Eines der Hauptthemen der Leipziger Buchmesse hatte Börsenvereins-Vorsteher Gottfried Honnefelder bereits bei seiner Eröffnungsrede angesprochen – den Streit um das Urheberrecht vor dem Hintergrund des umstrittenen ACTA-Abkommens . Honnefelder hatte deutliche Worte gewählt, gleichzeitig aber auch die Radikalisierung von Positionen beklagt. Auf beiden Seiten, wohlgemerkt.

Dass ein wenig Abkühlung und Distanz der Debatte guttäte, zeigt sich schon an den leuchtend roten Buttons, die nicht wenige Messebesucher in diesen Tagen an ihrem Revers tragen: "Ja zum Urheberrecht". Als wäre man noch einmal in den achtziger Jahren und bei "Atomkraft, nein danke". Das impliziert selbstverständlich, dass eine diffuse Gegenseite in irgendeiner Form "Nein zum Urheberrecht" sagt. Aber ist das so?

Eine Gesprächsrunde auf der Messe mit dem Titel " ACTA-Panik in Europa – berechtigt oder übertrieben?" lieferte den Ansatz einer Erklärung dafür, dass die Fronten mittlerweile so verhärtet sind : Man versteht sich schlicht und einfach nicht mehr. Verleger Dietrich zu Klampen beklagte, dass kaum jemand heute noch wisse, warum es gut und wichtig sei, als Autor einen Verlag zu haben. Wenn er die einschlägigen Diskussionsforen im Internet betrachte, so zu Klampen, wisse er oft gar nicht mehr, wo er noch einsteigen und widersprechen solle, so abstrus und niveaulos sei die Diskussion häufig: "Wenn ich lesen muss, dass Urheberrechtsverletzer schärfer bestraft werden als Kinderschänder, steige ich aus." Ganz davon abgesehen, dass Verleger auch genug damit zu tun hätten, ihre wunderbaren Autoren und Bücher auf allen Kanälen bekannt zu machen und nicht permanent präsent sein könnten.

Damit reagierte er auf einen Einwand von Enno Lenze von der Piratenpartei . Der stellte fest, er habe noch nie eine spontane Demonstration pro ACTA beobachtet. Lenze zeigte sich als ein sachlicher und versöhnlicher Vertreter. So einer kann den Verlagen möglicherweise die Angst vor den Piraten und derem vermeintlichen Plan einer Enteignung von Urheberrechtsinhabern nehmen. "Ich bin", sagt er, "in dieses Medium hineingewachsen. Ich bin es gewohnt, ernsthafte Beiträge von Unsinn zu filtern." User, die Shitstorms losträten , so Lenze, "sind entweder gelangweilt oder ahnungslos." In einem war man sich einig: " Der Begriff Content-Mafia ist wirklich unglaublich blöde", so Lenze.

Deutlich wurde auch die Journalistin und Fotografin Heike Rost. Zu Recht beklagte sie sich, dass der Tonfall im Netz teilweise an Unverschämtheit nicht mehr zu überbieten sei. Wenn sie sich anhören müsse, sie solle etwas Anständiges arbeiten, wenn sie Fotohonorare einfordere, oder sich sagen lassen müsse, dann müsse sie eben von Hartz IV leben, wenn ihr Geschäftsmodell nicht funktioniere, hört für Rost der Spaß auf. Fotografie, so bekam sie kürzlich zu hören, sei nicht mehr als eine fotomechanische Kopie der Realität. Da prallen sie wieder aufeinander, die Welten. Denn für den durchschnittlichen iPhone-User mag dieser Satz zutreffen. Rein technisch ist er ohnehin korrekt. Dumm ist er trotzdem.

Am Ende herrschte dann doch ein wenig Einigkeit: "Dass Schwarmintelligenz zu Schwarmblödheit verkommt, ist kein Phänomen des Internets", so Heike Rost, "es bildet nur das ab, was in der Gesellschaft passiert." Und noch ein Satz: "Urheberrecht beginnt mit Respekt." Den haben allerdings beide Seiten verdient.