Dickens wollte die Menschen zum Lachen bringen
ZEIT ONLINE: Wollte er vor etwas weglaufen?
Tomalin: Ich glaube eher, dass er einfach so gestrickt war. Der Fabrik wollte er entkommen, indem er reich und erfolgreich wird. Und nach einer Kindheit mit einem verschuldeten Vater wollte er sein Leben ordnen. Er strebte nach einem schönen, geordneten Leben mit jemandem in seinem Bett, am Kamin und drei Kindern. Eine Zuflucht vor dem Chaos der Welt.
ZEIT ONLINE: In seinen Geschichten spielen Finanzen immer eine Rolle. Wie wichtig war Geld für ihn?
ZEIT ONLINE: Was macht für Sie seine Genialität aus?
Tomalin: Er wollte die Menschen zum Lachen bringen und konnte das sehr gut. Er wollte sie aber auch zum Weinen bringen. Der Tod von Little Nell in Der Raritätenladen etwa wird nicht selten verspottet: Damals aber hatten alle Familien wenigstens ein Kind, das gestorben war. Dickens wollte über den Tod auf eine Weise schreiben, die seine Leser trösten würde. Heute sind wir es nicht mehr gewöhnt, Kinder sterben zu sehen.
ZEIT ONLINE: Bei aller Ehrlichkeit in seinen Werken über den Zustand der britischen Gesellschaft: Sexuelle Offenheit gibt es bei ihm nicht.
Tomalin: Ich glaube, es gab da für Autoren damals eine automatische Barriere. Auch Thackeray beschwerte sich darüber, dass man beim Schreiben nicht offener sein konnte, empfand es aber ebenso als unmöglich, in sexuellen Dingen ehrlicher zu sein.
ZEIT ONLINE: Sind Dickens' weibliche Figuren deshalb oft so puppenhaft?
Tomalin: Vermutlich hatte er im echten Leben Schwierigkeiten mit Frauen. Er lebte in einer reinen Männergesellschaft.
ZEIT ONLINE: Er konnte doch anscheinend mit anziehenden, jungen Frauen: seine Geliebte Nelly.
ZEIT ONLINE: Sogar angesehene Historiker wie Peter Ackroyd wollten von ihr nichts wissen.
Tomalin: Sogar Dickens Kinder, Henry und Katey, haben gesagt, dass er eine Affäre hatte und dass es ein Kind gegeben hat, das gestorben sei. Selbst wenn man die Affäre nicht wahrhaben möchte: Dickens Verhalten gegenüber seiner Frau ist dokumentiert.
ZEIT ONLINE: Eines Tages ließ er unangekündigt das gemeinsame Schlafzimmer in zwei Teile teilen. Er demütigte seine Frau in der Öffentlichkeit. Seine Tochter Katey meinte, er wäre im späteren Leben ein wenig verrückt geworden.
Tomalin: Ja, er verhielt sich wie ein Verrückter! Aber an seiner Menschlichkeit zweifele ich nicht: Charles Dickens ist Menschlichkeit hoch zwei. Er ist wie fünf Männer in einem.
ZEIT ONLINE: Sie haben mehr als vier Jahre an seiner Biografie gearbeitet. Wie fühlen Sie sich jetzt?
Tomalin: Deprimiert. Auch Dickens hat es gehasst, von seinen Figuren Abschied zu nehmen.
- Datum 27.01.2012 - 15:32 Uhr
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Irgendwie komme ich nicht auf 200 Jahre bei den Jahresangaben im Text.
Ich dachte, der ist vor 200 Jahren geboren worden
http://de.wikipedia.org/w...
Wurde eigentlich keines der Bücher von Tomalin ins Deutsche übersetzt??
Hallo Zeit - Verbessern!
Natürlich wurde Dickens vor 200 Jahren geboren. Der Fehler ist jetzt verbessert. Viele Grüße, Maria Exner
Natürlich wurde Dickens vor 200 Jahren geboren. Der Fehler ist jetzt verbessert. Viele Grüße, Maria Exner
Kleine aufrundende Ungenauigkeiten mit "kaufmännischer" allerdings großzügiger Rundung, 158 Jahre nach seinem Tod oder 200 Jahre weniger 11 Tage nach seiner Geburt ändern nichts an diesem lesenswerten Interview.
Schön beschrieben unaufgeregt, informativ und Interesse weckend an eienm Schriftsteller den man in der Jugend nach dem Lesen von "Oliver Twist" in die Schubalde gesteckt und abgehakt hat. Echt Zeitgemäß.
Natürlich wurde Dickens vor 200 Jahren geboren. Der Fehler ist jetzt verbessert. Viele Grüße, Maria Exner
Charles Dickens war der größte aller Schriftsteller. ein großer Humanist und wunderbarer Schriftsteller.
Das würde ich nicht sagen, man muß mal lesen, was er in seiner Kampagne gegen John Rae im Auftrag von Lady Franklin über die Inuit geschrieben hat: Englische Männer würde nie zu Kannibalen, so was können nur die Eskimos gemacht haben...
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