Roman "Toggle"Immer dieses böse, böse Internet

Florian Felix Weyh hat mit "Toggle" einen schwachen Roman über Googles Algorithmus geschrieben. Dabei hätte sein Kerngedanke eine ordentliche Dystopie ergeben können. von 

Googles Suchmaschine: böse.
Facebook : böse. Wikileaks : böse.
Google Books: ganz, ganz böse.
Junges Mädchen mag das Internet nicht: gut.

Das steht so, grob zusammengefasst, auf den ersten 75 Seiten von Toggle , dem ersten Roman von Florian Felix Weyh. Google heißt hier Toggle, scannt alle Bücher der Welt ein und macht die gedruckten Exemplare überflüssig. "Bücher sind der Sarg, in dem man Worte versenkt, um sie dort sterben zu lassen", sagt ein Toggle-Manager. So geht es zunächst weiter entlang uralter Vorurteile gegenüber dem Internet: Datenschutz und Privatsphäre sind tot, denn jeder stellt alles über sich ins Netz, Urheberrechte spielen keine Rolle mehr, und wer surft, liest keine Bücher.

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Zudem hat Toggle stilistische Schwächen. Insbesondere die Figuren wirken, als seien sie lieblos aus einem Baukasten zusammengesetzt. Die Toggle-Deutschland-Chefin Melissa Stockdale etwa ist jung, hochintelligent, wunderschön, aber natürlich einsam, hat eine Essstörung und lässt sich von einem Praktikanten verführen und schwängern. Der Journalist Axel Jünger von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist geringverdienend und aus Prinzip schlecht rasiert und schlecht gekleidet: "Seine grundsätzliche oppositionelle Haltung bezog sich auch aufs eigene Erscheinungsbild." Dafür ist Jünger auch paranoid und wird irgendwann von einem ukrainischen Schläger verprügelt, damit er seine Verschwörungstheorien nicht veröffentlicht.

© Galiani

Die Namen im Buch sind möglicherweise als witzige Anspielung gemeint, aber der ständige Wink mit dem ganzen Zaun nervt einfach nur: Das kalifornische Mountain View, Sitz von Google, wird in Toggle zu Valley Hills, was in sich schon unsinnig ist. Die Toggle-Gründer heißen Grin und Cage, dabei wären die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page auch so gut zu erkennen gewesen. Facebook heißt natürlich MyFace.

Erst nach 170 quälenden Seiten taucht die Idee auf, die aus dem Buch ein gutes hätte machen können. Es geht gar nicht um Privatsphäre und auch nicht um Google Books. Es geht um Algorithmen. Der Grundgedanke: Was, wenn Wählerstimmen nicht gleich wären? Das Stimmgewicht jedes Menschen, und damit sein Wert in einer Demokratie, könnte für jede Wahl von einem Google-Algorithmus berechnet werden. Die Variablen wären unter anderem Alter, Krankheiten, sozialer Status und alles, was sich online über einen Menschen herausfinden ließe.

Weyh beschreibt das ultimative Scoring: Statistiken ergeben den Wert eines Menschen, und dieser Wert ändert sich im Laufe des Lebens. Warum sollte die Stimme eines Greises mehr zählen als die eines jungen Menschen, wenn die zu wählende Regierung doch Gesetze verabschieden soll, deren Folgen den Greis kaum noch betreffen? Welche Lebenserfahrung bringt er dafür in die Gesellschaft noch ein, die seinen Wähler-Score wieder steigern würde? Wie viele Variablen braucht es, um ein faires Ergebnis zu bekommen? Toggle Democracy heißt die Erfindung des Konzerns, und alle Daten sowie der Algorithmus selbst bleiben fest in seiner Hand.

Eine ordentliche Dystopie hätte das werden können. Leider verliert sich Weyh in Nebensträngen und einer uninspirierten Verschwörungsgeschichte. Ein russischer Oligarch will Toggle und MyFace kontrollieren und zur Informationssupermacht ausbauen, ein Club von Superhirnen will sich selbst mit Toggle Democracy zur Weltherrschaft aufschwingen, indem es seine Stimmen bei Wahlen unschlagbar macht. Zwischendrin gibt es immer wieder Rückblenden ins 18. Jahrhundert, wo Ferdinando Galiani, Namens-Pate des herausgebenden Verlags von Toggle, den Super-Algorithmus erfindet.

Die zentrale Idee kommt auf den gut 400 Seiten viel zu kurz. Toggle Democracy ist nicht ansatzweise zu Ende gedacht, obwohl genau darin der Reiz des Romans hätte bestehen können. Weyh beschränkt sich auf die bloße Umschreibung des Algorithmus. Wie Wahlprogramme und –ergebnisse in so einem Bedrohungsszenario aussehen könnten, wie sich Menschen verhalten würden, wenn ihr Lebensstil politische Folgen hätte, welche Konflikte das ergäbe – solche Gedankenspiele hätten das Buch retten können. Stattdessen speist es einen hysterischen Zeitgeist. Am Ende bleibt nur eine weitere viel zu pauschale These : Algorithmen sind böse.

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Leserkommentare
  1. Erst wenn die Weisheit der Massen regieren, haben wir das was wir Demokratie nennen erreicht, das ist auch der einzige wirkliche Grund warum die Demokratie allen anderen Systemen überlegen sein sollte! http://tinyurl.com/76lbyyl

    • Puqio
    • 11. Januar 2012 22:35 Uhr

    Die Weisheit ist singular, nicht plural.
    Und "Massen" haben keine Weisheit (siehe Psychologie der Massen).
    Es gilt: Erst wenn das Volk regiert haben wir eine Demokratie.
    Und es ist richtig, dass wir aus verschiedensten Gründen davon noch weit entfernt sind.
    Einer der Gründe ist Bildung, ein anderer das Interesse an Politik, ein weiterer das Selbstverständnis der Menschen eines Volkes.
    Und ich halte die Aussage für richtig, dass die Medien das stark beeinflussen.
    Ebenso richtig erscheint mir die Annahme, dass das Internet dafür immer wichtiger wird.
    Aber die Weisheit bleibt trotzdem singular.

    • Wolf66
    • 11. Januar 2012 23:45 Uhr

    Die Idee des elektronischen Wählens nach Algorithmen ist so neu nicht. Sie ist bereits in den 50er Jahren von Isaac Asimov in der Geschicht "Franchise" ausgeführt worden. Dort reicht sogar eine Person, ein nach speziellen Algorithmen (...!) ausgewählter "Durchschnitts-Amerikaner". Dieser wird interviewt, und das Ergebnis dieses Interviews wird vom Computer als für die ganze USA gültiges Wahlergebnis verrechnet. Dagegen ist der Ansatz von Toggle ja fast Basisdemokratie...

    Wen es interessiert: http://en.wikipedia.org/wiki/Franchise_%28short_story%29

  2. @Wolf66: An die Asimov-Geschichte hatte ich auch gedacht, aber der Titel war mir entfallen. Danke.

    Ohnehin hat die klassische Science-Fiction schon einige recht beeindruckende Stücke in Sachen "Herrschaft von Maschinen / Algorithmen" sowie "Bedeutung des Individuums und der Willensfreiheit in vernetzten Gesellschaften" geliefert. Man lese bei Interesse nach bei John Brunner, Philip K. Dick (der Mann war seiner Zeit Jahrzehnte voraus!), Neal Stephenson, William Gibson, Vernor Vinge, Bruce Sterling, Greg Egan. Das ist Literatur über den Menschen in einer entgrenzten Welt, nicht bloß ein abgepaustes und dann schrill koloriertes Stück Wirklichkeit.

    Das im obigen Artikel verrissene Machwerk hingegen kann man sich wohl getrost sparen: Pseudo-Schlüssellochliteratur, und wie es schon in der Überschrift heißt: Das böse Netz, der Datenkrake - und die Gründer heißen "Grin" und "Cage". Meine Güte; wie einfallsreich. Und subversiv.

    Wer sonst nichts auf der Pfanne hat, sollte sich die Sache mit dem Schreiben vielleicht noch mal überlegen.

    Danke, liebe ZEIT, für die Vorwarnung.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    [i]> "@Wolf66: An die Asimov-Geschichte hatte ich auch gedacht, aber der Titel war mir entfallen. Danke. Ohnehin hat die klassische Science-Fiction schon einige recht beeindruckende Stücke in Sachen "Herrschaft von Maschinen / Algorithmen" sowie "Bedeutung des Individuums und der Willensfreiheit in vernetzten Gesellschaften" geliefert. Man lese bei Interesse nach bei John Brunner, Philip K. Dick (der Mann war seiner Zeit Jahrzehnte voraus!), Neal Stephenson, William Gibson, Vernor Vinge, Bruce Sterling, Greg Egan."[/i]

    Der Reihe könnte man noch Michael J. Coney hinzufügen - wegen seiner Kurzgeschichte "The True Worth of Ruth Villiers" (1970). Darin wird eine sozialdarwinistische Dystopie beschrieben, in dem jedem Menschen ein individuell berechneter "Sozialwert" zugeschrieben, der im Wesentlichen auf dem aktuellen Einkommen basiert - zuzüglich einer Basispauschale, die jedem qua Geburt zusteht (Stichwort "Chancengleichheit"). Im Unterschied zu Weyhs Szenariao wird die Berechnung noch nicht in Echtzeit von Computern durchgeführt, sondern von gemütlichen Sachbearbeitern, die das System zumindest unbewusst noch in Zweifel ziehen können...

    Originaltext: http://www.cordula.ws/stories/trueworth.html

    • k2
    • 12. Januar 2012 10:34 Uhr

    Nachdem die feindliche Übernahme des

    http://www.nasdaq.com/

    durch deutsche Medien schief lief,

    lancieren die Medien einen Auftritt für

    eine Kassandra-Rede gegen Google am WDR

    http://www.wdr5.de/sendungen/neugier-genuegt/s/d/12.01.2012-10.05/b/rede...

  3. [i]> "@Wolf66: An die Asimov-Geschichte hatte ich auch gedacht, aber der Titel war mir entfallen. Danke. Ohnehin hat die klassische Science-Fiction schon einige recht beeindruckende Stücke in Sachen "Herrschaft von Maschinen / Algorithmen" sowie "Bedeutung des Individuums und der Willensfreiheit in vernetzten Gesellschaften" geliefert. Man lese bei Interesse nach bei John Brunner, Philip K. Dick (der Mann war seiner Zeit Jahrzehnte voraus!), Neal Stephenson, William Gibson, Vernor Vinge, Bruce Sterling, Greg Egan."[/i]

    Der Reihe könnte man noch Michael J. Coney hinzufügen - wegen seiner Kurzgeschichte "The True Worth of Ruth Villiers" (1970). Darin wird eine sozialdarwinistische Dystopie beschrieben, in dem jedem Menschen ein individuell berechneter "Sozialwert" zugeschrieben, der im Wesentlichen auf dem aktuellen Einkommen basiert - zuzüglich einer Basispauschale, die jedem qua Geburt zusteht (Stichwort "Chancengleichheit"). Im Unterschied zu Weyhs Szenariao wird die Berechnung noch nicht in Echtzeit von Computern durchgeführt, sondern von gemütlichen Sachbearbeitern, die das System zumindest unbewusst noch in Zweifel ziehen können...

    Originaltext: http://www.cordula.ws/stories/trueworth.html

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Internet | Roman | Google | Facebook | Larry Page | Oligarch
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