"Verdammt! Ein KZ-Überlebender!" denkt der Vater und fällt in Schockstarre. Seine Tochter Alice dagegen quietscht vor Freude, als der Passagier vom Nebensitz, ein dicker Russe, sie hoch über die Schultern hebt. Die tätowierte Zahlenreihe auf seinem Unterarm nimmt das Kind gar nicht wahr. Mit dieser Szene eines Fluges nach Israel eröffnet Guy Delisle seine Aufzeichnungen aus Jerusalem . Es ist eine Graphic Novel, in der Schreckliches und Schönes manchmal zusammenkommt.

Schwere Kost in einem verblüffenden Kontext – dieses Prinzip zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Das Abenteuer Israel beginnt im August 2008. Als die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen Delisles Frau für ein Jahr ins Land bestellt, bricht das Paar mit den zwei kleinen Kindern nach Jerusalem auf. Während Nadège im Einsatz ist, erkundet der mitreisende Ehemann Stadt, Land und Mauer. Es eröffnen sich ihm überraschende Perspektiven auf den Alltag zwischen Sabbat und Ramadan, Schalom und Salamaleikum.

Den Nahost-Konflikt bricht Delisle etwa auf die Frage herunter, wo man Frühstücksflocken und Windeln kauft. Ist es moralisch verwerflich, sein Geld in den Geschäften jüdischer Siedler zu lassen? Ja, entscheidet der Vater und entdeckt dann am Ausgang Muslimas mit prall gefüllten Tüten. Guys Gastland steckt voller solcher Widersprüche. Das beginnt schon beim Familienwohnsitz im Ostjerusalemer Stadtteil Beit Hanina. Für die israelische Regierung liegt das Haus in Israel, für die internationale Gemeinschaft im Westjordanland, für den zweifachen Vater ist es Teil einer Nachbarschaft, in der es zahlreiche Müllhalden, aber keinen einzigen Spielplatz gibt.

Schwierige Länder sind Delisles Spezialität

Mit Block, Stift und quengelnden Kindern navigiert der Held durch seinen Alltag. Schiebt den Buggy über Straßenpflaster aus biblischen Zeiten, wundert sich im Zoo über eine bewaffnete Familie und beruhigt zu Hause die Tochter, wenn der Ruf des Muezzins sie wieder einmal aus dem Schlaf gerissen hat. Als Guy beim Geschirrspülen im Fernsehen sieht, wie sich Geistliche in der Grabeskirche prügeln, denkt er: "Oh Gott, ich danke dir, dass ich Atheist geworden bin."

In freien Stunden zeichnet er. Als Comic-Held mit dem kess von der Stirn abstehenden Haar passiert Guy viele Checkpoints, aber als er sich mit seinem Skizzenblock vor die Mauer setzt, verjagt ihn ein Soldat. Vor jungen Palästinensern in Ramallah spricht er über die Kunst des Comics und bezieht mithilfe eines evangelischen Pfarrers ein Atelier auf dem Ölberg.  Zum Glück für den Leser wagt sich Delisle immer wieder auch an konfliktträchtige Orte. Zu Ramadan steht er mit einer Israelin von der Menschenrechtsinitiative Machsom Watch am Checkpoint Qalandiya. Steine fliegen, Schüsse fallen.

Schwierige Länder sind Delisles Spezialität. In früheren Büchern verschlug es den Kanadier bereits nach Birma , China und Nordkorea . Mit jedem Band wuchs die Zahl der Seiten und – schaut man genauer hin – auch der Bauch seines gezeichneten Alter Egos. Die Perspektive ist radikal subjektiv, sein Protagonist immer er selbst: ein Comiczeichner, ein Ehemann, ein Greenhorn. Nie versucht er sich als Journalist. Seine Bücher sind weder Sozialstudien noch Satiren. Guy und wie er die Welt sah – darum geht es.

Mehr Fragen als Antworten

In Shenzhen (2006) probiert er Schlangensuppe und trifft einen Zahnarzt mit pedalbetriebenem Bohrer, in Pjöngjang (2007) staunt er über ungarische Busse, die für jeden 5.000sten unfallfreien Kilometer einen Stern bekommen. In den Aufzeichnungen aus Birma (2009) lässt er sich zum Wasserfest aus Feuerwehrschläuchen bespritzen und beißt in eine gegrillte Heuschrecke.

Manchmal kommen seine Werke ohne Worte aus, etwa Louis fährt Ski (2007) über die Pistenabenteuer eines fantasiebegabten Jungen. Delisle, der 1966 in Québec geboren wurde, veröffentlichte bereits als Student seine ersten Comics. Zwischen 1986 und 1988 arbeitete er für das Zeichentrickstudio CinéGroupe in Montréal und ging anschließend nach Europa : München . Berlin . Valencia . Seit 1991 lebt der Kanadier in Montpellier .

Vor der Reise nach Israel habe er sehr wenig über den Nahost-Konflikt gewusst, gab Delisle in Interviews zu. Auf dem Internationalen Comic-Festival Angoulême wurden seine Aufzeichnungen aus Jerusalem dieses Jahr mit dem Preis für das beste Album ausgezeichnet. Tatsächlich ist es sein bislang interessantes Werk.

Es spricht für das Buch, dass es am Ende mehr Fragen stellt als Antworten gibt. Bevor die Familie mit fünf dicken Koffern die Heimreise antritt, fährt der Vater zum Schauplatz einer Hausbesetzung in Ostjerusalem . Mit von der Partie ist ein spanischer Aktivist, der sich in einer NGO für die Belange der Palästinenser engagiert. In einer letzten Szene vor dem Rückflug sehen wir ein leeres Gebäude, in dessen Wand ein großes Loch geschlagen wurde. Ein bärtiger Fremder steht auf dem Dach. Er stemmt die Arme in die Seiten, ruft auf Englisch: "Das ist jetzt mein Haus!" Guy schaut ratlos zu ihm hoch.