Roman von Tom Bullough: Zu früh dran für die Weltgeschichte
Der Weltraum und Ziolkowskis fleckenloses Gemüt: Der britische Autor Tom Bullough widmet dem Vater der russischen Raumfahrt einen unterhaltsamen Roman.
Nicht mal der Schnee ist in diesem Roman weiß. Er ist oft fäkaliengelb oder -braun, meistens zertrampelt oder von Schlitten zerfahren, und vor allem ist er immer da. Deshalb ist Konstantin, dem Protagonisten, auch immer kalt. Dreck macht ihm nicht so viel aus, an den ist er seit Kindertagen gewöhnt. Doch warm wird es in seinem Leben Jahrzehnte nicht.
Über Konstantin Ziolkowski, diesen visionären Wissenschaftler, der aus der Kälte kam, hat der Engländer Tom Bullough einen frostigen Roman geschrieben. Er heißt Die Mechanik des Himmels und da man zuvor noch nie etwas über einen Konstantin Ziolkowski gehört hat, gibt der Titel wenigstens einen Hinweis auf das Betätigungsfeld des bärtigen Waldschrats auf dem Cover: Er ist der Vater der russischen Raumfahrt, im Jahr 1903 bekannt geworden durch die Raketengrundgleichung. Ob man etwas über ihn wissen muss, steht zunächst dahin, nach der Lektüre kann die Antwort jedenfalls nur uneingeschränkt ja lauten.
"Über all dem war die Wolga eine gefrorene Unendlichkeit, an der Männer und Pferde in Miniaturgestalt unter dem gewaltigen wolkenzerkratzten Himmel entlanggingen. Linker Hand kam die kleine Oka wie ein armer Cousin aus dem Süden an und trennte die Stadt von den Plätzen. Am Kopf der Halbinsel erhoben sich die halb fertigen Dächer einer Kathedrale. Durch die weiten Felder zog sich ein winziges Paar paralleler Linien, und gerade als Kostja hinsah, verließ der Zug nach Moskau den Bahnhof: der östlichste Endbahnhof des ganzen Schienennetzes."

In dieser leeren weißen Weite wächst der kleine Kostja, Sohn eines polnischen Priesters und einer Tartarin, gemeinsam mit sieben Geschwistern auf. Mit zehn Jahren erkrankt er an Scharlach, in der Folge bleibt er schwerhörig. Kurze Zeit später stirbt seine Mutter. Doch weder klagt Kostja darüber noch verzweifelt er. Seine Rettung sind Technik und Mathematik, zu denen er seit Grundschultagen Zuflucht sucht. Doch in einer Umgebung, in der gute Männer Bäume fällen und nicht zum Himmel schauen, bleibt der kleine Konstantin ein Außenseiter.
Geliebt wird er nur von seiner Familie und vor allen Dingen von seinem Erzähler, der ihn als reinen und aufrichtigen Jungen und jungen Mann darstellt, dem nie ein unmoralischer Gedanke kommt, der nie zornig wird. Stattdessen unternimmt der pubertierende Konstantin trigonometrische Studien in seiner Heimatstadt, während derer er glotzende Mädchen gedanklich zu einem "universellen Mosaik aus Kreisen, Rhomben, Trapezen und Dreiecken" auflöst, damit sie ihn nicht nerven.
Es scheint, als müsste der Autor Tom Bullough dauernd die verkommene, schmutzige Außenwelt des Zarenreichs mit dem fleckenlosen Gemüt des jungen Wissenschaftlers kontrastieren, damit es auch jeder Leser bemerkt. Überraschenderweise nervt die Methode nicht, weil Bullough für beide Welten so klarschöne Worte findet:





"da man zuvor noch nie etwas über einen Konstantin Ziolkowski gehört hat"
Naja, das ist nun wirklich ein sehr bekannter Mann.
Aber egal, das Buch klingt sehr interessant, danke für den Tipp und die kurze Besprechung, die neugierig macht.
Dem Artikel merkt man deutlich an, aus welcher Hälfte Deutschlands die Autorin stammt, denn im Osten ist Ziolkowski allein deswegen schon kein Unbekannter, weil es in nahezu jeder größeren Stadt eine Straße gibt, die nach ihm benannt ist.
Gut, dass es jetzt einen Roman über ihn gibt und so auch der westliche Teil des Landes vielleicht bald endlich mit diesem Namen etwas anzufangen weiß.
... den ersten beiden Kommentaren anschließen. Tsiolkowsky sollte beileibe kein Unbekannter sein und kann auch wohl kaum nur als Vater der russischen, sondern vielmehr als der der Raumfahrt als solches bezeichnen werden.
Ansonsten eine sehr hilfreiche Rezension des Buches. Ich denke, es lohnt sich, einen Blick darauf zu werfen.
@Kommentar #2:
Ich denke nicht, dass es sich bei dem Bekanntheitsgrad Tsiolkowskys in Deutschland um ein Ost/West Problem handelt (das mache ich an meinem eigenen Beispiel fest), sondern eher darum, dass seine Leistungen nur für entprechende Kreise wirklich interessant sind.
Man muss dennoch festhalten, dass es im Osten bis heute sehr viele nach ihm benannte Straßen gibt und er dort auch, zumindest bis zum Jahr 8 nach der Wende (wie es heute ist, kann ich leider nicht beurteilen) beispielsweise fester Bestandteil des Schulunterrichts war. Aus diesem Grund kann man vermutlich davon ausgehen, dass Ziolkowskis Bekanntheitsgrad vollkommen interessenunspezifisch im Osten höher ist.
Man muss dennoch festhalten, dass es im Osten bis heute sehr viele nach ihm benannte Straßen gibt und er dort auch, zumindest bis zum Jahr 8 nach der Wende (wie es heute ist, kann ich leider nicht beurteilen) beispielsweise fester Bestandteil des Schulunterrichts war. Aus diesem Grund kann man vermutlich davon ausgehen, dass Ziolkowskis Bekanntheitsgrad vollkommen interessenunspezifisch im Osten höher ist.
Man muss dennoch festhalten, dass es im Osten bis heute sehr viele nach ihm benannte Straßen gibt und er dort auch, zumindest bis zum Jahr 8 nach der Wende (wie es heute ist, kann ich leider nicht beurteilen) beispielsweise fester Bestandteil des Schulunterrichts war. Aus diesem Grund kann man vermutlich davon ausgehen, dass Ziolkowskis Bekanntheitsgrad vollkommen interessenunspezifisch im Osten höher ist.
Liebe Christina,
nachdem mir vor kurzem eine Gruppe gebildeter(!) junger Leute zu verstehen gab, dass sie mit dem Begriff "Baader-Meinhoff" nichts anzufangen wüssten, schreckt mich nichts mehr. :-)
Ich sehe es Ihnen also nach, dass Sie mit dem Namen Ziolkowski (und wahrscheinlich auch mit Oberth oder Goddard) nichts anzufangen wussten. Dennoch sage ich Ihnen voraus, dass diese Namen noch in 1000 Jahren einen hohen haben werden. (Der Eintrag von Ziolkowski in der Britannica z.B. ist sogar etwas umfangreicher als der von Willy Brand!)
Man kann auch nicht sagen, dass "er für die Weltgeschichte etwas zu früh gekommen ist." Die Zeit war reif für seine Ideen, die jedoch zunächst nicht in Russland selbst sondern in Peenemünde realisiert wurden, fast noch zu seinen Lebzeiten.
Ich halte es nebenbei bemerkt nicht für sinnvoll, für (bahnbrechende) Wissenschaftler ein "fleckenloses Gemüt" zu postulieren. Sie alle waren auch ein Produkt ihrer Zeit wie andere auch, wie das Genie John von Neumann, der die Atombombe für die Amerikaner optimierte oder Wernher von Braun, der den Nationalsozialisten die erste Großrakete baute.
Alle sind es auch heute noch wert, dass man Straßen nach ihnen benennt.
Herzlichst Crest
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