RomanAuch Glückskinder müssen sterben

Ein grandioses, bitter ironisches Buch: Christof Hamanns Journalistenroman "Nur ein Schritt bis zu den Vögeln" könnte eine der Entdeckungen des Buchfrühjahrs sein. von 

In der Schublade von Simons Schreibtisch findet sich ein Stapel Notizhefte, DIN A5, kariert, um die zwanzig Stück; jedes davon mit einer Jahreszahl versehen. Karl nimmt sie an sich, um, ja um was zu tun? Das Unerklärliche zu erklären? Spuren zu verfolgen? Sein Gewissen zu beruhigen? Oder, um auf eine Wahrheit zu stoßen, die er lieber gar nicht gekannt hätte? Die Wahrheit jedenfalls wird bis zum Ende unausgesprochen bleiben. Der Tod ist ein Rätsel, und dieser Roman unternimmt nicht den sinnlosen Versuch, das Rätsel zu lösen.

Etwa 15.000 belletristische Neuerscheinungen kommen in Deutschland jedes Jahr auf den Markt. Es liegt in der Natur der Sache, dass nicht wenige durch das Aufmerksamkeitsraster fallen; diejenigen, an denen sich keine Debatten entfachen lassen und die nicht auf irgendwelchen Long- oder Shortlists landen. Wenn Christof Hamanns Roman Nur ein Schritt bis zu den Vögeln in der Neuerscheinungsflut unterginge, wäre das höchst bedauerlich und unverdient. Denn, um einen Superlativ nicht zu vermeiden, wahrscheinlich ist Hamanns Roman auf stille, tiefgründige Weise einer der beeindruckendsten, die es in diesem Jahr zu lesen gibt. Und eines der schönsten dazu, in Leinen gebunden, versehen mit einem aufwendig und sorgfältig gestalteten Schutzumschlag.

Anzeige

Simon Scholl war ein erfolgreicher Mann: Ende 30, Journalist, Porschefahrer, Glückskind. Ein Macher, einer der anpackt. Nun ist Simon tot. Hat eines späten Abends sein Haus in Bodman am Ufer des Bodensees verlassen, ist den Weg gegangen, den er seit Jahrzehnten gegangen ist, den Hang hinunter in Richtung See – und ist auf den Bahngleisen von einem Zug erfasst worden. Ein Unfall, sagen alle, weil sie es gerne glauben möchten und weil sonst nichts anderes möglich erscheint. Ein egoistisches Arschloch sei ihr Bruder gewesen, schimpft Simons Schwester unmittelbar nach der Beerdigung. Und Karl, Simons bester Freund seit Kindheitstagen, schweigt. Das tut er oft, nicht zuletzt, weil er ein Stotterer ist.

© Steidl Verlag

Den Nachnamen Notker hat Christof Hamann seinem Ich-Erzähler Karl nicht ohne Hintergedanken gegeben: Im 9. Jahrhundert lebte im nur unweit vom Bodensee entfernten Kloster St. Gallen der Dichter und Komponist Notker I. , genannt: Notker Balbulus oder auch Notker, der Stammler. Es gibt viele dieser fein verwobenen Fäden, die sich durch den Roman ziehen und schließlich ein enges Motivgeflecht bilden. Karl Notker verdient sein Geld mit kleinen Büchern, die er im Auftrag eines christlichen Verlags schreibt und in denen er Heiligengeschichten kindgerecht nacherzählt. Die Eisheiligen bilden die Schutzpatrone des Romans; die Bauernregel "Ein rechter Mai fürwahr, das ist der Schlüssel zum Jahr" wird zu einem Leitspruch. Simon stirbt am 14. Mai, dem Tag des Heiligen Bonifatius.

Christof Hamann , 1966 am Bodensee geboren, entwickelt hier, wie bereits in seinem Debütroman Seegfrörne , die Menschen und deren Mentalität aus ihrer Landschaft heraus. Darum sind sie so glaubhaft und plastisch zugleich. Karl ist der Daheimgebliebene. Als Simon die gemeinsame Konstanzer Wohnung, ein Relikt aus Studienzeiten, aufgibt, um in Frankfurt eine neue Stelle anzunehmen, übernimmt Karl die Wohnung, während Simon mit Hilfe eines Erbes das Grundstück in Bodman kauft und, gegen jede Vernunft, wie es scheint, darauf ein Haus baut. Ein Haus, das der Schwester mit seinen schmalen Fenstern und der puristischen Einrichtung wie eine kalte Festung vorkommt. Ein Ausdruck von Sehnsucht nach einem festen Ort, so kann man vermuten. Ausgesprochen wird das nicht.

Leserkommentare
  1. so eine tiefsinnige Weisheit habe ich seit langer Zeit nicht gehört. Ist das Ironie? Ja, es ist es. Ach was? Selbst ich kann Ironie.. vielleicht sollte ich doch ein Buch auf dem Markt bringen.
    [...]
    Entfernt. Verzichten Sie auf beleidigende Äußerungen. Die Redaktion/mak

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Aufsteiger | Roman | Rätsel | Tod | Vogel | Allgäu
Service