Nachdem seine Fans womöglich seit Anfang der Woche rätselten, ob sie ihre Bücherregale sorgsam entnazifizieren und mit Sagrotan nachwischen sollen, hat Christian Kracht reagiert: Die Premierenlesung für seinen Kolonialroman Imperium ist abgesagt. Über seinen Verlag Kiepenheuer & Witsch ließ der Schweizer Schriftsteller ausrichten, er sehe sich derzeit außerstande, nach Deutschland zu kommen. Die Vorwürfe bedrückten ihn zu schwer. Vorausgegangen war eine Rezension des Spiegel.  Darin wird der Roman über den Aussteiger und Sektierer August Engelhardt, der um 1900 in der Südsee ein fruktivorisches Weltreich auf Basis der Kokosnuss gründen will, als Beweis verwendet, um Kracht einer "rassistischen Weltsicht" zu beschuldigen.

Roman von Christian Kracht - Radischs Lesetipp: "Imperium" Ein kokettes Spiel mit den Auswüchsen von Weltanschauungen: Christian Kracht erzählt in seinem Buch von einem Lebensreformer, der aus dem wilhelminischen Deutschland auf eine Insel flieht um Kokosnüsse anzubauen.

Es braucht nicht viel, um diese abenteuerlich gegen den Strich gebürstete Lesart zu entkräften. Es genügt ein Blick auf die heitere, ironisch-gespreizte Weise, mit der Kracht seinen Erzähler auf die wilhelminische Zeit loslässt. Da finden sich schwule Antisemiten gleichermaßen wie fettleibige Deutsche, die sich an ihrem Essen verschlucken, selbst die vom Spiegel inkriminierte Hauptfigur Engelhardt erscheint als Karikatur einer Heilsbringergestalt, die letzthin abgemagert und ohne Jünger auf einem Eiland in Neu-Pommern wahnsinnig wird. Man muss den manierierten Stil von Imperium nicht einmal mögen oder sonderlich großes Vergnügen daran haben, mit all seinen Anspielungen auf London , Stevenson, Thomas Mann , Hesse und Conrad eine Art literaturhistorisches Ostereiersuchen zu veranstalten: Dass es sich bei Krachts Abenteuerroman um eine lustvolle Parodie auf deutsche Erlösungsfantasien handelt, ist sehr schwer zu übersehen.

Trotzdem hat der Literaturbetrieb nun so etwas wie die obligatorische Frühjahrsrandale. Wurde nach Hegemann wohl wieder Zeit. Wie in Vorausahnung schrieb Peter Richter vor Erscheinen des Romans in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung : Man könne "Wetten abschließen, wann der erste Depp über das Stöckchen springt, das Krachts wichtigtuerischer Erzähler ihm hinhält, und Engelhardt, den Erzähler oder sogar Kracht selbst zum Nazi erklärt." Nun ist Georg Diez, der Autor des Spiegel -Textes, alles andere als ein Depp. Und obwohl man ihm an seinem durchaus als Abrechnung zu verstehenden Artikel vorwerfen kann, dass er Romanzitate aus ihrem parodistisch gedachten Zusammenhang nimmt: Unrecht hat er zunächst damit nicht, wenn – mit Verweis auf Krachts Korrespondenz mit dem Musiker David Woodard –  er dem Schriftsteller eine kokette Faszination fürs Totalitäre bescheinigt. Die Frage ist eben nur, was er mit dem Attest macht.

Gewundert haben sich auch andere immer wieder mal, was Kracht zum Beispiel auf den Spuren des Chefsatanisten Aleister Crowley suchte und zu finden glaubte. Was er meinte, als er Nordkorea einmal als eine gigantische Inszenierung bezeichnete. Und wieso er die Anschläge des 11. September 2001 in die Nähe des camp rückte. Das popkulturelle Quintett Tristesse Royal,  worin Kracht mitwirkte, endete mit einer Reise zu den Killing Fields in Kambodscha . Sein Roman 1979 beschreibt die heilsame Auslöschung eines wohlstandsverwahrlosten Europäers in einem chinesischen Umerziehungslager. Auf dem Erzählband Mesopotamia posiert er mit Kalaschnikow unter düsterem Tropenhimmel. Und so weiter.

Kurzum: Man kann Krachts zuweilen ästhetisierende, ironisch unverbindliche Ausflüge in die Herzen der Finsternis vergnüglich, irritierend oder auch geschmacklos finden. Von ihnen jedoch auf die tatsächliche politische Gesinnung des Autors zu schließen, sprengt zwar nicht den "Rahmen der Literaturkritik", wie Krachts Verlag etwas hysterisch wissen ließ , dient aber in diesem Fall vorrangig einem Zweck: der wohlfeilen Skandalisierung eines in anderer Hinsicht durchaus streitbaren Stücks Literatur. Diese scheint nun leider geglückt zu sein.