Auf der Buchmesse: Kracht! Ja! Er liest!
Keine Fragen oder Fotos: Christian Kracht flüstert sich in Leipzig durch seinen Roman "Imperium". Am lautesten war das Kratzen der Journalistenstifte.
Am Ende stehen sie Schlange. Menschen zwischen 20 und 70 mit dem weinrotgebundenen Buch in den Händen, über das gerade alle reden, und warten auf den Autor, über den gerade alle reden: Christian Kracht signiert, höflich, streng frisiert, mit dem Anflug eines Lächelns. Zuvor, am Nachmittag, hatten Gerüchte noch manch einen in den Messehallen aufgescheucht. Kracht habe alles abgesagt, es gäbe keine Interviews, keine Termine auf den roten und blauen Sofas und auch keine Lesung in der Albertina-Bibliothek, immerhin die erste in Deutschland, seit des Artikels im Spiegel und der anschließenden Feuilletondebatte über Krachts angebliche rechte Gesinnung.

Wege zur deutschen Literatur
So telefonierten manche Kollegen etwas hektisch herum, schließlich habe man, schließlich wolle man doch nur, schließlich sei er überhaupt schon in Leipzig gesichtet worden, auf der Eröffnung, heimlich kästnerlesend und später am Stand von Kiepenheuer und Witsch, an dem er ohne besondere Zwischenfälle gesessen habe. Der Verlag beschwichtigte bald, Interviews nein, Lesung ja, früh da sein, wird voll. Fotos und Fragen an den Autor sind verboten, Bitte um Verständnis. Vor der ehrwürdigen Albertina-Bibliothek hängen erwartungsgemäß keine empörten Transparente. Drinnen warten vereinzelt Tweed und Einstecktüchlein, die Groupies und höheren Söhne, für die Kracht nicht nur ein Autor ist, sondern auch Stilikone, weil er einst über Barbour-Jacken geschrieben hat (Faserland) und über Schuhe, die mit Krugchampagner zu putzen seien (1979), und das hat man nun davon.
Weil so was immer von so was kommt, und weil Flötengesäusel und Geigengejammer im Bibliothekssaal anheben, flüstern manche Besucher: "Wagner, oder?" Bevor jedoch ein unanständiges Kribbeln sich weiter ausbreiten kann, sagt eine offenbar klassikkundige Besucherin, nein, ganz sicher nicht, wer genau, keine Ahnung, für Wagner jedenfalls viel zu lieblich. Und nach einer Kürzesteinführung des Verlegers Helge Malchow und des Literaturwissenschaftlers Johannes Birkfeld beginnt Kracht zu lesen.
Er wolle weniger von August Engelhardt erzählen, dem sonderbaren Kokosnussjünger, dessen trauriges Südseeleben Kracht in Imperium ausfantasiert. Er wolle von anderen Figuren berichten, von dem Musiker Lützow etwa, spricht er mit angenehm belegter Stimme, sehr leise, wie Kracht nun einmal spricht und vorliest. Die Affektlage im Saal schwankt zwischen konzentriert und tiefentspannt, unterbrochen nur durch das Kratzen der Journalistenstifte und Schriftstellergeräusper.
So gestimmt folgt man Krachts mäandernden Satzgirlanden, in denen "ektoplasmisches Wabern", "Anti-Klimaktisches", das "Fluidum ihrer Gelenkigkeit" und "Tränen, die nach Eisen schmecken" herumbaumeln, alles gleich unpointiert vorgetragen, sodass einige Gäste wahllos nach Formulierungen schnappen, um überhaupt einmal etwas lustig zu finden. Da reichen dann auch eine "ingwerfarbene Katze" oder ein Herz, das "weich ist wie Kautschuk", um das eigene zu wärmen. Krachts Buch soll schließlich ironisch sein, also unterhaltsam, was der Autor eisern oder vornehm unterliest, und so leise, dass ihm bald ein junger Mann mit gebotenem Sicherheitsabstand eine Anweisung auf den Tisch legt, vermutlich: "Etwas lauter, bitte." Was es danach auch wird.

David Hugendick ist Redakteur im Ressort Kultur bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.
In Zürich habe Kracht noch geraucht, berichten alle, die da waren, Zigaretten der Marke Salem. In Leipzig fehlt diese zusätzliche Eventkomponente natürlich, zumal in so einer leicht entflammbaren Umgebung. Wer in den Krachtschen Hypotaxen kurz innehalten und zu sich kommen will, kann den Saal auswendig lernen, der ist wirklich schön: antike Buchmagazine, Buchrücken in grün und blau, ein in goldgerahmter Johann Sebastian Bach nebst anderer Damen und Herren mit Perücken und Wikipedia-Eintrag, sandgelbgemauerte Wände, Krachts Wasserflasche hat einen roten Deckel und ist recyclebar. Und für diejenigen, die es wirklich wissen möchten: Der Autor selbst trägt eine schwarze Jacke, einen grauen Pullover, eine helle Hose und ein blassblaues Hemd, alle Angaben ohne Gewähr, das Licht ist angemessen gedimmt.
So wie die Stimmung hinterher, als viele Gäste augenscheinlich etwas ermattet zu den Verlagsparties aufbrechen, während das ZDF-Kamerateam noch um ein paar Besucherworte kämpft. Wie die klangen, war aus der Ferne nicht mehr zu vernehmen. Aber von Nazis oder dergleichen kam bestimmt nichts vor.







Ich kann den Journalisten nur raten, diesen Roman vorher zu lesen!!!
Eine journalistische Posse, mehr kann man dazu nicht schreiben.
Der antisemtische Hintergrund erschöpft sich darin, dass sich der ausgehungerte, zunehmend wahnsinnige und lepröse Held am Ende des Buches, die Feindschaft des Inselgouverneurs und anderer Ptotagonisten damit zu erklären versucht, dass es Juden seien.
Man muss schon ein ziemliches Brett vor dem Kopf haben, um den Autoren deshalb eine rechte Gesinnung zu unterstellen.
Herr Kracht sollte sich bei den ignoranten Schmierfinken in den Kulturredaktionen für die kostenlose PR bedanken. Ich hätte mir das Buch sonst nicht gekauft, weil ich seinen Schreibstil furchtbar finde.
Ich kannte vorher nur "1979" von ihm, das mich auch nicht besonders begeistern konnte, obwohl es so hervorragende Kritiken hat. Ohne den Hype hätte ich mir deshalb "Imperium" nicht zugelegt, obwohl ich alleine schon die Geschichte von Engelhardt sehr interessant finde.
Ich kannte vorher nur "1979" von ihm, das mich auch nicht besonders begeistern konnte, obwohl es so hervorragende Kritiken hat. Ohne den Hype hätte ich mir deshalb "Imperium" nicht zugelegt, obwohl ich alleine schon die Geschichte von Engelhardt sehr interessant finde.
...Sie finden den Schreibstil des Autors furchtbar und haben sich sein Buch nur gekauft weil ihm eine rechte Gesinnung angedichtet wurde?
Das verwirrt mich zunächst ein wenig.
Als nebensächliche Bemerkung sei noch hinzuzufügen dass auch ich den Schreibstil von Herrn Kracht furchtbar (verschwurbelt) finde. Aber sein Buch habe ich mir dann doch nicht gekauft.
Ich hab mir das Buch wegen dem ganzen Trara und dem verführerischen Umschlag gekauft, es gelesen und jeden Satz genossen.
Danke für das ganze Trara :)
Ich kannte vorher nur "1979" von ihm, das mich auch nicht besonders begeistern konnte, obwohl es so hervorragende Kritiken hat. Ohne den Hype hätte ich mir deshalb "Imperium" nicht zugelegt, obwohl ich alleine schon die Geschichte von Engelhardt sehr interessant finde.
Er liest! Wirklich! Toll!
Wäre es so schlimm, wenn er nicht läse?
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