Schriftsteller Nizon, der geflüsterte Name
Der Schweizer Schriftsteller Paul Nizon gilt seit Jahrzehnten als literarischer Geheimtipp. Woran mag das liegen? Peter Henning hat ihn in Paris besucht.
Die Rue Campagne Première im 14. Pariser Arrondissement Montparnasse ist eine stille Straße. Und eine berühmte dazu. Die kleine lichte Stichstraße war in früheren Zeiten Wohnadresse und Zufluchtsort für Künstlergrößen wie Marcel Duchamp, Tristan Tzara, Francis Picabia oder Man Ray. Und nachdem er mehr als ein Vierteljahrhundert im ersten Pariser Bezirk zu Hause war, lebt dort inzwischen auch Paul Nizon.
Den 1929 in Bern geborenen Schweizer Schriftsteller mit russischen Vorfahren verschlug es nach längeren Aufenthalten in Zürich und London Ende der Siebziger nach Paris, wo er – von der Tageszeitung Le Monde für seine ins Französische übersetzten Werke als Verzauberer gepriesen – längst den Status eines Kultautors genießt. Frédéric Beigbeder nennt ihn unumwunden "einen der bedeutendsten lebenden Autoren unserer Zeit". Trotzdem gilt er vor allem in Deutschland noch immer als Geheimtipp, als Writer's Writer, als geflüsterter Name.
Woran mag es liegen, dass ein inzwischen 83-Jähriger hierzulande, wo seine Bücher seit 1963 in schöner Regelmäßigkeit im Suhrkamp Verlag erscheinen, noch immer im Status eines literarischen Außenseiters rangiert? Weil er sich in aller Regel einen Plot, also eine womöglich stringent verlaufende Geschichte, versagt und stattdessen lieber in seiner unnachahmlich schönen, unnachahmlich genauen Sprache "das Leben schreibt", wie Nizon selbst es nennt? Oder weil er sich strikt weigert, sein Schreiben den wechselnden Moden zu unterwerfen und nicht von vornherein das große Publikum im Auge hat?
"Ich habe mich schon früh ans Schreiben geklammert, um mich auszubalancieren", sagt Nizon. "Und das Balancehalten hält unvermindert an, denn ich bin ein Endlosschreiber, der wohl am Ende über der Maschine zusammenbrechen wird." Es stimmt: Seine Bücher sind nahezu durchweg selbstbezogen, dem eigenen Leben abgerungen. Doch wer die lebenstrunkenen Romane Hemingways oder die mexikanischen Delirien eines Malcolm Lowry ebenso mag wie die schwebenden Paris-Etüden eines Patrik Modiano, der müsste Nizon lieben. Denn auch bei ihm geht es um nicht weniger als alles: um die Kämpfe der Liebe, um die Sehnsucht nach einem anderen, besseren Leben und um den Kampf, den die tägliche Existenz mitunter bedeutet. Dass Nizon dabei seine ganz eigene Art von Beschwörung zelebriert, spricht nicht gegen seine Bücher: Hier wird der Leser vielmehr hautnah Zeuge einer spannenden, mit Worten betriebenen Anrufung des Lebens.
Die Tortur des Schreibens
So steht Nizon für eine Literatur, die sich elitär gibt und aus einer anderen Zeit zu kommen scheint. Jetzt ist der fünfte Band seiner opulenten Tagebuchreihe erschienen, Urkundenfälschung hat er ihn betitelt. Und wieder lockt der Autor seine Leser in den weiten Kosmos seiner sich hauptsächlich um die Tortur des Schreibens drehenden Reflexionen. Doch es finden sich darin auch wunderbar dichte Porträts von Kollegen, dazu blitzlichthelle Parisbilder, wie kaum einer sie aufs Papier zu werfen vermag.
"Ich habe immer geschrieben", sagt Nizon und bläst vergnügt Rauchwölkchen in die Luft. "Doch ich hatte vor allem Sprache, bevor ich ein Thema hatte!" Und bis heute scheint er auf der Suche danach zu sein. Nachdem er mehr als 30 Jahre in einer weitläufigen Wohnung am Palais Royal zu Hause war, lebt er seit einiger Zeit am Montparnasse, in einer Wohnung, die gerade mal Platz bietet für ein winziges Schlafzimmer und eine abstellkammergroße Küche. An den Wänden hängen die Plakate seiner früheren Lesereisen.
- Datum 23.02.2012 - 13:33 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Nizon ist der einzige Autor, den ich am Stück oder auch partiell lese.
Klassisch auf Seite 1 beginnend oder auch einfach Seite 95 aufschlagend.
Es gibt keine Seite, auf der nicht wunderbare Sätze zu entdecken sind.
Wer die Sprach liebt, muss Nizon verehren.
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