KneipenkulturNur sprechen, wenn's Bier gibt

Auf ein Glas ins Soziotop! Der Kneipenroman "ABC der Lähmungen" des Freigeistes Adam Seide ist ein melancholischer Blick auf eine untergehende Welt. von 

Glücklich ist, wer eine Stammkneipe hat. Wohl gemerkt: eine Stammkneipe. Nicht so ein Etablissement, das man hin und wieder aufsucht, um einen Salat mit Putenbrust zu essen. Nein, eine Kneipe. Das ist eine soziale Anstalt, die im Verschwinden begriffen ist. In der Kneipe ist jeder sowohl nah bei sich selbst als auch nah bei denen, die immer da sind. Aber die Kneipe ist auch nur ein bestimmter Ausschnitt von Wirklichkeit: eine Theaterbühne, auf der jeder sich inszenieren kann. Danach ist er wieder draußen und muss in der Welt bestehen. Beide sind streng geschieden, die Welt und die Kneipe. Was nicht heißt, dass man die Welt nicht in die Kneipe hineintragen kann. Doch da wiederum unterliegt sie den Gesetzen des Stammgastgeredes, muss sich einordnen in ein in Jahren oder Jahrzehnten erprobtes Gesprächsmuster. In dessen Mitte steht der Wirt.

© Walde + Graf

Das ist natürlich nicht einfach nur einer, der das Bier zapft und auf den Tresen stellt. Der Wirt ist eine Respektperson. Erich hieß der Wirt in Adam Seides Stammkneipe, der Wirtschaft Honovera in der Altstadt von Hannover . Seide, 1929 ebendort geboren und 2004 in Limburg gestorben, hat ihr einen kleinen Roman gewidmet, ABC der Lähmungen , 1979 erstmals erschienen und nun in einem kleinformatigen und mit wunderbaren Fotografien ausgestatteten Band im Zürcher Verlag Walde + Graf neu aufgelegt. Die Fotografien wiederum sind dem Bildband Honovera – die Geschichte einer Altstadt-Kneipe entnommen, Schwarzweißfotografien, die auf geradezu anrührende Weise Zeitgeist und Atmosphäre transportieren.

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Selbstverständlich ist Seides Buch kein richtiger Roman, es sei denn, man wäre bereit, dem von Seide zitierten Gedanken Emile Zolas zu folgen, nach dem jedes Leben für einen Roman ausreicht. Aber hier geht es ja nur um die Kneipenexistenzen; die werden von A bis Z durcherzählt. Die Fotografien mögen verblasst sein und die Patina der alten Bundesrepublik atmen; das Soziotop, das Seide entwirft, ist topaktuell, weil zeitlos. Alle da, die immer da sind: Uwe zum Beispiel, "so eine Art Portier und Geschäftsführer der Kneipe".

Uwe sitzt zumeist direkt hinter der Tür und gibt zu jedem, der hereinkommt, seinen Kommentar. Uwe ist es selbstverständlich auch, der für die Spitznamen zuständig ist. Auch so einen muss es geben, es gibt ihn immer. Oder Willi, das Faktotum. Wenn Willi nicht da ist, fehlt etwas und man macht sich Sorgen: "Ohne Willi wäre die Kneipe eigentlich nicht die Kneipe, auch wenn er hier manchmal nur schläft."

Adam Seide hat einen Blick für Menschen und für Kleinigkeiten. Und ein Gespür für untergründige Melancholie und Traurigkeit. In ein paar Zeilen lässt er einen Charakter auferstehen, dann wendet er sich dem nächsten zu. Sein Text schweift durch den Gastraum wie der schnelle Blick eines Gastes die Stube durchmisst.

Leserkommentare
  1. Das ist wohl eine Binsenweisheit, die ins Schwarze trifft. Tatsächlich gibt es in meiner Stammkneipe tatsächlich bestimmte Rollenverteilungen, die dann jeder Stammgast auch immer wieder dankend annimmt. Die Kneipe bietet Atmosphäre und nach einem harten Arbeitstag im Walde, Hof und Felde sind die Humpen Bier ein purer erfrischender Wohlgenuss. Abendstund hat Gold im Mund!

  2. gut beobachtet, einfühlsam wiedergegeben. und tatsächlich: die stammkneipe ist zum aussterben verdammt, schade. stammtischparolen früherer epochen wurden als solche verstanden, nämlich innerhalb einer eigenen kultur, dort, wo man was galt als ganz eigene spezielle und anerkannte persönlichkeit. heute ist der stammtisch angepasst, globalisiert, er findet statt - nun aber worldwide, im internet. dort ist er anonymisiert, ändert so seinen spezifischen, liebenswürdigen, überschaubaren charakter und wird megahaft dynamisiert zu einem ort überquellender massenware; qualität geht verloren, scheu vor gewissen rechtschreibmängeln gibt es nicht, inhalte werden emotionalisiert, ideologosiert und völlig inkompetent ins netz gestellt. die große politik schließt sich an, geriert zum einstmals harmlosen stammtischgeplänkel - mit unabsehbaren folgen für das gemeinwesen.

  3. ... folgende Meldung:
    http://wissen.dradio.de/k...

    • Creo
    • 13. April 2012 16:40 Uhr

    Und was ist einfacher als seine Stammkneipe zu besuchen?! Ein letzter Ort an dem der Mainstream noch keinen richtigen Einlass gefunden hat.. Wo es noch echte Menschen gibt die über echte Themen mit echten Argumenten reden. Kein Schön-tun kein sich verkaufen. In meiner Stammkneipe gibt es dank dem alten LAgerkeller in dem sie sich befindet kein Handynetz -eine Wohltat und fast wie eine Zeitreise;-)

    • H.v.T.
    • 13. April 2012 18:13 Uhr

    Zu diesem Thema gab es im letzten Jahr eine Foto-Ausstellung in Berlin-Neukölln.

    Es war ein bemerkenswertes Erlebnis; ein Gefühl von Verlust schlich sich ein.

    http://www.tagesspiegel.d...

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  • Schlagworte Fotografie | Andreas Maier | Bier | Bildband | Roman | Schriftsteller
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