Es gibt zwei Eigenschaften, die die Autoren O’Nan und King miteinander verbinden: Die Fähigkeit, sich dem Innenleben ihrer Figuren auf eindringliche Weise zu nähern, ohne sie auszuplündern. Und der scharfe Blick für die Symbolträchtigkeit von Alltagsgegenständen. So ist es auch in Der Anschlag . Die ersten 500 Seiten, in denen der Ich-Erzähler Jack Epping unter falschem Namen in die Vergangenheit eintaucht, zunächst einen Probelauf unternimmt, um herauszufinden, ob das Handeln in der Vergangenheit tatsächlich Einfluss auf die Gegenwart hat, um schließlich den Entschluss zu fassen, das Attentat auf Kennedy tatsächlich zu verhindern – diese erste Hälfte des Romans also ist großartig.

Sie schwanken zwischen Jacks Faszination für das Unglaubliche, dem Versuch, sich die neue alte Welt anzueignen. King schreibt atmosphärisch und anschaulich. Und all diejenigen, denen Kings grandioser Roman Es aus dem Jahr 1988 eine Initialzündung zur Beschäftigung mit diesem Autor (und dem Bösen, das im nordöstlichsten US-Bundesstaat Maine zu Hause zu sein scheint) war, werden beglückt sein von der Rückkehr George Ambersons (so nennt Epping sich in der Vergangenheit) in die Kleinstadt Derry, der späten Fünfziger, wo George alias Jack eine wundersame Begegnung mit Beverly Marsh und Richie Tozier hat – zwei der jugendlichen Protagonisten aus Es

Der Grundgedanke von Der Anschlag ist der, dass die Historie ein langer Fluss ist, der sich mit allen Mitteln dagegen wehrt, verändert, bereinigt, umgeleitet oder begradigt zu werden. Die Zeit wehrt sich. Das bekommt nicht nur George zu spüren, sondern auch die Frau, in die er sich unvermeidlich verlieben muss, die Bibliothekarin Sadie. Hier allerdings beginnt das Dilemma des Romans, denn die Liebesgeschichte entspricht in der prüden Art, in der sie erzählt ist, in etwa den prüden Verhältnissen, unter denen sie zu leiden hat.

Das größere Problem allerdings, das sich in der zweiten Hälfte ergibt: King kommt ganz eindeutig mit den Fakten nicht zurecht. Je näher sein Roman zeitlich an den Tag des Attentats heranrückt; je weiter Jack also sich von den in seinem Kopf und in der Geschichtsschreibung konstruierten Mythen entfernt und der realen Figur Lee Harvey Oswald annähert, desto hölzerner arbeitet sich Der Anschlag an den recherchierbaren, nackten Tatsachen und George sich an den Hinweisen in den ihm mitgeschickten Notizbuch des Al Templeton ab.

Zum Schluss bringt der Vollprofi Stephen King mittels eines kleinen Taschenspielertricks noch einmal Dynamik in das Geschehen. Wie und ob überhaupt die Welt sich durch Georges Eingreifen in der Romanrealität verändert hat, wird hier selbstverständlich nicht enthüllt. Al Templetons Hamburger allerdings, so viel sei gesagt, wird es nie wieder geben.