Joan Didion: Altwerden ist keine Bagatelle
Eine ungeschützte Verletzlichkeit: Die Schriftstellerin Joan Didion schreibt in "Blaue Stunden" eine Erinnerung an ihre Tochter und einen Nachruf auf ihr eigenes Leben.
© Jason Kempin/Getty Images

Die 77-jährige Schriftstellerin Joan Didion
In Italo Svevos Roman Zenos Gewissen gibt es eine Szene, die zum Kern der Psychose des Helden zu führen scheint. Es geschieht während der Hochzeitsreise, dass Zeno Cosini schlagartig eine Erkenntnis trifft: "Damals befiel mich eine kleine Krankheit, die niemals ganz geheilt werden sollte. Eine Bagatelle: die Angst, alt zu werden, und vor allem: die Angst zu sterben."
Die Angst vor dem Altwerden, das Altwerden selbst, ist freilich keine Bagatelle. Dass sie einen ereilt, ist so unvermeidlich. Für Joan Didion, einst Redakteurin der Vogue, politische Kommentatorin, Autorin brillanter Essays und einiger Romane, kommt dieses Phänomen ebenfalls wie etwas Unerwartetes: "Ein Arzt, mit dem ich gelegentlich spreche, behauptet, dass ich mich nur unzureichend auf das Altwerden eingestellt habe. Falsch, möchte ich sagen. Eigentlich habe ich mich überhaupt nicht auf das Altwerden eingestellt."
Dieses Thema erscheint in ihrem neuen Buch zunächst wie ein Nebenmotiv. Denn eigentlich ist Blaue Stunden ein Nachruf auf ihre adoptierte Tochter Quintana Roo – und eine Fortsetzung ihres Trauerbuchs Das Jahr magischen Denkens. Darin beschrieb sie den Schmerz über den Tod ihres Mannes, den Drehbuchautor John Gregory Dunne, der 2003 überraschend einem Herzleiden erlag. Das war zu einer Zeit, als die damals 37-jährige Quintana auf der Intensivstation im Koma lag. Nach Fertigstellung dieses Erinnerungsbuches, das auf eine ergreifende und zugleich reflektierte Weise den unbeschreiblichen Schmerz und die Unordnung des Geschehens fassbar zu machen suchte, starb auch Quintana an einer Gehirnblutung nach etlichen Operationen und zwanzigmonatigen Schwebens zwischen Tod und Leben.

Die Erschütterung über diese beiden Verluste ist in Blaue Stunden greifbar. Es gibt kein Verstehen mehr, keine Abgewogenheit der Worte, keine Rezeptur, der Sinnlosigkeit dieses Ereignisses zu entgehen. Auch an der Struktur des Buches erkennt man diese existenzielle Verunsicherung: Erinnerungsfetzen, Selbstvorwürfe, Zweifel, Ängste und mantrahafte Wiederholungen stellt Joan Didion nebeneinander zu einer großen Infragestellung aller Gewissheiten. Die Teile fügen sich gleichwohl faszinierend zueinander. Das Schreiben ist hier längst keine Rettung mehr. Sondern ein Versuch, "in Schwung zu bleiben".
Es ist kein Trost, nur mehr Ausdruck von Trostlosigkeit. Dem Leser ist dieses Buch ebenfalls kein Wegweiser durch die Absurdität des Daseins; Trost höchstens darin, einer Stimme zuhören zu können, die trotz allem noch spricht, vernehmbar spricht von Erinnerungen, an die sie sich "nicht länger erinnern möchte". Und die so doch bewahrt werden.
Quintana wird 1966 geboren. Sie wird von Joan Didion und John Gregory Dunne adoptiert und innig geliebt. Sie wächst auf in einem Umfeld von Filmstars und Intellektuellen, in einer Welt, die man durchaus mondän nennen kann, in Kalifornien und auf der ganzen Welt, in Luxushotels und mit dem Wissen, eine Auserwählte zu sein. Das aber verursacht dem Kind auch von Anfang an Angst, die Joan Didion erst spät erkennt. Es ist die Furcht jedes adoptierten Kindes, auch ein zweites Mal weggegeben werden zu können. Das Auserwähltsein hat eben mit einem Zufall zu tun. Und Zufälle erzeugen Unsicherheit.





Als Porträtist fotografiere ich häufig Menschen des "Dritten Lebensabschnitts" - ich finde die Geschichte im Gesicht eines reifen Menschen einfach spannender als denjenigen Ausdruck junger Modelle.
Das Alter ist bei meinen Aufnahmen dabei fast immer ein Thema, häufig in Form von Unsicherheit aufgrund der inzwischen verblassten Jugend. Obgleich mein Ziel als Fotograf in keiner Weise auf die "Verschönerung" der Erscheinung ausgerichtet ist, wünschen sich viele Modelle in einem Licht, welches sie jünger erscheinen lässt; ich kann sie glücklicherweise häufig davon überzeugen, dass dies weder sinnvoll noch erstrebenswert ist. :-)
Ronald D. Vogel - Portraits
"Es ist eine Erfahrung, die wir alle zu teilen gezwungen sind, früher oder später." Leider wird immer wieder unzulässig verallgemeinert. Es heißt auch "jeder wird alt"
oder "alle wollen alt werden,aber keiner will es sein."
In Wirklichkeit werden bekanntlich keineswegs alle Menschen alt und teilen die Erfahrung des Alterns. Manche werden schon in jungen Jahren ganz plötzlich aus dem Leben gerissen. Ich persönlich fühle mich im Alter besser als in
langen Phasen meines früheren Lebens. Auf der anderen Seite mag auch Whrheit in dem Spruch der Alten stecken :"Wen die
Götter lieben, stirbt jung." Jedenfalls enthält er Trost für
die Zurückbleibenden.
Möglicherweise leidet die Autorin an Altersdepressionen,
andererseits haben auch junge Leute gelegentlich "blaue Stunden."
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