ZEIT ONLINE: Herr Leshem, die Hauptfiguren Ihres Romans Der geheime Basar sind Ich-Erzähler Kami, der sich in die Rennfahrerin Nilufar verliebt, der homosexuelle Nachbar Babak, und als ältere Generation die vergessene Sängerin Zahra und die ehemalige Richterin Safureh. Die Geschichte spielt im Iran – einem Staat, in dem Sie als Israeli nie waren. Wie kamen Sie auf die Idee, aus dem Untergrund Teherans zu erzählen?

RonLeshem : Wenn ich nachts schreibe, fühle ich mich manchmal einsam und suche Inspiration, also beginne ich über das Internet mit Menschen zu sprechen. Ich war sehr neugierig: Selbst wenn ich im Internet Iraner finden würde – würden sie mich als Israeli so hassen, wie uns glauben gemacht wird? Ich sandte 100 Iranern Freundschaftsanfragen. Am Morgen wachte ich auf – und hatte 100 neue Freunde. Ich versuchte das gleiche bei Palästinensern und Ägyptern; wenn ich überhaupt eine Antwort bekam, war sie negativ.

ZEIT ONLINE: Wie hat sich Ihre Internetbekanntschaft mit den Iranern entwickelt?

Leshem : Ich freundete mich mit vier Iranern an, drei Männern und einer Frau. Wir schrieben uns über zwei Jahre hinweg. Ich war sehr frustriert: Wir leben so nah beieinander, wir lieben dieselbe Musik, dieselben Filme, dieselben Bücher – auch wenn manche davon im Iran offiziell verboten sind. Ich wusste, diese Menschen könnten meine besten Freunde sein. Wir könnten hier in Tel Aviv in meinem Hof zusammensitzen. Aber es ist uns nicht erlaubt, das zu tun.

ZEIT ONLINE: Sie als Israeli dürfen nicht nach Iran reisen, und die Iraner nicht nach Israel . In Ihrem Epilog beschreiben Sie sich als "illegale Freunde". Sie schreiben auch, dass Sie Ihre Internetfreunde letztlich doch getroffen haben.

Leshem : Nach etwa eineinhalb Jahren chatten wusste ich, dass ich gerne ein Buch schreiben würde. Zwei meiner Chatfreunde haben es quasi mit mir geschrieben, über einen fiktionalen E-Mail-Account. Iranische Musik beim Schreiben zu hören und iranische Bücher zu lesen reichte nicht. Es war klar, dass wir uns in der Realität erleben mussten, in Fleisch und Blut. Zwei von ihnen habe ich in Europa getroffen, und das war beängstigend für uns alle. Erstens war es für die Iraner sehr schwierig, überhaupt aus ihrem Land auszureisen. Zweitens könnten die Iraner denken, ich sei vom Mossad, und der Mossad könnte denken, dass ich mich an den Iran verkaufe. Wir hatten Angst. Aber als wir uns sahen, umarmten wir uns, wir fühlten uns angenehm und sicher miteinander, und in der ersten Nacht redeten wir über Geschichten, die wir als Kinder geliebt hatten – es waren dieselben japanischen Cartoons.

ZEIT ONLINE: Haben Sie auf Ihren Reisen denn nie zuvor Iraner getroffen?

Leshem : Doch, während meiner Lesereisen in die USA und in Großbritannien treffe ich sehr viele Iraner, das sind Auswanderer. Manche von ihnen sind meine Freunde geworden, aber ich wollte keine Geschichte schreiben über Iraner, die im Ausland leben. Ich wollte über das Leben im Untergrund schreiben, über Menschen, die heute im Iran leben. In den vergangenen Jahren war ich in 22 Ländern auf Lesereise, und in keinem dieser Länder habe ich Menschen getroffen, die uns Israelis so ähnlich sind wie die Iraner.

ZEIT ONLINE: Das Internet hat Ihr eigenes Leben verändert, und es verändert auch das Leben Ihrer Protagonisten: Zahra findet alte Filmaufnahmen von sich, und Kami kommuniziert mit Osteuropäerinnen, die in Israel leben.

Leshem : Soziale Netzwerke lassen uns einander viel näher fühlen – Tunesien , Ägypten , Tel Aviv, wir haben dasselbe Temperament, und das ist großartig! Im Iran ist die Realität unerträglich, draußen vor dem Fenster. Was innen in einer Wohnung passiert, ist etwas anderes: Das Internet macht es möglich, innerhalb der Wohnung zu fliehen. Man kann im Internet die besten Informationen über die Revolution bekommen, man kann aber auch in einer Matrix leben – und sich nicht darum kümmern, ob der Nachbar für Homosexualität aufgehängt wird.

ZEIT ONLINE: Bei den exzentrischen Partys, die Kami und Nilufar in Teheran erleben, könnte man denken, sie spielten in Tel Aviv. Die Provinz hingegen erscheint rückwärtsgewandt; Kamis bester Freund Amir entscheidet sich, dort zu bleiben und ein religiöses Leben zu führen.