An die Grenzen des Menschlichen führen viele Wege, einer hinaus aufs Meer. Dorthin, wo die Zivilisation endet und die Gesetze, mit denen der Mensch seine Geschicke ordnet, bedeutungslos werden. Zu Zeiten der christlichen Seefahrt im 18. Jahrhundert war ein Aufbruch zur unendlichen See auch immer ein Aufbruch in unendliche Ungewissheiten. Im Angesicht der Naturgewalten überantworteten die Seefahrer ihr Schicksal weniger dem Magnetfeld der Erde als den unergründlichen Launen des Himmels. Von ihnen hing ab, ob sie jemals wieder heimkehren würden.

Mit ohnmächtigem Gottvertrauen trotzten sie den Wellen, dem Sturm, dem Regen – nicht wenige verschluckte das Meer, andere hofften inmitten treibender Schiffstrümmer auf ein Wunder. Von solchen Havarien erzählen die vorliegenden vier Geschichten. Und in der Tat, es wird viel gestorben auf diesen Seiten: Die Seefahrer in Schiffbrüche verhungern, sie ertrinken, sie erdrosseln sich an Schiffstauen, sie fallen von den Masten und zerschellen an Klippen, werden wahnsinnig, erschossen, aufgeschlitzt, zuletzt vielleicht auch gegessen, wer weiß. Autor dieser Geschichten ist kein geringerer als Alexandre Dumas, der Schöpfer des Graf von Monte Christo und der Drei Musketiere .

Die vier Erzählungen beruhen auf wahren Begebenheiten, auf Logbüchern und Aufzeichnungen der Überlebenden. Dumas verfasste die Texte als Feuilletons im Jahr 1852, und 160 Jahre später sind sie nun auf Deutsch zu lesen. Sie haben über die Jahrhunderte nicht einen Funken ihres Reizes verloren. In ihnen stecken einige der Topoi, die seit Odysseus' Irrfahrt zum Repertoire der Weltmeerliteratur gehören: Ehrfurcht und Erhabenheit, Hybris und metaphysisches Schaudern.

Feinst ersponnenes Seemannsgarn

Und die Schiffe, die jene Literaturweltmeere durchqueren, sind undenkbar ohne ihre Kapitänsgestalten, von denen hier vier unterschiedliche Typen auftreten: Bontekoe, der tugendhafte, mit sonderbarem Optimismus gesegnete Kapitän der Neu-Hoorn , die im indischen Ozean durch ein Feuer zerstört wird. Der naive Kapitän Marion wird auf Neuseeland von Einwohnern ermordet. Der Hochmut von Kapitän Bremner stürzt Schiff und Mannschaft in die Katastrophe. Und letzthin Kapitän Cobb, der wie Joseph Conrads berühmter Captain MacWhirr stoisch und selbstlos den Großteil seiner Besatzung rettet.

Dumas führt in diesen Havarien vor, wie die der elementaren Urgewalt und dem Überlebenskampf ausgelieferten Menschen allmählich ihre zivilisatorischen Normen über Bord werfen, wie sie zu Opfern ihrer entblößten Instinkte werden. Manche ertränken einen Kameraden wegen eines rettenden Stücks Treibholz. Starke, widerstandsfähige Matrosen schrumpfen zu schwermütigen Häufchen. Zarte Frauen wandeln sich zu zähen Anführern. An einer Stelle schreibt Dumas von der großen "Wahrheit, die jeweils einer Gefahr entspringt". Nicht nur die des Charakters, sondern auch des Glaubens: Rettungen erscheinen als Wunder, als spektakuläre Existenzbeweise höherer Mächte. So wahr ihnen Gott helfe.

Tatsächlich wirken viele Wendungen und Lösungen der Geschichten wie feinst ersponnenes Seemannsgarn, das liegt jedoch auch am literarischen Verfahren. Die Schiffbrüche sind schließlich keine auf historische Präzision bedachten Rekonstruktionen. Dumas hält sich zwar an das Gerüst der Überlieferungen, geht aber im Dienste der Dramaturgie großzügig mit ihnen um. Er erlaubt sich Sprünge, Verknappungen und effektvolle Verdichtungen. Durch seine stilistisch glänzende, rhythmische Prosa klingt mitunter erfrischende Süffisanz: "Wenn man von ihnen berichtet, passen lange Qualen in kurze Sätze", schreibt er am Schluss der ersten Erzählung. So eine ironische Gelassenheit in stürmischen Momenten ist zeitlos wie die Seefahrerliteratur selbst, der man sich nach diesen vier kleinen Kunststücken unbedingt wieder zuwenden möchte.