Einer wie Ingvar Ambjørnsen trägt die Haare immer noch lang. Etwas grau sind sie mit den Jahren geworden. Das lässt sich nicht verhindern. Mit der Zeit scheint sich aber noch etwas geändert zu haben, das nicht selbstverständlich ist: Vergleicht man die Porträts des Autors aus 25 Jahren, die vom zornigen Aussteiger der achtziger Jahre, dessen Gesichtsausdruck auch Anfang der Neunziger noch aufrührerisch wirkt, mit denen des Erfolgsschriftstellers von heute, so ist eine zunehmende Freundlichkeit im Blick zu bemerken. Was ist geschehen? Ist seine Sicht auf die Welt weiser und milder geworden?

Das kann der norwegische Autor bestätigen. Mitte der achtziger Jahre übersiedelte er von Oslo in den Hamburger Stadtteil St. Georg, ehe er Anfang der neunziger Jahre in den vornehmeren Stadtteil Hoheluft zog. Dass das bunte Milieu seines ersten deutschen Wohnortes der sogenannten Gentrifizierung zum Opfer fällt, nimmt er vergleichsweise gelassen hin. Verglichen mit dem früheren Ambjørnsen, versteht sich. Inzwischen zählt der 56-Jährige selbst zu den Arrivierten, auch wenn er das natürlich nicht so sieht.

Ambjørnsen weiß noch allzu gut, wie es sich anfühlt, einer der Ausgestoßenen und Aussortierten zu sein. Natürlich lässt er es offen, ob seine Bücher einen autobiografischen Kern enthalten oder nicht. Aber es liegt nahe, in seinem neuen Helden, dem Zivilisationsflüchtling Ulf Vågsvik, Eigenschaften und Ängste des Autors gespiegelt zu sehen. Sein Roman Den Oridongo hinauf beschreibt das Drama eines Mannes, der glaubt, schon immer der Außenseiter gewesen zu sein: verjagt von den Straßen und Fußballplätzen seiner Kindheit, gepeitscht durch die Grundschule, in die Sozialämter rein und raus. Indem er den Oridongo hinauf fährt, einen Fluss, den es auf keiner Landkarte gibt, gewinnt Ulf Vågsvik nicht nur sich selbst zurück – sondern möglicherweise auch ein Stück Liebe dazu.

Ambjørnsen entstammt der Hippie- und Alternativszene

In einer nahezu meditativen Sprache schildert der Roman vor allem dieses Zusichselbstkommen und Zueinanderkommen in norwegischer Insellandschaft. Als eines Tages eine niederländische Familie auf die Insel zieht, verändert sich das Leben der Einheimischen schlagartig. Schon am Tag ihrer Ankunft verstirbt das Familienoberhaupt der Neu-Insulaner, und dann verschwindet auch noch ihr Sohn spurlos. Einzig Ulf Vågsvik, der sich nicht schuldig macht an den Dingen und Vorgängen, sich vielmehr empört zeigt über sinnlose Bauvorhaben, allein gelassene Drogenkranke, urbane Vereinsamung und Gewalt, scheint in der Lage zu sein, die Sprache des verlorenen und verwirrten Jungen zu sprechen. Auch das macht ihn in den Augen der anderen, die gedankenlos funktionieren, verdächtig.

Inspiriert wurde Ambjørnsen von einem Gemälde Jack Vettrianos. Es zeigt einen typischen Vettriano-Mann mit Weste und Hut von hinten, der, einen Koffer in der einen, eine Kippe in der anderen Hand, in heroischer Einsamkeit an einer felsigen Küste spaziert. Ambjørnsen ist ein romantischer Protestler gegen den Verwertungszwang und Machbarkeitswahn einer Gesellschaft, die alle menschlichen Werte aus den Augen verliert. Tatsächlich begreift er den Schriftsteller noch als eine moralische Instanz, als nationales Gewissen – wie es Heinrich Böll für die deutschen Intellektuellen nach 1945 gewesen ist. Oder Jens Bjørneboe für die norwegische Gegenkultur der siebziger Jahre, Autor der Geschichte der menschlichen Bestialität .

Ambjørnsen entstammt dieser Hippie- und Alternativszene. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, war er als Schriftsetzer tätig und führte Gelegenheitsjobs durch, die eine Weile für angehende Schriftsteller obligatorisch waren: Gärtner, Fabrikarbeiter, Krankenpfleger. Auf Rucksackreisen durch ganz Europa kam er mit anderen Aussteigern in Kontakt. Hiervon berichten seine frühen Werke. Dass die Wahl des Schriftstellerberufs vor allem dem Anarchisten Jens Bjørneboe zu verdanken ist, hat Ambjørnsen kürzlich in seinem Blog aufgeschrieben. In einem bewegenden Essay erläutert er seine große Liebe zu dem ersten Erwachsenen, dem seine Generation zu vertrauen wagte.