Ulla LenzeEine Romanfigur kehrt zurück zum Nullpunkt

Wie viel Schmerz verträgt ein Mensch? Die Schriftstellerin Ulla Lenze spricht über ihren neuen Roman "Der kleine Rest des Todes" und autobiografisches Schreiben. von 

Die Schriftstellerin Ulla Lenze

Die Schriftstellerin Ulla Lenze  |  © Laura J. Gerlach

ZEIT ONLINE:  Frau Lenze, im Zentrum ihres neuen Buchs steht ein großes Unglück: Der Vater Ihrer Ich-Erzählerin Ariane kommt bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Was bedeutet das für den Roman ?

Ulla Lenze: Ich habe mich für eine Figur interessiert, die an eine existenzielle Nullstelle gerät, und wollte sehen, wie viel Toleranz um sie herum herrscht.

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ZEIT ONLINE: Ihre Figur geht sich dabei vollkommen selbst verloren. Dieser Verlust einer Vorstellung für das eigene Leben begann aber nicht erst mit dem Tod des Vaters.

Lenze: In der Tat ist Ariane sich schon zuvor selbst suspekt geworden. Sie arbeitet an einer Doktorarbeit und merkt, dass die Inhalte irgendwann weniger wichtig wurden als das karrieristische Denken. Sie wollte sich herausziehen aus diesen Kontexten, hat sich von ihrem Freund getrennt. Sie wollte eine Art Revision halten und sich selbst fragen: Wer bin ich eigentlich? Und in diese relative Nacktheit und Leere hinein ereignet sich dann diese Tragödie, dass der Vater mit dem Flugzeug abstürzt.

ZEIT ONLINE: Mit dem Tod des Vaters verändert sich auch etwas in den Beziehungen zwischen Ariane und ihrer Umwelt: sie kollabieren. Jegliche Kommunikation scheint zu misslingen.

Ulla Lenze

ist Jahrgang 1973 und studierte Musik und Philosophie. Im Jahr 2003 erschien ihr Debütroman Schwester und Bruder, der unter anderem mit dem Jürgen-Ponto-Preis für das beste Romandebüt und dem Rolf-Dieter Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln ausgezeichnet wurde. Ihr zweiter Roman Archanu erschien 2008. Ulla Lenze lebt in Berlin.

Lenze: Arianes Hilfeschreie sind bereits so übersteuert, dass sie damit auch Menschen vergrault. Das passiert eben mit ihrem langjährigen Freund, der inzwischen eine neue Beziehung hat und sich ihr nur mehr begrenzt widmen kann. Ich fand die Frage interessant, inwieweit andere uns etwas schuldig sind. Inwieweit andere für uns verantwortlich sind und was man ihnen zumuten darf. Inwieweit müssen andere Grenzen setzen, sogar in unserem Interesse? Ich kann allerdings auch nur bis zu dieser Frage vordringen; eine gültige Antwort darauf gibt es nicht.

ZEIT ONLINE: Haben Sie, wenn Sie mit einem Text beginnen, eine solche Fragestellung im Kopf, eine Metaebene des Textes sozusagen?

Lenze: Ich weiß, worauf ich zusteuern möchte und formuliere das auch in einem eigenen Dokument. Aber meistens verfehle ich dieses Ziel komplett. Es sind Krücken, die oft ganz woanders hinführen, im Grunde also unzuverlässig sind. Erst hinterher kann ich halbwegs erkennen, was das übergeordnete Thema war: etwa jenes Motiv der misslingenden Kommunikation. Auch Verlassenheit ist ein großes Thema, Verantwortung. Das sind Gedanken, die aber dann während des Schreibens so deutlich gar nicht im Raum standen.

ZEIT ONLINE: Es gibt sehr poetische Passagen in Ihrem Roman. Wie haben Sie die Figur und ihre Sprache entwickelt?

Lenze: Es gibt nicht eine Stimmung oder Atmosphäre, in die ich eine Situation hineinkopiere. Vielmehr hängt alles sehr dicht an der Wahrnehmung der Figur, in diesem Fall von Ariane. Und das ist auch das Besondere. Sie ist ja so entblößt. Sie ist von Kontexten befreit. Wenn sie durch die Straßen geht, dann nimmt sie plötzlich anders wahr. Dadurch entstehen diese poetischen Räume. Ob sie selbst in der Lage ist, diese ästhetisch zu genießen, bezweifle ich. Das ist auch das Kuriose am Schreiben, dass es einerseits diese Form bietet, die man selber als Schreibender und Lesender mit einem ästhetischen Wohlgefallen oder Genuss wahrnimmt. Und es gibt das, was erzählt wird und das ganz furchtbar und tragisch ist. Das ist eine interessante Spannung zwischen Form und Inhalt.

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    • Schlagworte Doktorarbeit | Geschwister | Kommunikation | Roman | Stadion | Tod
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