Roman von Georg M. OswaldHier ermittelt die Polizei gegen sich selbst

Der Münchner Jurist Georg M. Oswald hat wieder einen brillanten Krimi geschrieben. "Unter Feinden" parodiert den hochgezüchteten deutschen Sicherheitsapparat. von 

Der Münchner Autor Georg M. Oswald

Der Münchner Autor Georg M. Oswald  |  © Martin Fengel

Georg M. Oswald ist eine Ausnahmeerscheinung in der gegenwärtigen deutschen Literaturlandschaft. Wie sein Berufskollege Ferdinand von Schirach arbeitet der in München lebende Oswald als Rechtsanwalt und hat, nicht nebenbei, aber nebenher, seitdem ein umfangreiches Werk vorgelegt. Sein siebter Roman Unter Feinden ist in diesen Tagen erschienen.

Oswald ist ganz offensichtlich nicht nur ein disziplinierter Arbeiter, sondern ein in seiner Subversivität häufig auch noch unterschätzter Autor. Auf dem Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb des Jahres 2000 las er eine Erzählung mit dem Titel Wellness und sorgte damit für erhebliche Irritationen, weil der Text ein vom Konsumdenken zerfressenes Weltbild nicht eben nur beschrieb, sondern geradezu eine Einheit damit bildete. Oswalds Prosa besitzt eine ungemein simpel wirkende Benutzeroberfläche; wahrscheinlich könnte man sie ohne größere Schwierigkeiten jedem x-beliebigen Lifestyle-Magazin zum Abdruck unterjubeln.

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Auch der Roman Im Himmel , Oswalds bislang bester, in dem ein Anwaltssöhnchen vom Starnberger See in seinem Internatszimmer sitzt und sich an den vergangenen Sommer erinnert, lässt sich ebenso als satirisches Panoptikum der wohlhabenden Asozialen verstehen wie auch als elegante Breitseite gegen einen zynischen Geldadel. Oswald zielt auf etwas, auf eine Haltung von Literatur, die sich an etwas so diffus und unübersichtlich gewordenes wie die Gesellschaft richtet.

In einem Essay für die Zeitschrift akzente aus dem Jahr 2002 verteidigt er den Begriff des Engagements gegen die Generation der 68er: Angesichts seines voll im Wind der Rebellion surfenden Lehrers B. stellt er sich die Frage, "ob so ein alter Sack denn schon ein Held der Revolution war, nur weil er seinen Schwengel nicht unter Kontrolle hatte". Engagiert sein bedeutet für Oswald nicht, mal irgendwas Politisches zu machen. Engagierte Literatur steht für ihn stets im Zusammenhang mit der Frage, in welcher Weise ein Text mit dem gegenwärtigen Bewusstsein korrespondiert – und was er dort möglicherweise bewirken kann. Es ist kein Widerspruch, dass die Romane, die aus einem solchen Anspruch entstehen, höchst unterhaltsam sind. Der Autor ist so schlau wie sein Text. Der Text ist in diesem Fall oft schlauer als das Genre.

Nun also  Unter Feinden – eine Fingerübung, ein Krimi, ein Thriller? Fast eine Art von Vorlage für einen düsteren Tatort , könnte man meinen. Und läge damit doch auch wieder falsch. Zunächst aber ist der Roman von Beginn an die Dekonstruktion einer Heile-Welt- und Biergartenidylle, als die die Stadt München nur allzu gern dargestellt wird. Dreckig ist es, verwahrlost, aufgeladen mit innerer Spannung und ethnischen Konflikten.

Da sitzen zwei Freunde gemeinsam in einem Wagen und observieren eine Wohnung. So fängt alles an. Diller und Kessel, Polizisten, Abteilung Terrorabwehr. Vor dem beobachteten Objekt stehen ein paar zwielichtige Gestalten, jugendliche Drogendealer, "Arabs" heißen die hier. Kessel ist ein drogensüchtiges Wrack. Kurze Zeit später ist einer der Drogendealer schwer verletzt, das Auto der Ermittler hat einen Blechschaden, und im Stadtteil ist die Hölle los – Straßenschlachten zwischen Migranten und der Polizei, Chaos, Gewalt. Fortan geht es zu wie in Kleists Zerbrochenem Krug – die Polizei ermittelt gegen sich selbst.

Leserkommentare
  1. Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ein Bekannter hat eine ähnliche Geschichte erlebt:
    Gartenparty, mit angeblich zu lauter Musik, woraufhin die Polizei anrückte.
    Es kam zu einer Diskussion mit den Polizisten, woraufhin diese den Gastgeber kurzerhand festnahmen und in den Streifenwagen setzten.
    Der Bekannte, der diese Aktion einfach nur völlig unverhältnismäßig fand, griff, ohne groß darüber nachzudenken, zur Tür des Einsatzwagens...danach segelte er zu Boden.
    Ein Polizist hatte ihn mit einer Taschenlampe nieder geschlagen.

    Ergebnis war dann ein Krankenhausaufenthalt sowie die obligatorische Anzeige wegen Gefangenenbefreiung...

  2. Ein Bekannter hat eine ähnliche Geschichte erlebt:
    Gartenparty, mit angeblich zu lauter Musik, woraufhin die Polizei anrückte.
    Es kam zu einer Diskussion mit den Polizisten, woraufhin diese den Gastgeber kurzerhand festnahmen und in den Streifenwagen setzten.
    Der Bekannte, der diese Aktion einfach nur völlig unverhältnismäßig fand, griff, ohne groß darüber nachzudenken, zur Tür des Einsatzwagens...danach segelte er zu Boden.
    Ein Polizist hatte ihn mit einer Taschenlampe nieder geschlagen.

    Ergebnis war dann ein Krankenhausaufenthalt sowie die obligatorische Anzeige wegen Gefangenenbefreiung...

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