Als Faction-Medium, als Genre an der Schnittstelle zwischen Fiktion und Realität, hat sich der Comic mittlerweile etabliert – nicht zuletzt in seiner episch ausgedehnten Form der Graphic Novel . Seine Vorteile liegen auf der Hand: Mit der Kombination aus Schrift und Bild ist er in der Lage, einerseits abstraktere Zusammenhänge zu erläutern, andererseits aber auch vergangene Lebenswelten anschaulich zu vergegenwärtigen. Mithin das beste aus zwei Welten.

Stuck Rubber Baby , das Opus magnum von Howard Cruse, ist ein Musterbeispiel für die konservatorischen Qualitäten des Comics. Cruse hat den ersten dezidierten Schwulencomic, Gay Comix , herausgegeben und avancierte mit seiner Wendel -Serie, einer liebevoll ironischen Chronik des schwulen Alltagslebens der achtziger Jahre zur Szenegröße. In Stuck Rubber Baby erzählt er eine augenscheinlich autobiografisch fundierte Coming-out-Geschichte. Die allerdings verlegt er ins Alabama der sechziger Jahre, einen der Brandherde des Rassenkonflikts in jener Zeit. Cruse ist in Birmingham, Alabama, aufgewachsen und hat das alles miterlebt – und jetzt muss sein Alter ego, der junge, gutherzige, ein bisschen naive Toland Polk, noch einmal da durch.

Cruse beschreibt zunächst den allgemeinen Wald-und-Wiesen-Rassismus der Südstaatler, von dem sich einige der Jüngeren nun langsam emanzipieren. "Vielleicht haben Neger etwas kräftigere Knochen, weil sie den Tieren ähnlicher sind als wir und sich in der Wildnis behaupten mussten“, sagt der Vater seinem Sohn Toland. "Was allerdings das Gehirn betrifft, da gibt es schon Unterschiede. Das Gehirn von Weißen ist weiter entwickelt. Das ist wissenschaftlich bewiesen."

© Cross Cult

Und als er zum Spaß mit dem Sohn des schwarzen Gärtners die Klamotten tauscht, steckt ihn seine Mutter sofort in die Wanne. Die Eltern sind allerdings keine verblendeten Herrenmenschen oder fanatischen Ku-Klux-Klan-Anhänger, sondern ehrenwerte Bürger, die ihm verbieten, das Wort "Nigger" in den Mund zu nehmen. Aber das ist die bewusste Kollektiverfahrung der Rednecks dort unten. Und nur vor diesem Hintergrund erklärt sich zumindest rudimentär ihre Empörung und ihre bestialischen Gewaltexzesse, als die schwarze Bevölkerung irgendwann selbstbewusst genug ist, um auf ihre verfassungsmäßig garantierten Rechte zu bestehen und sich gegen die Rassentrennung aufzulehnen.

Toland hadert mit dem feindlichen Klima

In Clayfield, der fiktiven Stadt, die Cruse seinem Birminham nachgebildet hat, steht darauf mindestens Gefängnis, wenn nicht Schlimmeres. Denn die Behörden, angeführt von dem lokalen Polizeichef, dem unbelehrbaren Reaktionär Sutton Chopper, widersetzen sich den Anweisungen des Obersten Gerichtshof und versuchen die Segregation in öffentlichen Einrichtungen, Geschäften und Parks mit aller Härte und für eine Weile durchaus auch mit Erfolg aufrechtzuerhalten. In diesem ohnehin aufgeheizten Klima hadert Toland nun mit seiner sexuellen Bestimmung, die er immer noch glaubt, verdrängen zu können. Über seine liberale und ihm intellektuell haushoch überlegene Freundin Ginger bekommt er Zugang zu studentischen Kreisen, die sich in der Bürgerrechtsbewegung engagieren.

Eher aus Geselligkeit denn aus echter Überzeugung geht er mit ihnen auf Demos, hängt mit ihnen in Jazz- und Schwulen-Bars herum, aber irgendwann reift auch bei ihm ein politisches Bewusstsein heran – nicht zuletzt weil er selbst in die Schusslinie des Klans gerät. Er erkennt langsam die Rechtmäßigkeit der schwarzen Forderungen an, und schließlich bemerkt sogar ein reaktionärer Dixie wie Toland Polk die Analogie zwischen der Rolle der Schwarzen und der Schwulen in dieser repressiven Gesellschaft. Das ist der Durchbruch. So wie er die Schwarzen nun mit ganzem Herzen bei ihren Befreiungsversuchen unterstützt, so befreit er sich nun selbst aus dem Korsett der konventionalisierten Sexualmoral: Er hat sein Coming-out.