Schriftsteller Christian KrachtBitte keine Skandalisierung

Der "Spiegel" hat den Schriftsteller Christian Kracht ins rechte Lager gestellt – wegen des Romans "Imperium". Die Vorwürfe sind haltlos, kommentiert David Hugendick.

Der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht

Der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht

Nachdem seine Fans womöglich seit Anfang der Woche rätselten, ob sie ihre Bücherregale sorgsam entnazifizieren und mit Sagrotan nachwischen sollen, hat Christian Kracht reagiert: Die Premierenlesung für seinen Kolonialroman Imperium ist abgesagt. Über seinen Verlag Kiepenheuer & Witsch ließ der Schweizer Schriftsteller ausrichten, er sehe sich derzeit außerstande, nach Deutschland zu kommen. Die Vorwürfe bedrückten ihn zu schwer. Vorausgegangen war eine Rezension des Spiegel. Darin wird der Roman über den Aussteiger und Sektierer August Engelhardt, der um 1900 in der Südsee ein fruktivorisches Weltreich auf Basis der Kokosnuss gründen will, als Beweis verwendet, um Kracht einer "rassistischen Weltsicht" zu beschuldigen.

Es braucht nicht viel, um diese abenteuerlich gegen den Strich gebürstete Lesart zu entkräften. Es genügt ein Blick auf die heitere, ironisch-gespreizte Weise, mit der Kracht seinen Erzähler auf die wilhelminische Zeit loslässt. Da finden sich schwule Antisemiten gleichermaßen wie fettleibige Deutsche, die sich an ihrem Essen verschlucken, selbst die vom Spiegel inkriminierte Hauptfigur Engelhardt erscheint als Karikatur einer Heilsbringergestalt, die letzthin abgemagert und ohne Jünger auf einem Eiland in Neu-Pommern wahnsinnig wird. Man muss den manierierten Stil von Imperium nicht einmal mögen oder sonderlich großes Vergnügen daran haben, mit all seinen Anspielungen auf London, Stevenson, Thomas Mann, Hesse und Conrad eine Art literaturhistorisches Ostereiersuchen zu veranstalten: Dass es sich bei Krachts Abenteuerroman um eine lustvolle Parodie auf deutsche Erlösungsfantasien handelt, ist sehr schwer zu übersehen.

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Trotzdem hat der Literaturbetrieb nun so etwas wie die obligatorische Frühjahrsrandale. Wurde nach Hegemann wohl wieder Zeit. Wie in Vorausahnung schrieb Peter Richter vor Erscheinen des Romans in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: Man könne "Wetten abschließen, wann der erste Depp über das Stöckchen springt, das Krachts wichtigtuerischer Erzähler ihm hinhält, und Engelhardt, den Erzähler oder sogar Kracht selbst zum Nazi erklärt." Nun ist Georg Diez, der Autor des Spiegel-Textes, alles andere als ein Depp. Und obwohl man ihm an seinem durchaus als Abrechnung zu verstehenden Artikel vorwerfen kann, dass er Romanzitate aus ihrem parodistisch gedachten Zusammenhang nimmt: Unrecht hat er zunächst damit nicht, wenn – mit Verweis auf Krachts Korrespondenz mit dem Musiker David Woodard –  er dem Schriftsteller eine kokette Faszination fürs Totalitäre bescheinigt. Die Frage ist eben nur, was er mit dem Attest macht.

Die Debatte um Christian Kracht

Auf Georg Diez' Artikel im Spiegel haben viele Medien reagiert. Lesen Sie hier die Debattenbeiträge von:

Andreas Fanizadeh in der taz
Sabine Vogel in der Frankfurter Rundschau
Gerrit Bartels im Tagesspiegel
Jan Küveler auf Welt Online
Felicitas von Lovenberg in der Frankfurter Allgemeine Zeitung
David Hugendick auf ZEIT ONLINE
Erhard Schütz im Freitag
Jakob Augstein auf Spiegel Online
Iris Radisch in der ZEIT
Jörg Magenau in der taz
Thomas Assheuer in der ZEIT

Gewundert haben sich auch andere immer wieder mal, was Kracht zum Beispiel auf den Spuren des Chefsatanisten Aleister Crowley suchte und zu finden glaubte. Was er meinte, als er Nordkorea einmal als eine gigantische Inszenierung bezeichnete. Und wieso er die Anschläge des 11. September 2001 in die Nähe des camp rückte. Das popkulturelle Quintett Tristesse Royal, worin Kracht mitwirkte, endete mit einer Reise zu den Killing Fields in Kambodscha. Sein Roman 1979 beschreibt die heilsame Auslöschung eines wohlstandsverwahrlosten Europäers in einem chinesischen Umerziehungslager. Auf dem Erzählband Mesopotamia posiert er mit Kalaschnikow unter düsterem Tropenhimmel. Und so weiter.

Kurzum: Man kann Krachts zuweilen ästhetisierende, ironisch unverbindliche Ausflüge in die Herzen der Finsternis vergnüglich, irritierend oder auch geschmacklos finden. Von ihnen jedoch auf die tatsächliche politische Gesinnung des Autors zu schließen, sprengt zwar nicht den "Rahmen der Literaturkritik", wie Krachts Verlag etwas hysterisch wissen ließ, dient aber in diesem Fall vorrangig einem Zweck: der wohlfeilen Skandalisierung eines in anderer Hinsicht durchaus streitbaren Stücks Literatur. Diese scheint nun leider geglückt zu sein.

 
Leserkommentare
    • ben_
    • 16.02.2012 um 13:05 Uhr

    Da lese ich den neuen Kracht doch gleich doppelt gerne und schmunzele bei jeder Wendung über den Kleingeist des Spiegels.
    Schön geschrieben, David, da freue ich mich immer wieder, nur Zeit Online zu lesen.

    4 Leserempfehlungen
  1. mir die beste Kaufempfehlung für das Buch.

    4 Leserempfehlungen
  2. 3. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachbezogenen Beiträgen und bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/jz

    Eine Leserempfehlung
  3. ...greift um sich in der deutschen Medienwelt. Als jüngste Beispiele können hier gern des Spiegels hsyterischer Verriss des o.g. Romans und die eingebildet-politisch korrekte Besprechung des Films "Iron Sky" auf zeit.de dienen. Die wohlfeile -und in diesen Fällen komplett unangebrachte- Emnpörung über perzipierte aber schlicht nicht existente rechstextremistische Umtriebe erinnert in ihrer Heftigkeit und Bodenlosigkeit and das House Un-American Activities Committee des Senators Gene McCarthy in den 50er Jahren, nur halt politisch um 180° gedreht. Hinter jeder Ecke wird braunes Gedankengut gewittert und voreilig-scheinheilig auf die vermeintlichen Übeltäter eingeschlagen.
    Dass das auf Dauer nicht gutgehen kann, liegt wohl auf der Hand. Und sei es nur, dass ein "The boy who cried wolf"-Effekt hervorgerufen oder der Linksextremismus über all der hyperventilierenden Beschäftigung mit dem rechten Rand vergessen wird.
    Aus Gründen der Selbsterhaltung weise ich darauf hin, dass ich die Bedrohung von Rechts nicht verneine. Allerdings auch nicht die von Links.

    6 Leserempfehlungen
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    "Die wohlfeile -und in diesen Fällen komplett unangebrachte- Emnpörung über perzipierte aber schlicht nicht existente rechstextremistische Umtriebe erinnert in ihrer Heftigkeit und Bodenlosigkeit and das House Un-American Activities Committee des Senators Gene McCarthy in den 50er Jahren, nur halt politisch um 180° gedreht. Hinter jeder Ecke wird braunes Gedankengut gewittert und voreilig-scheinheilig auf die vermeintlichen Übeltäter eingeschlagen.
    Dass das auf Dauer nicht gutgehen kann, liegt wohl auf der Hand."

    Vollkommen richtig. Man wartet auf den Tag, wo die erste öffentliche Verbrennung solcher von Organen wie dem "Spiegel" als rechtsextrem deklarierten Büchern stattfindet. Mit anderer "nicht hilfreicher Literatur" wie mit dem Buch von Sarrazin sollte das ja vor kurzem exerziert werden. Da täuscht auch der sarkastische Tonfall, in dem das passieren sollte, nicht über die dahinter stehenden Intentionen hin.

    "Die wohlfeile -und in diesen Fällen komplett unangebrachte- Emnpörung über perzipierte aber schlicht nicht existente rechstextremistische Umtriebe erinnert in ihrer Heftigkeit und Bodenlosigkeit and das House Un-American Activities Committee des Senators Gene McCarthy in den 50er Jahren, nur halt politisch um 180° gedreht. Hinter jeder Ecke wird braunes Gedankengut gewittert und voreilig-scheinheilig auf die vermeintlichen Übeltäter eingeschlagen.
    Dass das auf Dauer nicht gutgehen kann, liegt wohl auf der Hand."

    Vollkommen richtig. Man wartet auf den Tag, wo die erste öffentliche Verbrennung solcher von Organen wie dem "Spiegel" als rechtsextrem deklarierten Büchern stattfindet. Mit anderer "nicht hilfreicher Literatur" wie mit dem Buch von Sarrazin sollte das ja vor kurzem exerziert werden. Da täuscht auch der sarkastische Tonfall, in dem das passieren sollte, nicht über die dahinter stehenden Intentionen hin.

  4. "Die wohlfeile -und in diesen Fällen komplett unangebrachte- Emnpörung über perzipierte aber schlicht nicht existente rechstextremistische Umtriebe erinnert in ihrer Heftigkeit und Bodenlosigkeit and das House Un-American Activities Committee des Senators Gene McCarthy in den 50er Jahren, nur halt politisch um 180° gedreht. Hinter jeder Ecke wird braunes Gedankengut gewittert und voreilig-scheinheilig auf die vermeintlichen Übeltäter eingeschlagen.
    Dass das auf Dauer nicht gutgehen kann, liegt wohl auf der Hand."

    Vollkommen richtig. Man wartet auf den Tag, wo die erste öffentliche Verbrennung solcher von Organen wie dem "Spiegel" als rechtsextrem deklarierten Büchern stattfindet. Mit anderer "nicht hilfreicher Literatur" wie mit dem Buch von Sarrazin sollte das ja vor kurzem exerziert werden. Da täuscht auch der sarkastische Tonfall, in dem das passieren sollte, nicht über die dahinter stehenden Intentionen hin.

    Eine Leserempfehlung
  5. vom "Reeducation-Digest" (früher auch Spiegel genannt) als "rechts" angeprangert, sprich denunziert wird, dann könnte es intelligent geschrieben und ggf. lesbar sein.

    3 Leserempfehlungen
  6. natürlich "Wenn ein Buch ..."

  7. Ihr Kollege Adam S. spricht in seiner Rezension von einem "fruktivorischen Weltreich", Sie hingegen von einem "fruktorischen Weltreich". Nun, welches Weltreich möchte der Protagonist denn nun errichten, wie heißt es bei Kracht richtig?

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    Redaktion

    Liebe/r Christie09,

    fruktivorisch. Da hat der Kollege recht. Danke für Ihren Hinweis.

    Mit besten Grüßen
    D. Hugendick

    Redaktion

    Liebe/r Christie09,

    fruktivorisch. Da hat der Kollege recht. Danke für Ihren Hinweis.

    Mit besten Grüßen
    D. Hugendick

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