"Mein Kampf"Hitlers Häppchen

Der Verleger Peter McGee will Auszüge aus Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" an den Kiosk bringen. Ein Skandal ist das nicht. von 

Ein Skandal ist das noch lange nicht, aber es wird sicher hoch hergehen: Wenn Ende Januar der erste 15-seitige kommentierte Auszug von Adolf Hitlers Mein Kampf am Kiosk liegt, darf sich dessen britischer Verleger Peter McGee wohl wieder auf ein Verfahren einstellen. Vor vier Jahren kam es zum Rechtstreit zwischen McGee und dem bayerischen Finanzministerium , es ging um das publizistische Projekt Zeitungszeugen , eine faksimilierte Sammlung von Zeitungen der Jahre 1933 bis 1945. McGee gewann damals in zweiter Instanz.

Jetzt der nächste Fall. Hitlers Mein Kampf ist in Deutschland noch immer nicht zur Vervielfältigung freigegeben. Das bayerische Ministerium, dem nach Kriegsende die Rechte daran zufielen, wacht seither streng über jedwede Form seiner Verbreitung, da die Schrift, so heißt es, "böse Erinnerungen" wecken könnte.

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Die Frage, die sich heute stellt, lautet aber nicht, ob man es sonderlich geschmackvoll findet, Teile einer antisemitischen Hetzschrift in Zeitschriftenabteilungen zu sehen. Es geht vielmehr darum, ob Hitlers Programmschrift, knappe 67 Jahre nach dessen Tod, noch unter Verschluss gehalten werden muss. Wovor soll hier wer geschützt werden?

Wehe dem, der es aufschlägt!

Der Glaube, dass ein Kontakt mit dem Buch sogleich einen Rückfall in düstere Zeiten auslösen könne, entstammt einer Vorstellung, wie man sie heute eigentlich nur noch aus der Märchenliteratur kennt, Abteilung Fantasy: Böse Folianten, die tief in dunklen Spukschlosskellern von einem arkanen Zirkel bewacht werden. Wehe dem, der sie auch nur aufschlägt! 

Diese Fiktion ist aus zwei Gründen gefährlich. Erstens verleiht sie – unfreiwillig oder nicht – Hitlers Schrift eine mystische, toxische Aura, deren Kraft kaum beherrschbar erscheint. Zum zweiten reproduziert sie, ebenfalls unfreiwillig oder nicht, den noch immer populären Aberglauben, die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs seien ihrerseits bloß Opfer jenes verführerischen Hokuspokus geworden, vor dem wir heute noch bewahrt werden müssten. Haben Historiker da nicht schon längst das Gegenteil bewiesen?

Es stimmt, dass Hitlers Buch nahezu unlesbar ist. Davon kann sich jeder mit Bibliotheksausweis überzeugen oder mit einem Zugang zum Internet, wo die Schrift unkommentiert und meist auf rechtsradikalen Seiten kursiert. Dass der menschenverachtende Hass Hitler nicht nur den Geist, sondern auch die Sprache verdreht hat, ist alleine allerdings noch kein Grund, einer Freigabe zuzustimmen. Vielmehr dürfte es, selbst wenn Mein Kampf ein brillant geschriebenes Werk wäre, nicht sein, dass diese Gedankenwelt nicht offenkundig werden soll, während wir zeitgleich unentwegt der Figur Hitler in Filmen, politischen Diskussionen und – am Kiosk ist er ja nicht neu – Magazinen ausgesetzt sind. Eine Gesellschaft muss das aushalten. Und sie hält es aus.

Ganz ungeachtet der Frage, ob der Verleger McGee wirklich nur die reine Aufklärung im Sinn hat oder nicht auch auf ein gieriges Interesse spekuliert – mit einem Punkt hat er recht: Mein Kampf muss entzaubert werden. Ob das mit seinen häppchenweise gereichten Auszügen gelingt, ist sicherlich fraglich. Das staatliche Institut für Zeitgeschichte bereitet seine vollständig kommentierte Edition für das Jahr 2015 vor. Dann sind die Urheberrechte abgelaufen. Das Bayerische Finanzministerium hat trotzdem seinen Widerstand angekündigt.

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Leserkommentare
  1. gefunden, zu erfahren, was hinter der Strategie der 'Kleinen Häppchen' eigentlich steckt. Da das Buch zugänglich ist, ist die Auseinandersetzung über toxische oder mystische, märchenhafte Eigenschaften etwas müßig. Vielmehr steht doch die Frage im Raum, warum es 15seitig am Kiosk ausgelegt wird und damit dort zu einer Art Gelegenheitskauf wird. Soll man sich 'zig Bändchen alá Goldenes Taschenbuch zugelegt haben, um zu einem Gesamteindruck zu gelangen? Zudem stößt es bei mir auf Abneigung hinsichtlich der Auswahl. Wonach wählt der britische Verleger denn seine 'Häppchen' aus? usw. Fragen über Fragen, die statt auf politisch-diskursive Aspekte die ökonomisch-verlegerischen betreffen. Schließlich ist es mittlerweile für die meisten lediglich eine Art Geschichtsbuch, an welchem Denkmuster und Ideologie exemplifiziert werden können.

    Eine Leserempfehlung
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    • Chris_7
    • 18. Januar 2012 12:17 Uhr

    Es ist ganz einfach. Gegen die Veröffentlichung eines Gesamtwerks könnte die bayrische Staatsregierung vorgehen. Gegen kleinere Teile die wiederum kommentiert werden ist dies aus urherberechtlichen Gründen schwierig. In sofern wählt der Verlag hier einfach eine Möglichkeit, die das Urheberrecht bietet um dennoch das Gesamtwerk nach und nach (kommentiert) zu veröffentlichen.

    Mir vorzustellen, wie manche Leute verschämt am Kiosk nach den paar Seiten fragen, natürlich nur aus geschichtlichem Interesse, wenn sie nicht schon vorher vor Neugierde gestorben sind. Obwohl beide Bände für jeden Internetnutzer nur ein paar Mausklicks entfernt liegen.^^

  2. der Vervielfältigung.

    Ich habe selbst einmal den Versuch unternommen, dieses Buch zu lesen. Es geht einfach nicht. Es ist ein derart verquaster heilloser Gedankenmüll, dass man es einfach nicht aushält.

    Langweilig, nervend, streckenweise strunzdumm und völlig unlogisch, dafür aber vollgepfropft mit haltlosen Vorurteilen. Es taugt ganz und gar nicht für die Aquirierung von Anhängern.

    8 Leserempfehlungen
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    Diese Machwerk ist wirklich sprachlich wie inhaltlich einfach zu viel für einen halbwegs normalen Menschen. Das soll sich ruhig antun, wer will. Deshalb kann man es ruhig bedenkenlos freigeben.

    • Afa81
    • 18. Januar 2012 12:18 Uhr

    Ich wollte Mein Kampf auch lesen. Es wird immer so viel darüber diskutiert, ob man Hitler hätte verhinder können, was und wieviel die Deutschen vor dem Holocaust hätten ahnen können - aber diese Frage kann man doch nur beantworten, wenn man sich damit auseinandersetzt.

    Aber es ist nicht möglich dieses Buch zu lesen. Es ist sooooo schlecht geschrieben. Deshalb habe ich es mir als Hörbuch runtergeladen. Mein Kampf zählt doch zu dem am wenigsten gelesenen Bestsellern aller Zeiten :-)

    Re.Ich glaube, die Freigabe hätte mehr Nutzen als das Verbot
    Sie wissen doch alles was verboten ist wird erst durch das Verbot Interessant und wenn es von Behörden offiziell verboten wird, ist es noch interessanter.
    Welche Leserschaft soll angesprochen werden ?
    Die Glatzen bestimmt nicht deren IQ reicht gerade mal zum geradeaus laufen.
    Andere Leser-schichten werden kurz blättern und dann den Mist entsorgen, also was soll der ganze Humbug
    M.f.G

    ... wird bei uns oft entstaubt, wenn eine kleine vertraute feierrunde schon ziemlich angeheitert ist.
    man liest dann ein, zwei zeilen irgendwo aus dem buch und alle lachen sich dumm und dämlich, weil diese gedanken einfach so abstrus und krank sind, dass einfach keiner von uns glauben kann, dass man dem jemals beachtung geschenkt hat.
    daran kann man glaub ich sehr gut zeigen, wie "gefährlich" diese "literatur" für aufgeklärte geister des 21. JH ist ;)

  3. Da das Werk nicht verboten ist und auch in so gut wie allen anderen Ländern und im Netz frei erhältlich ist stellt sich Deutschland wieder mal eigenartig an.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf die Relativierung nationalsozialistischer Publikationen. Die Redaktion/mak

    3 Leserempfehlungen
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    • xpeten
    • 18. Januar 2012 12:12 Uhr

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde inzwischen moderiert. Die Redaktion/sc

    • xpeten
    • 18. Januar 2012 12:04 Uhr

    Wer seine Bildung im wesentlichen BILD und Apothekenrundschau zu verdanken hat, wird beim Lesen dieser rassistischen Hetzschrift -falls man dann überhaupt so weit kommt- vielleicht gefährdet sein, den gebotenen Abstand zu den locker leichten Erklärungsplattitüden Hitlers zu wahren,

    die aufgeklärten Bürger müssten wieder verstärkt Autobahn- und Arbeitslosigkeitsvergleiche über sich ergehen lassen (und zurückweisen - natürlich),

    andererseits kann man eine solche historische Quelle auch nicht für alle Zeiten unter Verschluss halten. Immerhin lässt das Buch den Einblick in die Argumentation von Rassisten und Massenmördern zu, welche man durchaus sinnvoll mit der Warnung und der Verpflichtung verbinden kann, so etwas nie wieder geschehen zu lassen.

    Eine Leserempfehlung
  4. hab das Nazinomicon auch schon aufgeschlagen.
    Das Buch beginnt ja schonmal mit Selbstmitleid, aus Hitlers Lehrjahren.
    Da hab ich das Buch einfach wieder zugemacht.
    So etwas depressives!

  5. Serdar Somuncu liest aus dem Tagebuch eines Massenmörders „Mein Kampf“. 2000, ISBN 3-7857-1125-5

    3 Leserempfehlungen
    • xpeten
    • 18. Januar 2012 12:12 Uhr
    7. [...]

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde inzwischen moderiert. Die Redaktion/sc

    Antwort auf "Nicht verboten."
  6. "Zum zweiten reproduziert sie, ebenfalls unfreiwillig oder nicht, den noch immer populären Aberglauben, die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs seien ihrerseits bloß Opfer jenes verführerischen Hokuspokus geworden, vor dem wir heute noch bewahrt werden müssten. Haben Historiker da nicht schon längst das Gegenteil bewiesen?"

    Eine unverantwortliche Aussage. Welche Historiker haben das Gegenteil bewiesen bitteschön? Die vom einheitlichen Historiker-Kollektiv? Die psychologischen und evtl. geopolitischen Bedingungen sind nicht einfach weg, nur weil wir jetzt eine Gute-Laune-Moderne haben. Das heißt nicht, dass uns gerade diese Schrift verführen würde. Aber ich meine, eine solche Aussage in einer Demokratie doch wohl nicht so stehen lassen zu dürfen, als wenn jeder Mentalitätskritiker ein Kasperle sei.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Adolf Hitler | Film | Finanzministerium | Aberglaube | Aufklärung | Fantasy
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