Der Schriftsteller Péter Esterházy © Dan Wesker/Berlin Verlag

ZEIT ONLINE: Herr Esterházy, reden wir über Fußball!

Péter Esterházy: Oh, ich bin dem Fußball schon etwas untreu geworden.

ZEIT ONLINE:  Wieso denn das?

Esterházy: Das hat mit der Zeit, also mit mir, und mit dem ungarischen Fußball zu tun. Der ist in einem so schlechten Zustand, dass es mir schwer fällt, meine Schlachtenbummlerreflexe lebendig zu halten. Ich war auch früher kein richtiger Fan. Weil ich, das sage ich ganz bescheiden, ein Spieler war. Mein Blick ist ein Spielerblick. Der ist sehr begrenzt, anders als der Schriftstellerblick. Ich sehe Fußball nicht als gesellschaftliches Phänomen. Ich sehe nur dieses Spiel.

ZEIT ONLINE:  Was sehen Sie dann?

Esterházy: Ich sehe den FC Barcelona und denke: Was für ein Wunder! Wie kann eine Mannschaft gegen einen großen Gegner einen Ballbesitz von 75 Prozent haben. Wenn unsere Mannschaft damals in der Schule überlegen war, hat sie den Ball versteckt . Barcelona kann das auf höchstem Niveau. Der Gegner sucht und sucht und findet nichts.

ZEIT ONLINE: Ja, erst neulich gegen Leverkusen. 7:1.

Esterházy: Ach, ich habe zu spät erfahren, dass das Spiel hier in Budapest übertragen wurde. Als ich dann eingeschaltet habe, konnte ich nur noch die Weisheit von Franz Beckenbauer hören. Ein schönes Phänomen! Ein grenzenlos großer Spieler, aber sonst mit Grenzen geschmückt.

ZEIT ONLINE: Welche Position haben Sie damals gespielt?

Esterházy: Meistens vorne rechts. Also weder viele Tore geschossen, noch richtig verteidigt. Ich hatte die Nummer 8. Zu dieser Nummer habe ich noch immer ein lustiges Verhältnis. Wenn ich sie sehe, ist das ein gutes Gefühl. Sie ist wie die Madeleine bei Marcel Proust .

ZEIT ONLINE: Kaum jemand hat Literatur und Fußball so verbunden wie Sie. Von ihnen stammt der Satz: Wenn ich nicht gelesen habe, spielte ich Fußball.

Esterházy:  Fußball war für mich eine reiche, soziale Erfahrung. Ich saß in meinem Zimmer und wenn ich nicht gelesen habe, habe ich Fußball gespielt. Dadurch habe ich Räume kennengelernt, in denen ich sonst nicht gewesen wäre. Ich bin einigermaßen stolz, dass ich mich auf einem Fußballplatz richtig benehmen kann. Das ist nicht einfach. Ein sogenannter Intellektueller kann sich dort sehr fremd und falsch aufführen.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie dort gelernt?

Esterházy: Viel über die problematische Beziehung zwischen Ich und Wir. Ich fürchte, darüber habe ich schon geschrieben.

ZEIT ONLINE: Das macht nichts.

Esterházy : Eine Fußballmannschaft ist ein optimales Beispiel des Verhältnisses von Person und Gemeinschaft. Du kannst nur dann gut sein, wenn alle gut sind. Es ist Widerspruch in sich zu sagen: Ich war gut, aber die Mannschaft war schlecht. In Keine Kunst habe ich versucht zu schreiben , wie das ist, wenn man keine Worte für seine Gefühle hat. Was bedeutet diese Grobheit der Sprache? Diese Grobheit verdeckt etwas, Schmerz oder Angst, auf dem Platz wird einfach Fuck You gesagt. Wenn man Ohren dafür hat, weiß man: Nicht zurückreden, sondern zusammen ein Bier trinken. Auch meine pubertäre Einsamkeit wurde dadurch milder.