H. S. ThompsonGonzo, zum Teufel!

Hunter S. Thompson erfand vor mehr als 40 Jahren die durchgeknallte Spielart des "New Journalism". Wie es dazu kam, erklärt ein Interviewband. von Frank Schäfer

Die Zeit, da die amerikanischen Verhältnisse wirklich zu tanzen schienen, ist schon fast wieder vorbei, als Hunter S. Thompson zu einer literarischen Kühlerfigur der Counterculture avanciert. Man kannte ihn bereits als unerschrockenen Beobachter der Hell’s Angels. Die Großreportage bescherte ihm seinen ersten Bestsellererfolg. Bald darauf stagniert seine Karriere. Und als er den Parteitag der Demokraten in Chicago im August 1968 besuchte, wo die Demonstranten und auch alle Journalisten in ihrer Nähe von Polizei und Nationalgarde zusammengeknüppelt wurden, kam ihm auch das heimelige Gefühl abhanden, Teil einer famosen Jugendbewegung zu sein.

Aber dann wendet sich das Blatt. Seine mit einem ersten langen Stück für den Rolling Stone , seinem späteren Hausmagazin, eingeleitete, karikatureske Kandidatur als Sheriff in seiner Heimat in Colorado verschafft ihm ein enormes Echo. Der Schriftsteller James Salter bringt ihn auf die Idee, das traditionelle Pferderennen in Kentucky , ein Sportereignis ersten Ranges in den USA , aufzumischen.

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© Edition Tiamat

Warren Hinkle, Herausgeber des Scanlan’s Magazine , beauftragt ihn mit einer Reportage, Ralph Steadman wird als Karikaturist engagiert, und nun beginnen die Probleme, die letzthin so etwas wie ein neues journalistisches Genre hervorbringen: Gonzo. Thompson hat zeitlebens über die Entstehung dieser Legende Auskunft geben müssen, einige seiner bekanntesten Interviews sind in dem gerade erschienenen instruktiven Auswahlband Kingdom of Gonzo versammelt. Hier kann man nun noch einmal ganz schön nachlesen, wie alles beginnt.

Er reißt die Seiten aus dem Notizbuch

Steadman und Thompson sehen sich um beim Derby. "Ungefähr zwei Tage später hatte Ralph seine Zeichnungen fertig, und ich blieb, um die Story zu schreiben, kriegte aber nicht viel auf die Reihe." Denn einmal mehr hat die Exekutive hart zugeschlagen. Während einer Demonstration an der Kent State University schießen Nationalgardisten auf Studenten, vier sterben, neun werden verwundet. Das "war alles, worüber ich noch nachdenken konnte. Also flog ich schließlich nach New York , und da fing die Angst an."

Eine nicht zuletzt drogeninduzierte Schreibblockade. "Ich lag also in der Badewanne in diesem schrecklichen Hotel. Ich hatte eine Suite mit all den Dingen, die ich brauchte – mit einer Ausnahme: ich konnte nicht abhauen. Nach drei Tagen, in denen ich nicht mehr als zwei Seiten schaffte, nahm dieses Angst/Niedergeschlagenheits-Syndrom noch zu, und das engt dich nun völlig ein. Jede Stunde schickten sie mir Boten auf den Hals, die nachgucken sollten, was ich geschafft hätte, und da steigerte sich der Druck wie der Ton einer Hundepfeife. Du konntest es nicht hören, aber es war überall."

Schließlich reißt er einfach Seiten aus seinem Notizbuch heraus und gibt sie dem Kopierboten, der sie zur Redaktion faxt. "Als ich dem Botenjungen die erste gegeben hatte, dachte ich, das Telefon würde jede Minute läuten und jemand, der das Ding im New Yorker Büro zu redigieren hatte, würde einen Sturzbach von Beschimpfungen über mich ausschütten. Ich setzte mich hin und machte den Fernseher an. Ich wartete, daß die Kacke zu dampfen anfing ... stattdessen kam der Bote fast augenblicklich zurück und wollte mehr." Also macht er weiter, ergänzt nur gelegentlich ein paar handschriftliche Einschübe – "ich benutzte die Schreibmaschine gar nicht mehr – und schickte Seite für Seite aus meinem Notizbuch, und Hinckle war natürlich happy wie zwölf junge Hunde."

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    • Schlagworte Hunter S. Thompson | Annie Leibovitz | James Salter | Jugendbewegung | USA | Boston
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