Christiane Rösinger eilt nicht gerade der allerfröhlichste Ruf voraus. Ihre frühere Band, die Lassie Singers, waren ein verlässlicher Quell wütender Pamphlete gegen Pärchen, Männer und Karriere. Wenn die Lassie Singers sich überhaupt für etwas begeistern konnten, dann für Tristesse, Regenwetter oder den Hamburger Albersplatz. Mit ihrer zweiten Band, Britta, besang Rösinger in ständigem Moll die Grausamkeit von Arbeitswelt und Existenzängsten. Und ihr 2010 erschienenes Soloalbum Songs of L. and Hate war, nach Rösingers eigenen Angaben, das "traurigstes Album aller Zeiten".

Doch Rösinger, vor mehr als 50 Jahren im badischen Rastatt geboren und seit 1984 in Berlin-Kreuzberg zu Hause, ist sehr vergnügt. Bei einem großen Glas Spezi sitzt sie im Weltrestaurant Markthalle und ist so gar nicht mürbe, zeternd, ungemütlich. Grund dazu gibt es, wenn man Rösingers Liedern und ihrem aktuellen Buch glauben mag, natürlich keinen.

Das neueste Album der meist grantigen Grand Dame des charmant scheppernden Chansons war in der Tat tieftraurig. Und das neue Buch heißt wenig aufmunternd Liebe ist oft überbewertet . Darin versucht Rösinger genau das darzulegen: Warum das Leben auch ohne blöde "romantische Zweierbeziehung" (von der Autorin als RZB abgekürzt) ganz schön sein kann, und warum Pärchen doof und Beziehungsratgeber bescheuert sind.

Das Buch wird im Untertitel zwar als Sachbuch angekündigt, ist aber über weite Strecken angenehm unsachlich. Rösinger stänkert gegen die RZB, plaudert aus ihrem Leben, räsoniert über Einsamkeit und Zweisamkeit anhand von tragischen Prominenttrennungen und kämpft sich durch die Welt der Beziehungsratgeber, von Single-Küche mit Aldi bis Stell’ dir vor du bist Single – und keiner merkt’s .

Ein bisschen Eva Illouz , ein bisschen Engels Kritik an der monogamen, bürgerlichen Ehe und ein bisschen Fromms Die Kunst des Liebens , vielmehr braucht Rösinger nicht an theoretischem Fundament um festzustellen, dass Romeo und Julia ja bloß European Rich Kids ohne Geldsorgen gewesen seien, und das Pärchen an sich "eigentlich eine ganz niedrige Lebensform" und "in der Artentabelle nur knapp über dem Einzeller oder dem Pantoffeltierchen" zu finden sei.

Weder das Thema noch der Titel des Buches sind vollkommen neu. Nicht in der ewigen Diskussion um die Zweisamkeit und auch nicht in Rösingers Schaffen. Ein gutes Dutzend Lieder über die "heterosexuelle Zwangsmatrix" hat sie in den vergangenen 25 Jahren geschrieben, darunter solche mit so herrlichen Titeln wie Die Pärchenlüge , Ich glaub’ ich hab’ ein Faible für Idioten und eben Liebe wird oft überbewertet . Textprobe: "Pärchen stinken, Pärchen lügen, Pärchen winken und fahr’n nach Rügen ." Schon 1999 schrieb Thomas Groß in der ZEIT über Rösingers Band Britta , sie hätte "Erfahrungen mit Männern gemacht, nur leider nicht die besten".

Rösinger freut sich, dass sie den ganzen Ballast, den Männer, Gesellschaft und Frauenmagazine an eine erwachsene Frau herantragen, hinter sich gelassen hat. Sie sitzt in der Ecke des Berliner Lokals, lächelt verschmitzt und erzählt von der Liebe, als hätte sie gerade eine ebenso langweilige wie unsinnige Aufgabe ad acta legen können. Oder ein lästiges Laster aufgegeben.

Karriere ist nur Stiefelleckerei

"Liebe ist wie eine Droge", sagt Rösinger dann auch. "Am Anfang ganz toll, aber auf Dauer tut’s einem nicht gut und man ist deprimiert. Und dann sollte man damit aufhören." Nun ist der Sermon gegen das Trugbild der Liebe ein Klassiker aller Herzgebrochenen und daran dass Christiane Rösinger zu ihnen gehört, daran lässt ihr neuestes Album wenig Zweifel. "Es ist das alte Spiel und eine Frage der Zeit", heißt es da "auf all den Kummer folgt bald Hass und Verachtung und ein kleines Lied das bleibt."

Und so ist tatsächlich weniger interessant, was sie da formuliert. Vielmehr wie sie es tut. Der besondere Charme ihrer Auslassungen zur vermeintlichen Pärchenlüge liegt auch nicht in überraschenden oder neuen Erkenntnissen, sondern in der großen Freude an der schlechten Laune und in Rösingers sagenhaften Talent zum eingängigen Slogan. Es geht Rösinger dabei nicht allein um die Liebe, sondern um Trugbilder jeder Art . Karriere ist da nur ein anderes Wort für Stiefelleckerei und Erfolg ein Euphemismus für Selbstausbeutung.

"Das ist auch ein Reflex gegen diese allgemeine Begeisterungsmeierei, die viele Jüngere haben", sagt sie. "Auch dieses ständige 'Berlin ist so toll' – das finde ich alles zum Kotzen. Und zwar aus Prinzip. Mir ist schon wichtig zu zeigen dass ich kein Jubelperser bin."

Irgendwo im weiten Feld zwischen Kapitalismuskritik, jüngerem Feminismus und generellem Unbehagen am Zeitgeist findet Rösinger ihr Publikum. Das ist allein deshalb verblüffend, weil sie ohne Weiteres eingesteht, auch nur gute Fragen, aber keine besseren Antworten zu haben. "Dann kommen nach einem Konzert junge Mädchen zu mir und erzählen, wie wichtig meine Musik für sie war und wie viel Selbstbewusstsein sie daraus gezogen haben", erzählt sie, selbst etwas verblüfft. "Und ich denke nur: Wenn du wüsstest wie chaotisch mein Leben ist." Aber das sind ja nicht unbedingt schlechte Neuigkeiten.