Social MediaDer Autor ist tot, es lebe sein Facebook-Profil

Auf der Jagd nach wertvollen Leserkontakten übertrumpfen sich Buchverlage in sozialen Netzwerken. Erfolgreich ist die Strategie bisher nur im Unterhaltungssegment. von Astrid Herbold

Hermann Hesse ist jetzt auch bei Facebook. Sein Verlag hat die Sache für ihn eingefädelt. Ab März werden 30 Tage lang auf der Seite "Hesse antwortet" Briefe gepostet, die Hesse einst an seine zeitgenössischen Leser geschrieben hatte. Facebook-Nutzer sollen laut Suhrkamp Verlag , "per like oder Kommentar" auf Hesses Post reagieren. Am Ende der Werbeaktion steht wiederum ein Buch: "Die beliebtesten Briefe, ergänzt durch Bilder und Kommentare der Facebook-Fans" will Suhrkamp in einem Buch herausgeben.

Es ist auffällig, wie stark die Publikumsverlage derzeit ums netzaffine junge Publikum werben. Da wird getwittert, da werden in den einschlägigen sozialen Netzwerken Verlosungen ausgerufen oder bei YouTube Buchtrailer lanciert. Selbst ein Googleplus-Profil unterhält mittlerweile von Aufbau über Diogenes bis Reclam fast jeder in der Branche. Die Inhalte variieren nur leicht: Es geht um Veranstaltungen und Neuerscheinungen, gelegentlich darf das interessierte Publikum auch mal bei einer Covergestaltung mitreden.

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Trotz aller Interaktionsangebote sind die Reichweiten der Kanäle überschaubar – wenige hundert bis ein paar Tausend Follower, mehr sind es selten. Wenn man davon noch die Verlagsmitarbeiter und Autoren abzieht, die die eigenen Angebote vermutlich brav mitklicken, bleiben manchmal nur ein paar Dutzend interessiert Nutzer übrig.

In den Marketingabteilungen der Verlage will man solche Häme nicht auf sich sitzen lassen. "Wir probieren viel aus", sagt Caroline Lauth vom S. Fischer Verlag , "aber wir schauen auch sehr genau hin, was etwas bringt." Erfolgreich eingestiegen ist der Verlag 2009 mit einer Plattform zur Vampir-Bestsellerreihe House of Night . Die Community hat mittlerweile 40.000 aktive Mitglieder, die sich in Foren austauschen und gleichzeitig mit allerlei Gewinnspielchen und "geheimem" Vampirwissen bei der Stange gehalten werden. "Im Bereich Unterhaltungsliteratur", sagt Lauth, "funktionieren interaktive Social Media Angebote einwandfrei." In der Sparte, in der Wiedererkennbarkeit kein Makel und erfüllte Lesererwartungen Teil des Erfolgsrezepts sind, finden die Leser bestenfalls vom Buch ins Netz und vom Netz ins nächste Buch.

Noch günstiger auf die langfristige Kundenbindung wirkt es sich aus, wenn nicht nur das Buch oder der Verlag, sondern auch der Autor selbst sichtbar und ansprechbar ist. In vielen Häusern wird deshalb mittlerweile mit sanftem Druck nachgeholfen, um den Autoren zu einer eigenen Website und zum persönlichen Facebook-Profil zu verhelfen. "Wir zwingen niemanden", sagt Marco Verhülsdonk von Kiepenheuer & Witsch, "aber wir besprechen das Thema mit jedem Autor." Beim Fischer Verlag klingt das ähnlich: "Wir unterstützen unsere Autoren bei ihren Onlineauftritten, übernehmen auch mal die Urlaubsvertretung bei Facebook oder Twitter", sagt Lauth. Auch bei Hanser will man nicht von Zwang sprechen, "aber wir versuchen schon ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen", sagt die Community-Managerin Frauke Vollmer. Gerade erst hat der Hanser Verlag seine Autoren zu einer Social-Media-Schulung eingeladen.

Nicht alle sind willig, ihre neuen repräsentativen Pflichten im Netz auch wahrzunehmen. Einige Autoren delegieren das persönliche Onlinemarketing lieber komplett an ihre Verlage, die Seite von Uwe Timm stammt von dtv, die von Daniel Glattauer betreibt der Paul Zsolnay Verlag. Andere dagegen interagieren freiwillig und aus voller Überzeugung. Sibylle Berg ist mit ihren schnoddrigen Einwürfen und Repliken ein Star bei Twitter : "lasst uns versprechen, uns zwischen die lichter zu schiessen, sollten wir in versuchung geraten, unsere autobios zu schreiben." Der Bestseller-Autor Tommy Jaud hat sich für einen Kompromiss entschieden: Auf seiner Facebook-Seite posten abwechselnd er und sein Verlag. Die Fans stört das nicht, Hauptsache, das nächste Buch kommt bald. "Hau rein Alter das de fertig wirst", schreibt ein Leser. 852 andere wünschen sich das auch.

Leserkommentare
  1. wie kauft man denn bitt autoreneinträge von der wikipedia? die stehen unter cc-lizenzen - dafür muss weder facebook noch sonst jemand etwas bezahlen.

    Eine Leserempfehlung
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    Ja gut, sie ÜBERNEHMEN die Texte ggf. auch einfach gratis. Das ändert aber nichts am von mir beschriebenen Problem!

  2. interessant, dass ausgerechnet die autoren-blogs hier fehlen (ich denke z.b. an benjamin stein, oder natürlich alban nikolai herbst): ist das nicht auch social-media-aktivität?

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    ... Funktion als ein vom Verlag installierter/betreuter Facebook-Account, zumindest in der Regel: Hier veröffentlichen Autoren in der Regel genau das, wovon die Verlage nichts wissen wollen. Ein Autorenblog ist doch eher eine Gedankenspielwiese als ein Marketinginstrument. Gerade Alban Nikolai Herbst wäre dafür ein Paradebeispiel. Die "sozialen" Aktivitäten der Verlage auf Facebook machen doch vor allem eines sichtbar: Dass Facebook mehr und mehr zu einem reinen Marktinstrument wird - Daten sammeln und möglichst zielgenau verteilen.

  3. eine Wette: gibt es Facebook noch in 10 Jahren oder nicht? Ich tippe: nein!

    Eine Leserempfehlung
  4. Ja gut, sie ÜBERNEHMEN die Texte ggf. auch einfach gratis. Das ändert aber nichts am von mir beschriebenen Problem!

    Antwort auf "wp-lizenzen?"
    • reineke
    • 06. Februar 2012 16:03 Uhr

    auf fb damit die Produktion nicht unterbrochen wird,
    es lebe das Bruttosozialprodukt
    Zitat:
    "Hau rein Alter das de fertig wirst", schreibt ein Leser. 852 andere wünschen sich das auch.
    kurz überflogen,Senf drauf und fertig ?

  5. ... Funktion als ein vom Verlag installierter/betreuter Facebook-Account, zumindest in der Regel: Hier veröffentlichen Autoren in der Regel genau das, wovon die Verlage nichts wissen wollen. Ein Autorenblog ist doch eher eine Gedankenspielwiese als ein Marketinginstrument. Gerade Alban Nikolai Herbst wäre dafür ein Paradebeispiel. Die "sozialen" Aktivitäten der Verlage auf Facebook machen doch vor allem eines sichtbar: Dass Facebook mehr und mehr zu einem reinen Marktinstrument wird - Daten sammeln und möglichst zielgenau verteilen.

    Antwort auf "autoren-blogs"
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    erst reden Sie von Lizenzrechten von denen Sie anscheinend keine Ahnung haben und dann verheben Sie sich auch noch mit Ihren Ausführungen zu Marketing und Blogs.
    Ein Blog im Netz ist natürlich ein Marketinginstrument im 21. Jahrhundert. Besonders für Individuen.

  6. erst reden Sie von Lizenzrechten von denen Sie anscheinend keine Ahnung haben und dann verheben Sie sich auch noch mit Ihren Ausführungen zu Marketing und Blogs.
    Ein Blog im Netz ist natürlich ein Marketinginstrument im 21. Jahrhundert. Besonders für Individuen.

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  • Schlagworte Autor | Hermann Hesse | S. Fischer Verlag | Amazon | Hanser Verlag | Michael Krüger
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