Sachbuch: Vom Ende des Kinos, wie wir es kennen
Ein Film ist mehr als Film: Der Kritiker Lars Henrik Gass analysiert in seinem neuen Buch die Krise des Kinos in Zeiten der Individualisierung.
In den späten sogenannten Nullerjahren begab sich der Schriftsteller Rainald Goetz auf ein Berliner Filmfestival. Er sei dort "von den sich plötzlich um mich herum für über zwei Stunden schließenden Kinotüren auf einem fast schon kleinkindlich tiefgehenden Gefühlslevel unendlich BETRÜBT worden. Draußen könnte man leben, hier saß ich jetzt im Kino, verhaftet für viel zu lange Zeit, und musste diesem Film da vorne folgen". Nicht nach Bühne röche es, "sondern nach alten Socken, ungewaschenen Haaren, nach Fritten, Schweiß und Selbstverwahrlosungsmuff". Kino, das ist kein Theater. Kino, das ist ein Ort der Regression wie die Disko, bloß einer, für den man sich nicht herausputzen muss. Es ist verblüffend, wie richtig und zugleich falsch Goetz liegt.
Lars Henrik Gass, Filmkritiker und Leiter der Oberhausener Kurzfilmtage, müsste diese Episode amüsieren. Er hat gerade ein ganzes Buch darüber geschrieben, dass der kollektive Zwang zu einer anderen Wahrnehmung und die Deponierung des Zuschauers in einer anderen Zeit der eigentliche Charakter von Kino ist. Sein Buch Film und Kunst nach dem Kino ist der Versuch, die "gesellschaftliche Wahrnehmungsform" Kino zu retten und zugleich eine Kritik der gesellschaftlichen, ökonomischen und technischen Bedingungen, die heute diese Wahrnehmungsform verunmöglichen. Kino, schreibt Gass, stehe für eine "Alternative zur Blickordnung, die uns die Mehrzahl der Fernsehprogramme, Filmfestivals, Museen und Ausstellungen gegenwärtig vorschreibt".
Unsere Wahrnehmung von Film findet heute kaum mehr im Kino statt. Wir haben einen permanenten Zugriff auf Filme. Einerseits durch mobile Abspielgeräte, andererseits durch das Heimkino, das zwar noch einen Verweis auf einen Ort in sich trägt, aber mit der sozialen Verabredung, die das Kino bedeutet, nichts mehr zu tun hat. Statistiken behaupten, dass die Filmwirtschaft in den USA schon 2010 nur noch ein Viertel ihrer Umsätze im Kino gemacht hat. Dieser Trend wird nicht wieder umkehren. Es liegt auf der Hand, dass ein Film auf dem Bildschirm daheim anders angeschaut wird als im Kino. Die Wahrnehmungsform Kino, sagt Gass, gehe in dieser Transformation verloren.
"Privatisierung der Wahrnehmung"
Film und Kunst nach dem Kino ist allerdings keine Hommage an Stummfilm mit Klavierbegleitung. Das Buch ist auch nicht aus dem dünnen Holz geschnitzt wie jene auf den Kassenknüller hin gezimmerten Schriften über das Ende von etwas, wie wir es kannten. Es ist eine konkrete Analyse der Bedingungen, unter denen Film nach dem Kino rezipiert wird, und welche Folgen sich für den Film ergeben. Wenn er durch mobile Technologien allgegenwärtig und immerzu verfügbar ist, wird er dem Kampf um die Aufmerksamkeit des Home-Cineasten ausgeliefert. Film muss sich diesen Faktoren unterwerfen: in kleineren Bildeinheiten für kürzere Aufmerksamkeitsspannen. "Und das weiß schon der Praktikant in der Fernsehredaktion: Verständlich muss es sein."
Der Film, der als DVD erscheint und ein Publikum vor dem Fernseh- oder Computerbildschirm anspricht, muss sich zwangsläufig anpassen. Gass nennt das "Privatisierung der Wahrnehmung", die der gesellschaftlichen Wahrnehmungsform Kino entgegenstehe. "Am Niedergang des Kinos", schreibt Gass, "lässt sich nachvollziehen, wie Gesellschaft auf Individualisierung umgestellt wird."





Zitat: "Der Film, der als DVD erscheint und ein Publikum vor dem Fernseh- oder Computerbildschirm anspricht, muss sich zwangsläufig anpassen."
Nur haben DVD (und BluRay) auch nur noch ein paar Jahre. Bald läuft der allergrößte Teil des Filmvertriebs ohne Trägermedien, nur noch übers Netz.
Die Krise des Kinos ist auch ein Kind der Industrie die ihre Umsätze dadurch generiert, indem jeder Erdenbürger seine eigene Kinoanlage zu Hause stehen hat, state of the art, versteht sich.
ins Kino, der Hollywood Brei ist es einfach nur noch selten wert; und wenn wirklich mal ein guter Film läuft kann ich auch warten bis er auf DVD/BR oder letztendlich im TV läuft; ich hab Zeit und muss Filme nicht sofort sehen, vor allem wenn es sich eh nicht lohnt, aber das liegt wohl auch daran das ich eher Doku Fan bin.
Kino heißt Belästigung der vielfältigsten Art.
Ich sehe mir Filme zuhause in Ruhe an. Irgendwann kommt jeder Film mal zu Videoload.
Kino heißt Belästigung der vielfältigsten Art.
Ich sehe mir Filme zuhause in Ruhe an. Irgendwann kommt jeder Film mal zu Videoload.
...treibt es mich doch ins Kino, wenn ich denke, dass es ein Film verdient hätte auf einer großen Leinwand genossen zu werden und nicht im heimischen Wohnzimmer.
Und jedes Mal gehe ich frustriert nach Hause.
Ich brauche keine Nachbarn, die während des Films Kommentare abgeben, Trommel gefüllt mit Popcorn und Litereimer Cola für Grundnahrungsmittel halten, ihre SMSen verschicken und pausenlos herumrennen, um sich kulinarischen Nachschub zu holen. Von den Leuten, die erst nach Beginn des Films kommen, ganz zu schweigen.
Wenn die Kinobetreiber es nicht hinbekommen, dass im Kino der Film im Mittelpunkt steht, werde ich immer seltener gehen. Einen Treffpunkt pubertierender Cliquen brauche ich nicht. Obwohl...ganz fair war diese Bemerkung nicht: Mein letzter Besuch litt stark unter dem flegelhaften Verhalten einer Gruppe, die die 30 überschritten hatte...
Meine einzige Hoffnung ist, dass sich das möglicherweise irgendwann über den Preis der Kinokarte regelt...
Ich war seit mindestens 7 Jahren nicht im Kino aus eben diesen von Ihnen aufgeführten Gründen.
Ich war seit mindestens 7 Jahren nicht im Kino aus eben diesen von Ihnen aufgeführten Gründen.
Hätte auch der Anfang sein können. Aber ob Kino ein gesellschaftliches Ereignis gegenüber der individualisierten Welt außerhalb sei sei mal so dahin gestellt. Gibt ja auch genug Leute die genauso individuell im Kino sitzen.
... um die Kunstform Film zu rezipieren. Man sieht und hört jedes Detail, man bekommt einfach alles mit, was die Künstler, die den Film gemacht haben, an Arbeit in das Werk investiert haben.
Film im TV geht auch noch (wenn Bildschirm groß genug und Ton über Anlage) -aber Film über Smartphonedisplay oder per Notebook o.ä. ist echt erbärmlich.
Andererseits haben sowohl die Künstler als auch die Kinobetreiber gleichermaßen ihren Anteil an der Verramschung.
3D ist aus meiner Sicht schon gar keine Lösung. Bringt für die Story null, mindert die Bildqualität und geht auf die Augen.
Film, oder präziser gesagt Bewegtbild (kann Film, kann Video, kann digital sein), ist und wird immer ein in der Zeit ablaufendes Medium sein, analog zur Musik und dem Theater und auch der Literatur (wobei bei der Literatur der Rezipient die Rezeptionsgeschwindikeit selber wählt). Das erlaubt also schnelle und langsame Formen und lange und kurze Formen. Und das völlig unabhängig vom Aufführungsort und der Aufführungsform. Ebenso ist es unabhängig von der Aufmerksamkeitsspanne des Betrachters. Das einzig Neue ist, das die Technik nun eine größere Auswahl und viel bessere Verfügbarkeit ermöglicht. Daraus folgt also, das der Betrachter mehr Freiheit in der Wahl des Inhalts und des Rezeptions-ortes und -zeitpunktes hat. Kino und Wohnzimmer als Aufführungsorte bieten beide ähnlich große Chancen und Gefahren für eine konzentrierte Rezeption. Und die neuen Aufführungsmöglichkeiten im privaten Bereich sind zusätzliche Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, die als solche natürlich den anderen, älteren Möglichkeiten Zeitanteile abnehmen. Dennoch wird der soziale Aspekt der gemeinsamen Rezeption nicht aussterben. "Public Viewing" als Event wird nicht verschwinden, aber ein paar Marktanteile verlieren.
Film kommt in die conditio moderna, wobei Kunstwerke und Künstler einen Kult bilden. Weder individualistische noch massenhafte Erfahrung mit Film, sondern kultische Erfahrung. Godard hat einmal gesagt, ein Mann und eine Frau, die verschiedene Romane mögen, können sich verlieben. Wenn sie dieselben Filme nicht mögen, werden sie sich trennen. Der Punkt ist klar. Und so kann es keine Filme mehr geben, die alle zusammenbringen. Im Gegenteil, Filme spalten uns ab. Das Ende des Films besteht darin, dass Film sich nicht mehr kennen wird, wenn er kultische und keine massenhafte Erfahrung anbieten kann. Ich gehöre z.B. dem Kult von Andrei Tarkovsky. Für mich hat Tarkovsky mit seinen sieben Meisterwerken das ganze Kino vor und nach ihm verbrannt. Mich ekelt noch irgendetwas anderes zu sehen. Ich langweile mich sehr schnell, und verlasse den Saal. Und wenn's geht, frage ich nach meinem Ticketgeld nach. Meistens sind sie zu feige, das Geld zurückzuzahlen.
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