Aufgeregt sind sie alle. Die Gründer von Quote.fm genauso wie die von Readmill , ebenso wie die Pressesprecherin von Amazon . Schließlich geht es um nichts weniger als eine Revolution. Die Revolution des Lesens. " Why make a book digital and not make it shareable ?" fragt die freundliche Frauenstimme im Imagefilm des Berliner Start-ups Readmill: Wieso sollte man Bücher digitalisieren und dabei nicht auch die Möglichkeiten der sozialen Vernetzung ausschöpfen? Lesen, so die frohe Botschaft, war die längste Zeit eine einsame, unkommunikative Tätigkeit. Jetzt wird es endlich ein interaktiver Spaß.

Online über Bücher sprechen , das geht natürlich schon lange. Neu ist, dass das Kommunizieren dem Leseprozess nicht mehr nachgeordnet ist, sondern zeitgleich stattfinden kann: lesen, unterstreichen, kommentieren, empfehlen – das alles geht zunehmend ineinander über. Zwar ist das kopiergeschützte, statische Epub-Format noch längst nicht organisch mit dem Internet verschmolzen, aber immerhin: Die ersten Brücken sind geschlagen.

Im Detail sind die Partizipationsmöglichkeiten der einzelnen Anbieter verschieden, grob gesehen aber ähneln sich die Funktionen, mit denen viele E-Books mittlerweile entweder standardmäßig angereichert sind oder die sich als App hinzufügen lassen. Man kann Textstellen markieren und direkt aus dem Buch heraus verschicken, zum Beispiel über E-Mail, Facebook oder Twitter. Manche Anbieter ermöglichen den direkten Kontakt zum Autor, andere machen die Lieblingszitate vorheriger Leser sichtbar, wieder andere Plattformen bündeln Rezensionen und Bemerkungen zum jeweiligen Buch in einem Echtzeit-Stream.

Medienkonvergenz heißt der wissenschaftliche Fachbegriff für dieses Zusammenwachsen unterschiedlicher Medien; an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz gibt es dazu bereits einen Forschungsschwerpunkt. Dass die Social-Reading-Branche überhaupt derart blüht, sieht Dominique Pleimling, Mitarbeiter am dortigen Institut für Buchwissenschaft, "vor allem darin begründet, dass die Unternehmen Distinktionsmerkmale für ihre immer ähnlicher werdenden Geräte suchen". Ein E-Book, mit dem man nichts anstellen kann außer es zu lesen, ist ein langweiliges E-Book.

Historisch gesehen ist das soziale Lesen gar nichts Neues: Leises Rezipieren war bis 400 nach Christus weitgehend unbekannt. Noch Augustinus wunderte sich über einen stumm lesenden Zeitgenossen. Die großen Bibliotheken der Antike, schreibt Alberto Manguel in Eine Geschichte des Lesens , könnten durchaus geräuschvolle Orte gewesen sein, erfüllt vom Gemurmel der sich selbst vorlesenden Gelehrten. Und bis ins späte Mittelalter blieb das (mit)teilende Vorlesen gesellschaftlich sogar eher die Regel als die Ausnahme.

Dass Lesen mit Ruhe und Abgeschiedenheit gleichgesetzt wird, ist erst eine Erfindung der letzten Jahrhunderte. Seitdem gilt die private Beschäftigung mit dem Buch einerseits als vorbildlich und bildungsbürgerlich erwünscht. Andererseits umweht das Lesen stets auch ein Hauch von Rebellion und Subversion. Die in ihre Romanlektüre versunkene Frau des 18. Jahrhunderts zum Beispiel wird zum Sinnbild einer anrüchigen, fast emanzipatorischen Lesepraxis. Da entzieht sich jemand der Realität, flüchtet sich in Tagträume und Hirngespinste. "Hochmütig und abweisend" wirke ein Lesender, schreibt Manguel, "man macht sich unerreichbar und unsichtbar für die Welt."