Literatur in England"Wir versuchen, vom festen Deutschlandbild wegzukommen"

In England wird deutsche Literatur oft auf die Klassiker reduziert, wenige Neuerscheinungen werden übersetzt. Woran das liegt, erklärt die Publizistin Charlotte Ryland. von Fokke Joel

Ein Besucher auf einer Londoner Antiquariatsmesse 2011

Ein Besucher auf einer Londoner Antiquariatsmesse 2011  |  © Olli Scarff/Getty Images

ZEIT ONLINE: Frau Ryland, der englischsprachige Buchmarkt ist der größte der Welt. Warum werden so wenig deutsche Bücher übersetzt?

Charlotte Ryland: Das ist die große Frage. Das hat nicht speziell mit der deutschen Literatur zu tun als vielmehr mit internationaler Literatur im Allgemeinen. Es hat eine Menge zu tun mit der Abgeschlossenheit unserer Kultur, dass Sprachen nicht gefördert werden und andere Kulturen als fremd und anders wahrgenommen werden. Ich denke, bei der deutschen Literatur im Besonderen gibt es eine vorgefasste Meinung, die vom Kanon geprägt ist, von Thomas Mann , Günther Grass und so weiter. Eine Literatur, die sehr lang ist, die philosophisch ist, kurz ernste Literatur.

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ZEIT ONLINE: Welche Autoren werden denn übersetzt?

Ryland: Die Klassiker wie zum Beispiel Thomas Mann oder Stefan Zweig sind ziemlich populär. Wenn wir auf die Gegenwartsliteratur sehen, gibt es definitiv eine Tendenz zur populären Literatur, Krimis und Thriller. Im Verlagssektor war eines der großen Phänomene der letzten Jahre die Millienium -Trilogie von Stig Larsson . Über deren riesigen Erfolg hat sich der Markt für übersetzte Belletristik geöffnet, speziell der von Krimis und Thrillern. Wir haben Autoren wie Jan Costin Wagner . Er wird regelmäßig verlegt. Zoran Drvenkar , der kroatisch-deutsche Autor, kommt dieses Jahr mit Sorry raus. Und die große Neuigkeit ist gerade, dass Plan D von Simon Urban von Harvill Secker gekauft wurde.

ZEIT ONLINE: Welche der deutschen Autoren waren erfolgreich in England in der letzten Zeit?

Charlotte Ryland

ist die Chefredakteurin von New Books in German, einem Buchjournal, das aktuelle deutsche Bücher in England vorstellt und bespricht. Ryland unterrichtet deutsche Literatur an der Universität in Oxford.

Ryland: Erfolg ist ja relativ. Richtig gut verkaufen sich Bernhard Schlink , Patrick Süskind und Hans Fallada . Sie wissen das wahrscheinlich, dass Hans Falladas Jeder stirbt für sich allein ein großer Bestseller war. Das hat den Markt für vergessene Klassiker der deutschen Literatur geöffnet. Auf einem geringeren Verkaufsniveau gibt es Autoren wie Judith Hermann . Alle ihre drei Bücher wurden auf Englisch veröffentlicht. Sie hat einen ziemlich guten Namen im Sinne von literarischer Qualität. Daneben Jenny Erpenbeck. Auch ihre Romane werden durchweg übersetzt. Und das letzte, Heimsuchung , das mit Visitation übersetzt wurde, lief sehr gut für Qualitätsliteratur.

ZEIT ONLINE: Gibt es besondere Themen, die englische Leser an deutscher Literatur interessieren?

Leserkommentare
  1. Meine Erfahrung im englischsprachigen Ausland war, dass man auch als Englischlehrer Goethe wenn überhaupt, dann nur vom Hörensagen kennt. Deutsche Klassiker kannte in meinem dortigen Umfeld keiner.

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    E.T.A. Hoffmann ist im Ausland oftmals viel bekannter als Goethe.
    Nur so als Beispiel.

  2. E.T.A. Hoffmann ist im Ausland oftmals viel bekannter als Goethe.
    Nur so als Beispiel.

  3. 3. Nun...

    ...im englischsprachigen Raum ist allerdings ein hier noch unerwähntes Buch eines deutschen Autors sehr populär. Ich glaube, es wurde 1923/24 geschrieben. Nur, im heutigen Deutschland ist dieses Werk nicht verkäuflich/illegal.

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    Sind Sie sich sicher, dass Sie nicht einen Österreicher meinen (oder denken Sie großdeutsch?)? Und dieses Buch ist in Deutschland nicht illegal; es ist lediglich urheberrechtlich geschützt und der Eigentümer des Urheberrechts will* keine neue Veröffentlichung.
    *: Genauer gesagt: Wollte keine neue Veröffentlichung: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/urheberrechte-laufen-aus-bayer...

  4. Sind Sie sich sicher, dass Sie nicht einen Österreicher meinen (oder denken Sie großdeutsch?)? Und dieses Buch ist in Deutschland nicht illegal; es ist lediglich urheberrechtlich geschützt und der Eigentümer des Urheberrechts will* keine neue Veröffentlichung.
    *: Genauer gesagt: Wollte keine neue Veröffentlichung: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/urheberrechte-laufen-aus-bayer...

    Antwort auf "Nun..."
  5. ...und ich muss zugeben das es schon ein paar Jahre her ist das ich das tat (ich lebe jetzt in Dublin und Bücher bestelle ich nur noch online), fand ich deutsche Schriftsteller eigenltich nur in zwei Ressorts: Klassik und Science Fiction.

  6. (und traurig für die anderen Länder), dass wir Deutschen, jedenfalls was Literatur angeht, weltoffen sind und einen recht breiten Zugang zu übersetzten Werken aus aller Herren Länder haben.

  7. Mir sagte die Literaturchefin des Londoner British Council kürzlich bei einem britisch-internationalen Autorentreffen zum Thema neueste Literatur tatsächlich dies: "Kein Wunder, dass die Deutschen bei uns nicht gelesen werden - sie können ja auch nicht schreiben. Sie wollen immer so avantgardistisch sein und wissen nicht, dass ein guter Roman vor allem einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss sowie ein paar interessante Charaktere braucht..." Meine Frage, welchen deutschen Gegenwartsroman sie denn als letztes gelesen hätte, beantwortete sie mit "Jeder stirbt für sich allein" (Fallada)... Es ist in der Tat so, dass die übergoße Mehrheit der englischsprachigen Leser eine Geschichte lieber aus dritter Hand von einem "English style" Autoren liest, als aus erster Hand von einem Autor, der stilistisch nicht die vertrauten Lesemuster bedient (z.B. war das unsägliche "Stasiland" über das Ende der DDR von einer australischen Autorin in GB enorm erfolgreich, bei uns kennt es kaum jemand, aber natürlich wurde es brav übersetzt, während von den vielen hervorragenden deutschen Büchern zum Thema nicht eines ins Englische übersetzt wurde). Dass nun kürzlich Hans Fallada von den englischsprachigen Lesern "entdeckt" wurde, zeigt an, wie tief der stilistische Wahrnehmungsgraben derzeit tatsächlich ist - und auch, dass die englischsprachige Leserschaft Neues in der Regel nur dann interessant findet, wenn es den vertrauten Geschmacksmustern entspricht.

  8. gibt es nun mal nicht nur in Deutschland. Bei meinen letzten Aufenthalt habe ich den Test gemacht. Ich habe mich als Österreicher ausgegeben und habe keine negative Reaktion erhalten. Meine Begleitung aber sehr wohl, sobald sie sich als Deutsche zu erkennen gegeben hat. Das Bild das die Briten von den Deutschen haben, wird immer noch von der Sun und der BBC geformt. Und da kommt das Deutsche an sich schlecht weg und wird auf das "eine" reduziert. Wenn man britische Jugendliche nach einem Deutschlandaufenthalt befragt, kann man teilweise immer noch Kommentare a la " Wir waren überrascht, das die deutschen Jugendlichen auch Jeans tragen und nicht marschieren." hören. Ob das der typisch britische Humor ist, kann sich jeder selber überlegen.

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    • fireOo
    • 24. April 2012 18:32 Uhr

    Der einzige Grund warum Deutsche in England meinen die Briten hätten so starke Vorurteile ist, dass der 2. Weltkrieg kein Tabuthema ist und darüber gern und ohne Schuldgefühle gelacht werden kann.
    Ähnlich wie Briten hier mit Königin, rotem Bus und Tee trinken assoziert werden, ist die Assoziation zu Deutschland eben zweiter Weltkrieg.

    Negative Reaktionen weil man Deutscher ist, habe ich in jetzt fast 3 Jahren (Gastfamilie und Uni) nie erlebt.

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