Roman "Der Körper": Ein Buch wie ein Schmetterling
Hier schreibt ein Autor mit scheinbar grenzenloser Ausdruckskraft: Mircea Cǎrtǎrescus Roman "Der Körper" ist ein Fest des radikalen Erzählens. Ein Glück, dass wir ihn lesen können.
Worte von großer Poesie, phantastische Szenerien, erwachsen aus der Tristesse Bukarests: daran erkennt man die Prosa des rumänischen Dichters und Schriftstellers Mircea Cǎrtǎrescu. Hier gehen Körper und Geist ineinander über, so, wie die Erzählung seiner Orbitor-Trilogie in den Titeln der einzelnen Bände zum Schmetterling wird: Linker Flügel, Körper, Rechter Flügel. Sprache und Ideen, Bilder und Geschichte fesselten bereits beim ersten Band, der auf Deutsch als Die Wissenden erschienen ist. Der nun von Gerhardt Csejka und Ferdinand Leopold übersetzte zweite Band, Der Körper, setzt die Reise durch Vergangenheit und Ich des Autors fort. Die Fragmentierung des Ich-Erzählers ist dabei weiter fortgeschritten:
"Es ist als hätte ich nicht nur einige wenige, sondern Milliarden Sinne", heißt es zu Anfang, "und jeder ist anders als der andere, jeder auf andere Reize eingestellt: der eine nur auf die Form der Tasse, aus der ich meinen Kaffee trinke, ein anderer auf die Form des Traums von heute Nacht." Zentriert sind diese Sinne ausschließlich auf das, was die eigene Person betrifft: "Das kompakte Bündel der Folien und Membranen meines Körpers [ist] ein einziges großes Sinnesorgan, das ausschließlich auf mein Leben reagiert."
Cǎrtǎrescu hat also auch hier, wie bereits beim ersten Band alles riskiert. Die Gefahr, dass die radikale Subjektivität seines Erzählers in unlesbarer Selbstbespiegelung enden würde, war groß. An keiner Stelle von Der Körper hat man aber diesen Eindruck. Das gilt sowohl für die reflexiven Passagen, wie auch für den realistischen Teil und die surrealen Träume, so abstrus und fantastisch letztere auch manchmal sind. Denn entweder man findet sich selbst im Text wieder oder ist fasziniert von den scheinbar grenzenlosen sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten des Autors.

Zugegeben: Für Cǎrtǎrescus Schreibweise benötigt der Leser eine gewisse Affinität. Am einfachsten ist der Zugang zu Der Körper vielleicht durch die realistischen Passagen, die Beschreibung seiner Kindheit in Bukarest und der symbiotischen Beziehung zwischen dem jungen Mircea und seiner Mutter. Oder durch die Geschichten seiner Verwandten, den Onkel und Tanten vom Land, die die Mutter während des Zweiten Weltkrieges hinter sich gelassen hatte, um in der Stadt ihr Glück zu suchen, zu denen die Familie aber immer wieder auf Besuch zurückkehrt.
Die Atmosphäre im Rumänien der siebziger und achtziger Jahre spielt eine größere Rolle als in Die Wissenden. Erzählt wird unter anderem die Geschichte des Vaters von Mircea, der als Journalist bei einer Tageszeitung arbeitet. Die allgegenwärtige Angst vor dem Geheimdienst ist dem sieben- oder achtjährigen noch unverständlich. Mehrmals wird der Vater böse, weil sein Sohn etwas sagt, das er nicht sagen durfte. Und die Mutter meint: "'Wir sind kleine Leute, Mircisor (...) Wenn du hörst, dass ein Kind sagt, wir hätten kein gutes Leben, dann geh weg. Du siehst ja, wie viele Milizionäre in diesem Block wohnen, und wenn sie dich abholen, dann ist's um dich geschehen! Dort holt dich keiner mehr raus.'" Aber trotz allem Realismus bleibt Cǎrtǎrescu auch in Der Körper der romantische Autor, für den die erzählenswerte Welt in der Vergangenheit liegt oder die er in einem Blick auf ein Spinnenbein durch eine Lupe als fantastische Welt erschafft.
Doch dann berichtet der Erzähler von den Teppichen, die seine Mutter in Heimarbeit gewebt hat. Wie sie plötzlich beginnt, von den vorgefertigten Mustern abzuweichen und selbst die Fantasie spielen zu lassen. Es entstehen eigene, fantastische Muster, für die sich dann plötzlich die Securitate zu interessieren beginnt, die darin Landschaften vermutet, mit dem Geheimnisse an den Klassenfeind verraten werden sollen. Doch lässt sich der Mutter keine böse Absicht nachweisen, stattdessen will sich die Geheimpolizei selbst die Fähigkeiten der Teppichweberin zunutze machen. Sie gibt einen weiteren Teppich in Auftrag, vielleicht kann die Weberin ja Dinge sehen, die andere nicht sehen und vielleicht entstünden so Bilder von den Raketenbasen des Feindes.
Als dieser Teppich fantastische Ausmaße annimmt, viel zu groß für den Transport, schneidet ein Securitate-Agent ihn in "Tausend äußerst dünne Scheiben, sodass jedes davon nicht nur die Form und Größe, sondern auch die Stärke eines Blattes Papier hatte. Und plötzlich lag ein Manuskript vor uns, zerknitterte und durch den Zeitenlauf vergilbte, mit Handschrift bedeckte Blätter, mit dem Kugelschreiber geformte Buchstaben, fieberhaft dahinfließend, Kringel um Kringel, für mich nicht zu entziffern." "Blendend", hatte die Mutter eines Tages beim Weben vor sich hingemurmelt und den Bezug zu dem ganzen Erzählprojekt Cǎrtǎrescus hergestellt. Die Securitate wird jedoch enttäuscht: Die Muster auf dem Teppich lassen keine Raketenbasen erkennen. Es war der letzte Teppich, den sie weben durfte.





Schön wäre es allerdings gewesen, wenn die surrealen Imaginationen Cǎrtǎrescus beispielhaft gemacht worden wären.
Habe gerade begonnen, den ersten Teil der Trilogie zu lesen, da ich dieser Rezension unbedingt nachgehen wollte.
Und spätestens nach den ersten hundert Seiten dieses gewaltigen Buches fallen mir nur noch ganz ganz große Vergleiche ein.
Jeder, der Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge gelesen hat und faszinierend fand, kommt hier nicht lange ohne fassungsloses Kopfschütteln aus.
Eine solch immense Dichte und gleichzeitige Unüberschaubarkeit von subjektivister und hochlyrischer Prosa hätte ich mir nicht vorstellen können. Manchmal denkt man kurz: eigentlich unlesbar, aber spätestens dann holt einen das Buch inhaltlich wieder so gekonnt ein, dass man auf die Knie könnte, würde man nicht schon gefesselt auf dem Bett liegen.
Beispielhaft hätte man das gar nicht machen können. Es scheint kaum eine Formulierung zu geben, die man als Beispiel heranziehen könnte, ohne bei Cartarescu selbst abschreiben zu müssen.
Bulgarischer Postmodernismus! Das es soweit kommen kann, irre diese "Kultur", einfach phantastisch!
Habe gerade begonnen, den ersten Teil der Trilogie zu lesen, da ich dieser Rezension unbedingt nachgehen wollte.
Und spätestens nach den ersten hundert Seiten dieses gewaltigen Buches fallen mir nur noch ganz ganz große Vergleiche ein.
Jeder, der Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge gelesen hat und faszinierend fand, kommt hier nicht lange ohne fassungsloses Kopfschütteln aus.
Eine solch immense Dichte und gleichzeitige Unüberschaubarkeit von subjektivister und hochlyrischer Prosa hätte ich mir nicht vorstellen können. Manchmal denkt man kurz: eigentlich unlesbar, aber spätestens dann holt einen das Buch inhaltlich wieder so gekonnt ein, dass man auf die Knie könnte, würde man nicht schon gefesselt auf dem Bett liegen.
Beispielhaft hätte man das gar nicht machen können. Es scheint kaum eine Formulierung zu geben, die man als Beispiel heranziehen könnte, ohne bei Cartarescu selbst abschreiben zu müssen.
Bulgarischer Postmodernismus! Das es soweit kommen kann, irre diese "Kultur", einfach phantastisch!
Ein wunderbares Buch mit toller Ausdruckskraft!
Habe gerade begonnen, den ersten Teil der Trilogie zu lesen, da ich dieser Rezension unbedingt nachgehen wollte.
Und spätestens nach den ersten hundert Seiten dieses gewaltigen Buches fallen mir nur noch ganz ganz große Vergleiche ein.
Jeder, der Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge gelesen hat und faszinierend fand, kommt hier nicht lange ohne fassungsloses Kopfschütteln aus.
Eine solch immense Dichte und gleichzeitige Unüberschaubarkeit von subjektivister und hochlyrischer Prosa hätte ich mir nicht vorstellen können. Manchmal denkt man kurz: eigentlich unlesbar, aber spätestens dann holt einen das Buch inhaltlich wieder so gekonnt ein, dass man auf die Knie könnte, würde man nicht schon gefesselt auf dem Bett liegen.
Beispielhaft hätte man das gar nicht machen können. Es scheint kaum eine Formulierung zu geben, die man als Beispiel heranziehen könnte, ohne bei Cartarescu selbst abschreiben zu müssen.
Bulgarischer Postmodernismus! Das es soweit kommen kann, irre diese "Kultur", einfach phantastisch!
Auch wenns relativ nebensächlich erscheint, aber ich meinte selbstverständlich den rumänischen Postmodernismus.
Auch wenns relativ nebensächlich erscheint, aber ich meinte selbstverständlich den rumänischen Postmodernismus.
Auch wenns relativ nebensächlich erscheint, aber ich meinte selbstverständlich den rumänischen Postmodernismus.
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