfand es aber ebenso als unmöglich, in sexuellen Dingen ehrlicher zu sein.
ZEIT ONLINE: Sind Dickens' weibliche Figuren deshalb oft so puppenhaft?
Tomalin: Vermutlich hatte er im echten Leben Schwierigkeiten mit Frauen. Er lebte in einer reinen Männergesellschaft.
ZEIT ONLINE: Er konnte doch anscheinend mit anziehenden, jungen Frauen: seine Geliebte Nelly.
ZEIT ONLINE: Sogar angesehene Historiker wie Peter Ackroyd wollten von ihr nichts wissen.
Tomalin: Sogar Dickens Kinder, Henry und Katey, haben gesagt, dass er eine Affäre hatte und dass es ein Kind gegeben hat, das gestorben sei. Selbst wenn man die Affäre nicht wahrhaben möchte: Dickens Verhalten gegenüber seiner Frau ist dokumentiert.
ZEIT ONLINE: Eines Tages ließ er unangekündigt das gemeinsame Schlafzimmer in zwei Teile teilen. Er demütigte seine Frau in der Öffentlichkeit. Seine Tochter Katey meinte, er wäre im späteren Leben ein wenig verrückt geworden.
Tomalin: Ja, er verhielt sich wie ein Verrückter! Aber an seiner Menschlichkeit zweifele ich nicht: Charles Dickens ist Menschlichkeit hoch zwei. Er ist wie fünf Männer in einem.
ZEIT ONLINE: Sie haben mehr als vier Jahre an seiner Biografie gearbeitet. Wie fühlen Sie sich jetzt?
Tomalin: Deprimiert. Auch Dickens hat es gehasst, von seinen Figuren Abschied zu nehmen.
- Datum 27.01.2012 - 15:32 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Irgendwie komme ich nicht auf 200 Jahre bei den Jahresangaben im Text.
Ich dachte, der ist vor 200 Jahren geboren worden
http://de.wikipedia.org/w...
Wurde eigentlich keines der Bücher von Tomalin ins Deutsche übersetzt??
Hallo Zeit - Verbessern!
Natürlich wurde Dickens vor 200 Jahren geboren. Der Fehler ist jetzt verbessert. Viele Grüße, Maria Exner
Natürlich wurde Dickens vor 200 Jahren geboren. Der Fehler ist jetzt verbessert. Viele Grüße, Maria Exner
Kleine aufrundende Ungenauigkeiten mit "kaufmännischer" allerdings großzügiger Rundung, 158 Jahre nach seinem Tod oder 200 Jahre weniger 11 Tage nach seiner Geburt ändern nichts an diesem lesenswerten Interview.
Schön beschrieben unaufgeregt, informativ und Interesse weckend an eienm Schriftsteller den man in der Jugend nach dem Lesen von "Oliver Twist" in die Schubalde gesteckt und abgehakt hat. Echt Zeitgemäß.
Natürlich wurde Dickens vor 200 Jahren geboren. Der Fehler ist jetzt verbessert. Viele Grüße, Maria Exner
Charles Dickens war der größte aller Schriftsteller. ein großer Humanist und wunderbarer Schriftsteller.
Das würde ich nicht sagen, man muß mal lesen, was er in seiner Kampagne gegen John Rae im Auftrag von Lady Franklin über die Inuit geschrieben hat: Englische Männer würde nie zu Kannibalen, so was können nur die Eskimos gemacht haben...
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